Zeitung Heute : Szenen einer Freundschaft

Amerikaner und Deutsche verbindet eine lange und gute Partnerschaft. Zwar hat es immer mal wieder Irritationen gegeben. Aber jetzt kann es ein Zerwürfnis sein. In der Irak-Krise finden die beiden Nationen keine gemeinsame Position. Ganz im Gegenteil.

Robertvon Rimscha

Von Robert von Rimscha

Jeder kennt die Ikonen dieser Freundschaft. Die Care-Pakete und Rosinenbomber, die die Deutschen und vor allem die Berliner während und nach dem Krieg retteten. John F. Kennedy, der auf dem Rückflug von Berlin im Juni 1963 eine Lehre formulierte. Zwei bis drei Millionen Deutsche hatten dem US-Präsidenten zugejubelt. Er also, so sinnierte Kennedy, werde seinem Nachfolger einen verschlossenen Umschlag hinterlassen, den der in schwierigen Zeiten öffnen solle. „Geh’ nach Deutschland!“, würde darin stehen. Deutschland war, was einen Amerikaner aufbaut.

Ronald Reagan war in Europa längst nicht so beliebt wie Kennedy. Und doch müssen Reagans Appelle an Moskau, die Mauer einzureißen und das Brandenburger Tor zu öffnen, als prophetisch gelten. Als die Einheit dann kam, war George Bush ihr wichtigster Förderer. Zwischen der Luftbrücke und der Gegenwart sind mehrere deutsche Generationen aufgewachsen, die mit Swing, mit Elvis, mit Flower-Power, mit Madonna, mit Rap und Baseball-Caps erwachsen wurden. Politisch gab es immer auch Krisen, ob sie Suez, Vietnam, Nachrüstung oder Bitburg hießen. Doch die emotionale Grundmelodie des transatlantischen Verhältnisses war konstant. Egal, wo man im aktuellen Streit stand, es gab Verbündete in den USA. Und wichtiger als Kohls und Reagans Besuch auf jenem Soldatenfriedhof, auf dem auch tote SS-Männer begraben sind, war das, was einem Lehrer in der Schule erzählten. Dass sie am Tag, an dem Jimi Hendrix starb, weinend durch süddeutsche Dorfstraßen schlurften.

Auch Amerika hatte stets eine Affinität zu Deutschland. Die Einwanderer aus Germany assimilierten sich zwar stärker als jene aus Italien oder Irland. Doch eben deshalb konnte man auf Entdeckungsreise gehen. Deshalb konnte Bill Bradley, Basketball-Star und demokratischer Präsidentschaftskandidat im Jahr 2000, ein erstauntes Buch über seine eigenen, frisch ausgegrabenen deutschen Wurzeln schreiben. Und aus der US-Volkszählung berichten, dass gut 50 Millionen US-Bürger ihre Herkunft als „deutsch“ beschreiben – Platz 1 in der Ahnengalerie.

Wie geriet das Verhältnis aus einer mit Pathos reich bestückten Geschichte auf die Rutschbahn der Tagespolitik? Wie konnte es passieren, dass ein Land, dessen stille Botschafter die Millionen hier stationierten US-Soldaten waren, plötzlich ein BeinaheSchurke an der Seite Libyens und Kubas wurde, ein Teil des quengelnden „alten Europa“, um die zwei aktuellsten Verbalinjurien Donald Rumsfelds aufzugreifen?

Amerika hat die Sätze seines Verteidigungsministers unaufgeregt hingenommen. Dass das neue, demokratische Osteuropa amerikafreundlicher ist als das „alte“: eine Selbstverständlichkeit. Dass es nur drei Staaten gibt, die explizit eine finanzielle Beteiligung am Wiederaufbau des Irak nach einem Krieg ausgeschlossen haben: faktisch richtig. Der Zirkus um Verteidigungsminister Rumsfeld zeigt, wie blank die Nerven liegen, wie hypersensibel und zum Zerreißen gespannt das Verhältnis ist.

Man werde in Sachen Irak wohl noch eine andere Meinung vertreten dürfen, wo für den Kampf gegen den Terror doch die „uneingeschränkte Solidarität“ gelte und Schröder die Vertrauensfrage riskierte, argumentiert Berlin. Washington sieht es anders und präsentiert eine lange Erosionsliste. Nicht Schröders Nein zum Irak-Krieg störe Bush, sondern die ostentative Widerspenstigkeit, mit der diese Haltung vorgetragen wurde. Warum musste das Wort „Abenteuer“ fallen, warum die frühe Festlegung des Supermultilateralisten Deutschland, die Haltung der UN sei egal? Wozu ein „deutscher Weg“? Ferner glaubt Washington, Schröder habe frühzeitig versprochen, mit seiner Haltung nicht auf eine Werbetour zur Sammlung von Amerika-Gegnern zu gehen, habe aber genau dies im Wahlkampf dann getan. Hinzu kam, was die Ex-Justizministerin Däubler-Gmelin über Bush sagte, Unklares über Motive, die jenen Hitlers glichen. Hinzu kam ein völlig missratener Entschuldigungsbrief aus Berlin, den die Wahlkampf-SPD diktierte, nicht aber der Außenpolitik-Stab der Kanzlers. Hinzu kamen Indiskretionen aus Gesprächen im Weißen Haus, ein schon fast vergessenes Affärchen, das sich aber in den Augen Amerikas traurigerweise einpasst in ein Gesamtbild: Das eines Partners, auf den man sich letztlich nicht mehr verlassen kann, das eines Undankbaren.

Zu diesem Bild gehören nicht nur symbolische Worte, sondern auch konkrete Taten. Vor zweieinhalb Wochen hatten die USA die Nato gebeten, zu prüfen, wie man der Türkei im Kriegsfall helfen könne. Frankreich, Deutschland und Belgien waren gegen den Prüfauftrag. Er komme zu früh, rechne mit einem Krieg, der verhinderbar sei. Durch ein Veto aus Paris wurde entschieden, den US-Wunsch zunächst nicht zu behandeln.

Jetzt liegt die Bitte Washingtons erneut auf den Brüsseler Nato-Tischen. Bis Montag muss widersprechen, wer diesmal wieder auf Nichtbehandlung plädiert. Paris wollte nicht erneut den schwarzen Peter spielen, Belgien ist nicht schwergewichtig genug – bleibt Deutschland. Doch Berlin käme in den Geruch der Türkei-Feindlichkeit, wenn man die Hilfe für den Nato-Partner blockiere. In Regierungskreisen hieß es: „Die Türkei darf nicht schlechter gestellt werden als Israel.“ Dann, am Freitagnachmittag, war plötzlich die Einigung da: Paris übernimmt doch erneut den Part, laut Nein zu sagen, Belgien und Deutschland gehen d’accord. Die Stichelei gegen die USA soll zeigen, dass Europa den Krieg weiter verhindern will.

So schwierig ist der deutsch-amerikanische Vorkriegsalltag, so viele Zeichen der Zerrüttung gibt es im Kleinen. Dahinter steht die Entfremdung im Großen. Amerika ist nach den Anschlägen vom 11. September aktiv und nach außen gewandt wie selten zuvor. Europa ist sich selbst genug, ist selbst ja nicht Realität, sondern ein Projekt. Berlins Projekt. Fotos: AP, akg-images/Montage: Roth

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