Zeitung Heute : T-Online stehen härtere Zeiten bevor

KURT SAGATZ

Ein großer Teil des Erfolges des Telekom-Datendienstes T-Online , der seine Nutzerzahl inzwischen auf über 2,3 Millionen steigern konnte, beruhte auf dem Quasi-Monopol im Homebanking-Bereich.Wer vom heimischen Computer oder vom Firmenrechner aus Kontostände abfragen oder Überweisungen tätigen wollte, kam bis dato an T-Online kaum vorbei.Rund 1200 Institute ermöglichen ihren Kunden den direkten Kontozugang über den Telekom-Dienst.Die Zahl der Online-Konten liegt schon lange im Millionenbereich, für die Konkurrenz von AOL und CompuServe blieb bislang nicht viel, von reinen Internet-Nutzern ganz zu schweigen.

Eine neue Technologie könnte nun Schluß machen mit dieser Vormachtstellung.Im Oktober wird der neue Home-Banking-Computer-Interface-Standard - kurz HBCI - gültig und ist dann für alle deutschen Finanzinstitute bindend.Dies muß für die Branche nicht einmal von Nachteil sein, denn wer Homebanking über HBCI im Internet anbietet, muß sich keine Sorgen mehr darum machen, ob der Onliner nun über T-Online, AOL, CompuServe oder einen x-beliebigen Internet-Service-Provider ins Netz gelangt, denn die neue Schnittstelle zwischen dem Kunden und seinem kontoführenden Institut regelt die technische Abwicklung der Datenübermittlung unabhängig vom Zugang.Bei der Sicherheit setzen die Sparkassen übrigens auf eine Chipkarte, die die Verschlüsselung der Transaktion übernimmt.Die Privatbanken bevorzugen derzeit die Softwareverschlüsselung durch den sogenannten RSA-Standard.

Wohin der neue Standard in der Online-Kommunikation mit den Finanzinstituten führen kann, zeigte sich auf der CeBIT-Home in Hannover am Beispiel der Sparkassen, die jetzt eine Kooperation mit der Nummer zwei im Online-Bereich AOL eingegangen sind.Bereits zum Start des jetzt angelaufenen Betatests sind rund die Hälfte aller 300 Sparkassen aus 11 Bundesländern auch über die T-Online-Konkurrenz erreichbar, darunter auch die Berliner Sparkasse.Für ihre Homebanking-Aktivitäten benötigen die AOLer nur noch die Version 2.0 von StarMoney.Entwickelt wurde diese Software von einem Joint venture der Sparkassen mit dem Hamburger Softwarehaus StarDivision, das sich bislang vor allem durch sein Büropaket StarOffice einen Namen gemacht hatte.Die Software wird über die jeweiligen Sparkassen abgegeben, wobei die Preise zwischen den einzelnen Instituten wechseln können.Nach der vollständigen Implementation von HBCI soll zu einem späteren Zeitpunkt auch ein Paket aus Software und Kartenleser folgen, das dann Schluß mit dem Zahlenwirrwarr von PINs und TANs machen soll.

Die Bedeutung des Standards, der bislang nur auf Deutschland beschränkt ist, haben natürlich auch die Konkurrenten von StarFinanz erkannt.Die neue Version von Microsofts Money 99 unterstützt HBCI ebenfalls.Gleiches gilt für Quicken von Intuit.Zusammen mit der zur Deutsche-Bank-Gruppe gehörenden Bank 24 wurde Quicken 24 entwickelt, das ebenfalls die Alleinstellung von T-Online aufbricht, in dem es sowohl über den Telekom-Dienst als auch über das Internet (www.bank24.de) funktioniert und damit auch für das Internet-Banking alle Kontoführungs- und Analysetools bereitstellt, die Quicken zum Marktführer in dieser Softwaregattung gemacht haben.Anfangs werden dazu auch bei der Bank 24 noch die altbekannten Sicherheitsverfahren über Pins und Transaktionsnummern benötigt, ab Dezember reicht dann die Verschlüsselung über die HBCI-Sicherungssoftware.

Einer der großen Vorteile des Internets gegenüber T-Online mit seinem grafisch wenig anspruchsvollen CEPT-Standard ist aus Sicht sowohl der Bank 24 wie auch deren direkter Konkurrenz von comdirekt, daß dort die Kunden mit übersichtlich präsentierten Zusatzinformationen aus der Welt von Aktien und Rentenwerten versorgt werden können.Comdirekt hatte sich daher bereits im April dazu entschieden, sich von T-Online als Homebanking-Plattform zumindest teilweise zu verabschieden.Geblieben ist nur noch der Zugang zum maschinellen Datenaustausch, die übrigen Homebanking-Angebote rund um das verzinste Girokonto und das Brokerage sind nur noch über die Adresse www.comdirekt.de zu erreichen.Diese Arbeitsteilung zwischen Online-Dienst und Internet ist auch für andere Institute vorstellbar, denn bis zur marktweiten Einführung des HBCI-Standards dürfte es noch etwas dauern, denn zwischen den ersten Ankündigungen auf der ersten CeBIT Home 1996 sind immerhin schon zwei Jahre vergangen.Zudem sind die Rechenzentren zur Zeit damit beschäftigt, daß Jahr-2000-Problem und die Euro-Umstellung in den Griff zu bekommen.

T-Online selbst beobachtet die Entwicklung gelassen.Zum einen weiß der Dienst, daß auch bei den Instituten keine große Neigung besteht, ein einmal eingeführtes funktionierendes und sicheres System voreilig durch ein weniger erprobtes auszutauschen.Und zum anderen hat T-Online seine Attraktivität inzwischen auch durch die Erhöhung der Internet-Übertragungsleistung gesteigert.Ob dann die Homebanking-Anwendung unter T-Online oder im Netz läuft, wäre somit von untergeordneter Bedeutung - solange die Kunden des Online-Dienstes bei der Stange bleiben.

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