Zeitung Heute : T-Otal T-Euer

Der Autor ist Medienwissenschaftler an der Freien

VON VOLKER GRASSMUCKZugegeben, die Telekom ist leichte Beute für den lästernden Kolumnisten, aber da wir den liebsten Prügelknaben der Cyber-Nation noch 325 Tage lang in Monopolstellung ertragen dürfen, muß es mal wieder sein: Wer in den USA einen Telefonanschluß braucht, kann mitten in der Nacht beim Operator anrufen, der sich die Daten auf den Bildschirm holt und - interaktiv - die Leitung freischaltet.Als ich letzten Herbst für sechs Wochen in Tokyo war, dauerte dies beim privatisierten NTT einen Tag. Und in Deutschland? In Berlin orderte ich einen Anschluß für meine neue Wohnung.Zehn Tage später bekam ich eine Auftragsbestätigung, auch im folgenden Monat traf reichlich Post ein, aber kein Telefon.Kurz bevor schließlich der Monteur kam und den Anschluß binnen drei Minuten installierte (und "Nur vier Wochen jewartet?" fragte), las ich eine dpa-Meldung: Sobald das Berliner Telefonnetz digitalisiert ist, sollen ab 1997 neue Anschlüsse binnen fünf Tagen geschaltet sein.Fünf Tage, nicht fünf Sekunden, weil hierzulande alles seinen bürokratischen Weg gehen muß. Endlich wollte ich also mein Modem in die Dose stöpseln, als mir die Telekom die nächste Freude bescherte, denn der deutsche TAE-Stecker stellt die Krönung der Kunst dar: zwei Klingeldrähte sind so auf sechs Steckeranschlüsse verteilt, daß das Endgerät auf jeden Fall nicht funktioniert.Mir dämmerte: Wenn die Mannstunden, die die Telekom dafür ausgibt, ihren Kunden das Leben schwer zu machen, stattdessen in die Verbesserung ihrer Leistungen fließen würden, hätte sie eine gute Chance, ihren Ruf als "größter Verhinderer der Infobahn" und ihren Spitznamen "T-Otal T-euer" einmal loszuwerden. Schon heute schneiden Telefonieren im Internet und Callback-Dienste in den Monopolkuchen.Aber erst wenn der Telekom der scharfe Wind des internationalen Wettbewerbs um die Nase wehen wird, ist mit Besserung zu rechnen, etwa mit kostenlosen Telefongesprächen.Die Sache hat zwar einen Haken, weil die Telefonierer alle drei Minuten eine Werbeunterbrechung von zehn Sekunden ertragen müssen, aber der derzeitige Probelauf von "Gratistelefon" in Schweden ist dennoch so populär, daß jeden abend die Leitungen heißlaufen.Will die Telekom bis 1998 für die Konkurrenz fit sein, so hilft ihr nur eine Radikalkur.Endlich Tarife wie in den USA...wäre das T-Oll!

Der Autor ist Medienwissenschaftler an der Freien Universität Berlin08./09.02.97

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