Zeitung Heute : Tag der Arbeit - bei immer weniger Jobs

HEIK AFHELDT

Der 1.Mai, das ist heute zuallererst ein freier Tag.Das war nicht immer so.Der "Tag der Arbeit" hat anderes erlebt.Werden die Arbeitenden den 1.Mai 2008 als Aktionäre feiern?VON HEIK AFHELDTEr war der Tag der Gewerkschaften als er 1889 in Paris eingeführt wurde, ein Tag des Protestes und der Solidarität des Proletariats, des sogenannten vierten Standes.In West-Berlin haben die großen Maikundgebungen früher Hunderttausende auf die Beine gebracht.Die Gesichter waren damals hagerer, die Taschen leerer und die Probleme und Parolen andere. Vor 40 Jahren zum Beispiel, 1958, richtete sich der Protest gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr und das Wettrüsten.Zehn Jahre später, am 1.Mai 1968, forderte der DGB "eine gezielte Politik der Vollbeschäftigung".Am 1.Mai 1988 klang es genauso wie heute."Geschlossen" treten die Gewerkschaften, so hieß es im Bericht des Tagesspiegel, "gegen die Wirtschaftspolitik der gegenwärtigen Bonner Koalition auf, der sie vorwerfen, gemeinsam mit den Arbeitgebern das Ziel zu verfolgen, die Reichen reicher und die Armen ärmer" machen zu wollen.Sie nehmen nicht zur Kenntnis, heißt es weiter, "daß sich die Gesamtwirtschaft in einer Strukturkrise" befindet, die ein Umdenken verlangt.Statt weiter Arbeitszeitverkürzungen und kontinuierlichen Lohnzuwachs für die Beschäftigten zu fordern, sollten sie Verantwortung für die Arbeitslosen zeigen.Das war vor zehn Jahren.Die Zahl der Arbeitslosen lag damals im alten Bundesgebiet schon bei 2,24 Mio. Heute fragen wir uns, was die Gewerkschaften, was die Arbeitgeber seither gelernt haben.Was taugen die jüngsten Programme der Parteien zum Thema "Mehr Beschäftigung, weniger Arbeitslosigkeit"? Der Befund ist nicht beruhigend - im Gegenteil.Die Therapien sind nicht zukunftstauglich.Der Wohlstand ist zwar in den letzten zehn Jahren im Westen für die meisten noch ein wenig gewachsen - und im Osten sogar kräftig -, aber die Arbeitslosigkeit hat hier wie dort stärker zugenommen.Waren die Rezepte falsch oder haben wir die Arzneien falsch dosiert? Faktum ist, die Lohnarbeit ist in Europa - anders als in den USA - überall deutlich geschrumpft.Gleichzeitig haben sich immer mehr Menschen um Arbeit beworben, vor allem Frauen und 3,5 Millionen Ausländer.Nur, schon heute produzieren wir mit gut 20.000 Arbeitsstunden im Leben mehr als unsere Urgroßeltern, die noch um die 60.000 Stunden um Lohn und Brot geschuftet haben.Allen geht es heute besser.Aber für diesen beeindruckenden Wohlstand brauchen wir schon jetzt nicht alle Arbeitswilligen.Und morgen können wir das früher Nötigste mit noch weniger Arbeit herstellen.Das wachsende Wissen der Menschen ist der stärkste Motor zum stetigen Wachtums der Produktivität. Aber die Menschen wollen nicht nur essen, sondern etwas Sinnvolles tun.Also suchen wir neue Inhalte für unseren Tätigkeitsdrang: Soziale und kulturelle Beschäftigungen, Unterhaltung und noch mehr Gesundheitsleistungen für noch längeres Leben.Die Lebensarbeitszeiten werden trotzdem weiter zurückgehen.Was wir brauchten, wäre eine viel breitere Teilhabe am Produktionsvermögen.Dann könnten die Einkommen künftig zu einem erheblichen Teil aus dem Kapitalzins kommen. "Ist er jemand oder muß er arbeiten?" fragte einst eine Berner Patrizierin ihre heiratslustige Tochter.In zwanzig Jahren sind hoffentlich viele von uns in diesem Sinne "wer".Der Tag der Arbeit würde dann zu einem Tag der Aktionäre.Die Mai-Parolen 2008 lauteten: Für höhere Gewinne und Dividenden.Warum eigentlich nicht? Auch hier sind uns die Vereinigten Staaten voraus: dort sind heute schon mehr als 100 Millionen Bürger Aktionäre.

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