Zeitung Heute : Tag der Gnade, Tag des Zorns

Der Mann, der auf den Papst schoss, ist frei

Susanne Güsten[Istanbul]

Von Susanne Güsten, Istanbul

Blut rann über das Pflaster vor dem Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Kartal. Während Mehmet Ali Agca aus seiner Zelle geholt wurde, schlachtete auf der Straße sein Bruder Adnan einen Hammel, um die Freilassung zu feiern. Die Lache stand noch auf den Steinen, als sich gegen halb zehn Uhr die Tür öffnete und Mehmet Ali Agca nach 25 Jahren Haft in die Freiheit hinaustrat. Trotz bitterer Kälte nur mit Jeans, Pullover und Turnschuhen bekleidet, lief der Papst-Attentäter über den Hof zu einem Wagen, der ihn an den Fernsehkameras vorbeifuhr.

Vor dem Gefängnis schwenkten die einen türkische Fahnen, die anderen weinten. „Der Killer ist unter uns!“, entsetzte sich die türkische Presse. Redakteure der liberalen Tageszeitung „Milliyet“ erinnerten sich an den 1. Februar 1979, an dem der Killer aus dem rechtsradikalen Milieu ihren Chefredakteur Abdi Ipekci erschoss und sie die Zeitung unter Schock fertig machten. Dass Agca nach seiner Auslieferung aus Italien im Jahr 2000 nur noch fünfeinhalb Jahre für den Mord an Ipekci absitzen musste, gilt ihnen als Justizskandal. „Tag der Schande“, titelte „Milliyet“.

Anders sehen es die Ultra-Nationalisten. Mit Blumen bestreuten Anhänger der rechtsnationalen Szene den weißen Wagen, in dem Agca in die Freiheit fuhr. Am Mord an Ipekci waren mehrere Täter beteiligt, aber nur Agca wurde gefasst, obwohl die Namen seiner Komplizen bekannt sind. Wer ihn zu dem Papst-Attentat angestiftet hat, ist bis heute ungeklärt. Agca winkte den wartenden Reportern mit einem Foto von Papst Johannes Paul II. zu. Seit vielen Jahren plaudert Agca oft und gerne über seine Taten: in Briefen und Interviews, vor Staatsanwälten und Richtern und einmal sogar mit Johannes Paul II. selbst, als dieser ihn 1983 in der Haft besuchte. Dass der Vatikan ihn zu der Tat angestiftet habe, dass er mit Kardinälen ein Komplott geschmiedet habe, und dass er im Auftrag Gottes gehandelt habe, sind nur einige der Behauptungen des Mannes, der sich gerne als Messias vorstellt und vom Vatikan das Angebot erhalten haben will, Kardinal zu werden.

Vielleicht ist Mehmet Ali Agca einfach geisteskrank. Ein einsamer Irrer ist er nicht, sonst wäre er nie auf den Petersplatz gelangt. Wegen des Mordes an Ipekci und Raubüberfällen wurde Agca schon 1979 in der Türkei gefasst. Mit Hilfe einflussreicher Freunde und eines Helfers in der Wachmannschaft des Gefängnisses konnte er noch im selben Jahr ins Ausland fliehen. Am 13. Mai 1981 tauchte er auf dem Petersplatz in Rom wieder auf – und schoss auf den Papst.

„Agca ist nicht nur der Mörder meines Vaters“, protestierte die Tochter von Ipekci, Nüphet Ipekci Izet, gegen die Freilassung. „Er ist der Mörder der Nation, er ist der Mann, dem wir es verdanken, dass die Begriffe Türke und Killer in den Augen der Welt zusammengehören.“ Die Familie Ipekci will anfechten, dass der in der Türkei ursprünglich zum Tode verurteilte Agca nach mehreren Amnestien und Haftverkürzungen am Ende nicht viel mehr als fünf Jahre für den Mord an Abdi Ipekci absitzen musste – im Vergleich zu den 19 Jahren, die er für den Mordversuch am Papst in Italien einsaß, eine unverhältnismäßig milde Strafe, wie sie findet.

„Diese Freilassung sollte noch einmal überdacht werden“, erklärte auch Justizminister Cemil Cicek, der sie nun vom Berufungsgerichtshof überprüfen lassen will. Mehmet Ali Agca hatte an seinem ersten Tag in Freiheit andere Sorgen. Die Militärbehörden schickten ihn von einer Musterungsbehörde zur nächsten. Der 48-Jährige hat wegen seiner kriminellen Karriere keinen Wehrdienst geleistet. Bis zur Entscheidung über seinen Antrag auf Ausmusterung aus Gesundheitsgründen wurde Agca schließlich entlassen.

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