Tag des Friedhofs : Berlins Bestattungskultur wird vielfältiger

Was in anderen Ländern und Bundesländern schon längst gang und gäbe ist, soll nun bald auch in Berlin Realität werden: Die Bestattung ohne Sarg und ohne Urne. Der sogenannte Sargzwang soll nach Informationen des Tagesspiegels noch in dieser Legislaturperiode aufgehoben werden. Auch die 48-Stunden-Frist, die bis zu einem Begräbnis verstreichen muss, soll fallen.
„Wir bereiten eine Gesetzesänderung vor, durch die der Sargzwang auf Berliner Friedhöfen aufgehoben wird", erklärte Marie-Luise Dittmar, Sprecherin in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz, auf Anfrage. Nach ihren Worten wird vermutlich in dieser Legislaturperiode auch die derzeit gültige Regelung aufgehoben, wonach eine Leiche frühestens 48 Stunden nach dem Tod in Berlin bestattet werden darf – dann könnten zum Beispiel Muslime, wie in ihrer Heimat, bereits am Sterbetag beerdigt werden.
„Es ist alles auf einem guten Weg“, sagte Dittmar. Nur die Schweinegrippe habe die Gesetzesänderung bisher verzögert. Und so heißt es in Paragraph 9, Absatz 2 der Berliner Friedhofsordnung noch: „Bestattung ist die Erdbestattung einer menschlichen Leiche in einem Sarg und die Beisetzung von menschlicher Asche.“
Jeder Bezirk in Berlin hat dann noch eine individuelle Satzung für seine Friedhöfe mit genauen Angaben, wie zum Beispiel zur Höhe des Grabmals. „Diese Bestimmungen sind mittlerweile ziemlich aufgeweicht“, hat Andreas Kopfnagel, Leiter der Friedhofsverwaltung Tempelhof-Schöneberg, beobachtet: „Auf lange Sicht werden sowohl über als auch unter der Erde die Bestimmungen lockerer.“
Das neue Gesetz wird nicht nur der muslimischen Gemeinde Berlins entgegenkommen, sondern auch der jüdischen und anderen Glaubensgemeinschaften, die ihre Toten traditionell schnell bestatten.
„Wir begrüßen die geplante Gesetzesänderung sehr“, sagt Rolf-Peter Lange, Vorstand des Verbandes deutscher Bestattungsunternehmer in Berlin. Im Grunde sei er überrascht, dass es jetzt dazu komme. Hamburg sei da ein Vorreiter gewesen, auch in Niedersachsen und anderen Bundesländern habe man schon vor langer Zeit die Sargpflicht abgeschafft. „Es zeugt auch von einem größeren Respekt gegenüber verschiedenen religiösen Bestattungsritualen, wenn man den Sargzwang aufhebt“, so Lange. Jeder habe schließlich das Recht, seine Toten so zu betrauern und zu bestatten, wie es in seinem Kultur- und Religionskreis üblich ist.
In Zukunft werden voraussichtlich weniger türkische Muslime in Berlin ihre Toten zur Beerdigung in die Heimat fliegen. Momentan gibt es allerdings in Berlin nur zwei Friedhöfe, die für muslimische Bestattungen vorgesehen sind: Der Friedhof in Neukölln am Columbiadamm ist inzwischen belegt, so dass die meisten Muslime auf dem benachbarten Garnisonsfriedhof und in Gatow auf dem Landschaftsfriedhof beerdigt werden – dort gibt es Grabfelder, auf denen die Gräber wie vom Islam gefordert nach Osten in Richtung Mekka ausgerichtet sind.
Bisher ist die Lage aber noch so: Vor allem ältere Türken wollen in ihre Heimat überführt werden, und zwar möglichst noch am Todestag – so schreibt es die islamische Überlieferung vor. „Wir sorgen dafür, dass die Leiche per Flugzeug innerhalb von 48 Stunden in die Türkei gebracht und dort beerdigt werden kann“, sagt Isikali Karayel. Er arbeitet beim Bestattungsunternehmen Ikinci Bahar – zu Deutsch: „Zweiter Frühling“. Dies ist nach eigenen Angaben das größte auf muslimische Beisetzungen spezialisierte Beerdigungsinstitut in Berlin und gehört zur Grieneisen AG, dem größten deutschen Bestatter. Karayel schätzt, dass etwa 70 Prozent der Türken nach ihrem Tod in ihrer Heimat die letzte Ruhestätte finden. Vor nicht langer Zeit lag dieser Anteil noch bei 90 Prozent. „Die meisten Älteren sagen bis heute: ,Ich habe mein Leben lang in Deutschland gearbeitet, wenigstens nach dem Tod möchte ich in meinem Geburtsort neben meinem Vater begraben werden’“, so Karayel. Es seien vor allem tote Kinder und junge Leute, die in Berlin ihre letzte Ruhestätte finden. Auch viele Muslime aus Pakistan, Indonesien und aus arabischen Staaten werden hier beerdigt, weil die Überführung in die Heimat teuer ist.
Für viele Berliner Friedhöfe wäre die Neuregelung ein Segen. Mancher Friedhof ist unterbelegt. Deshalb wurde in Ruhleben 2001 aus der Not eine Tugend gemacht – und ein Grabfeld für buddhistische Erd- und Urnenbestattungen eröffnet. „Denkbar wäre, dass der eine oder andere Friedhof sich auch für muslimische Bestattungen öffnet, entsprechende Grabfelder und Räume zur Verfügung stellt“, sagt Lange. Isikali Karayel ist überzeugt, dass künftig die Mehrheit der türkischen Muslime in Berlin bestattet werden wird: „Die Angehörigen wollen die Toten in ihrer Nähe haben. Und immer mehr in Deutschland lebende Türken sind hier geboren und möchten hier auch ihre letzte Ruhe finden.“
Wenn dann auch noch eines Tages der Friedhofszwang für Bestattungen fällt, könnte das weitere interessante Entwicklungen nach sich ziehen. Hinduistische Feuerbestattungen am Spreeufer rücken dann ebenso in den Bereich des Möglichen wie die Beerdigung im eigenen Garten.





