Zeitung Heute : Tage des Donners, zweiter Teil

Einsicht, Weisheit – und „einen guten Abgang“ wünschen sie dem Mann, dem sie mal gefolgt sind: Stoiber hatte versucht, die CSU zu besänftigen. Viel gebracht hat es nicht.

Armin Lehmann

Von Mirko Weber und Rainer Woratschka, Wildbad Kreuth

Wenn man Edmund Stoiber so aus dem silbernen BMW aussteigen sieht, Brust raus, Kinn vor und mit kraftvollem Schritt dem Journalistenpulk entgegen, könnte man meinen, in einer Zeitschleife hängengeblieben zu sein. Brust raus, Kinn vor und mit kraftvollem Schritt dem Journalistenpulk – so hat er schon am Vortag Stärke demonstrieren wollen. Doch an diesem Tag wirkt die kleine Theatervorstellung eindeutig verkrampfter. Und – ganz unstoiberisch – hat der Darsteller kein Bedürfnis, die Fragen wartender Journalisten zu beantworten. „Ich gehe zu meiner Fraktion, und wir diskutieren weiter.“ Er wird gewusst haben, was ihn erwartet.

Tage des Donners, Teil zwei. Zweiter Tag in Wildbad Kreuth, womöglich der entscheidende für den bayerischen Ministerpräsidenten, so genau weiß das niemand, als er eintrifft. Es ist der Tag, an dem sich Stoiber seiner Landtagsfraktion stellt. Nun also auch den Hinterbänklern und besonders Zornigen. Denen, die den Unmut der Basis zu spüren bekommen und die sich angesichts des Ausmaßes der Krise nun zunehmend sorgen müssen um ihr persönliches Abschneiden im Wahljahr 2008. Am späteren Abend wird plötzlich sogar das Gerücht in der Welt sein, man gebe ihm nur noch zwei Wochen Zeit, um das Feld zu räumen. Bei aller Liebe: Sie wollen es Stoiber nicht durchgehen lassen, dass sich sein Rückzug hinauszögert, zum Schaden der Partei.

Zunächst allerdings diskutieren sie im mondänen Kreuther Badehaus so Grundstürzendes wie die „kommunalen Zuständigkeiten in der Sozialhilfe“. In christsozialer Sturheit wird zunächst das vorgesehene Programm durchgezogen. In Stoibers Beisein. Erst am Nachmittag steht Stoiber dann den über 120 Abgeordneten in eigener Sache Rede und Antwort.

Auch da ist der Ausgang der Causa noch nicht abzusehen. Dafür ist sicher, dass die parteiamtliche Beschwichtigungsstrategie längst nicht mehr funktioniert.

Eine ganze Reihe derer, die immer noch in Kreuth ankommen, hastig, verspätet, ihre Rollkoffer hinter sich herziehend, wagen sich nun aus der Deckung. Das man sich namentlich gegen Stoiber zitieren lässt, ist in diesem Ausmaß neu. Ganz unverblümt fordern sie Stoiber zum Rückzug auf. „Wir wissen alle ganz genau, dass Edmund Stoiber nicht mehr zu halten ist“, sagt etwa Sebastian Freiherr von Rotenhan und geißelt den „kollektiven, heuchlerischen Eiertanz“. Auch verdiente Personen stumpften nach einer gewissen Zeit ab, befindet der Franke Günther Babel. Und die Abgeordnete Reserl Sem wünscht ihrem Landesvater dreierlei: Einsicht, Weisheit – und „einen guten Abgang“.

Andere, wie der Abgeordnete Jürgen Vocke, warnen vor übereilten Entscheidungen. Einen König dürfe man nur stürzen, wenn man einen neuen habe, sagt Vocke. Aber nicht etwa, weil er zu Stoiber hält. Es müsse sich bloß „endlich mal ein Nachfolger outen“. Noch immer sind die Stoiberianer da nicht geschlagen. In einer Hinsicht jedoch sind sich alle in der Fraktion einig: Sie wollen ein Ende des Gezerres. „Eine Entscheidung muss fallen. So oder so. Und je schneller, desto besser“, sagt einer, der eher zum Stoiber-Lager gehört. Fraktionschef Herrmann mahnt: „Eine derart aufgeregte Diskussion werden wir sicher nicht ein Dreivierteljahr lang führen können.“ Und dass „in einem überschaubaren Zeitraum klar werden muss, wohin die Reise geht“. Soll heißen: Stoibers Andeutung, den Parteitag über seine Kandidatur entscheiden zu lassen und ihn dafür vorzuverlegen, auf Anfang September, ist nicht angetan, die Lage zu entspannen. Bloß keine monatelange Hängepartie, Schlammschlacht inklusive.

Einen Vorgeschmack gibt die jüngste Affäre um einen, der als möglicher Nachfolger Stoibers gehandelt wird: Bundesagrarminister Horst Seehofer. Am Montag hatte das Boulevardblatt „Bild“ punktgenau einen Artikel über eine angebliche Affäre Seehofers platziert. Gestern legte die Zeitung nach und behauptete, Seehofers heimliche Geliebte in Berlin sei schwanger. Seehofer, der verheiratet ist und Familie hat, wäre nicht der erste Politiker, der über eine private Affäre stolpert. Folglich muss Fraktionschef Herrmann am Dienstag noch einmal in aller Deutlichkeit klar machen, dass für die CSU das Privatleben von Politikern „tabu“ sei, gleich, ob sich es um einen Bundesminister oder eine Landrätin handele. Dabei redet über Gabriele Pauli kaum noch einer in Kreuth.

Das Thema ist Stoiber. Doch wie und in welcher Deutlichkeit sie ihm die Notwendigkeit eines geordneten Rückzugs darlegen, dringt bis in die Nacht kaum nach draußen. „Sehr emotional“ sei seine Rede gewesen, sagen Teilnehmer. Und dass es zwei fast gleichstarke Lager gebe: die, die sich mit der Kandidaten-Entscheidung bis zum Parteitag gedulden wollen, und die, denen das zu lang dauert. Und dann tritt doch noch einmal Joachim Herrmann vor die Brotzeitstube, weil er nicht will, „dass die Spekulationen ins Kraut schießen“. Es sei kein böses Wort gefallen, sagt er. Und dass er zuversichtlich sei, noch in der Nacht zu einem „Grundkonsens“ zu gelangen.

Dreh- und Angelpunkt ist Stoibers Satz, wonach er nochmals als Ministerpräsident kandidieren wolle, aber nicht müsse. Wie das zu verstehen sei, werde Stoiber „sicher erläutern“, hatte Herrmann angekündigt. Viele CSUler erwarteten, dass der Regierungschef „den Weg für eine Erneuerung zum richtigen Zeitpunkt freimacht“. Möglich, dass Stoiber damit den Ärger ein wenig dämpfen kann. Stürzen werden sie ihn nicht in dieser Nacht. Also noch eine Atempause?

Der „emotionale Erkenntnisprozess“, von dem einer aus der CSU-Führung spricht, braucht seine Zeit.

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