Zeitung Heute : Tage des Donners

Am Montag die schwersten Unruhen seit Jahren, am Dienstag vier Tote im Norden und zwölf im Süden. Der Krieg kehrt zurück nach Afghanistan – und die Taliban auch

Martin Gerner[Masar-i-Scharif]

Er sitzt in seinem Büro und deutet auf einen Helm und eine Schutzweste, „ziehen Sie die gleich an, wenn wir raus fahren“, sagt er. Weste – zehn Kilo schwer – und Helm – bezogen mit einem Stoff in Tarnfarben – hängen auf einem Holzkreuz, es sieht aus wie die Kreuze auf Friedhöfen. Markus Werther macht zu allem gute Miene.

Das Telefon klingelt, ein Anruf aus Deutschland, „nein, mir geht es gut“, sagt Werther, „ich rufe später zurück“. Werther ist Pressesprecher in Camp Marmal, dem neuen Feldlager der Bundeswehr in Masar-i-Scharif, Nord-Afghanistan. „Sobald es einen Anschlag oder Unruhen gegeben hat, stellen einige Politiker zu Hause den ganzen Auftrag gleich in Frage. Das ist nicht unbedingt hilfreich“, sagt er. Am Montag gab es wieder Unruhen und am Dienstag einen Anschlag.

Gegenüber liegt das Büro von Brigadegeneral Markus Kneip. Ab heute übernimmt der Deutsche den Oberbefehl über die Isaf-Schutztruppe über neun Provinzen im Norden Afghanistans. Isaf: International Security Assistance Force, Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe, über 2000 Bundeswehrsoldaten gehören dazu, vor allem in Masar, Kundus und Faisabad.

„Nicht ruhig und nicht stabil“ sei die Lage, sagt Markus Kneip. Diese Sprachregelung besteht seit langem, erst recht nach den Unruhen in Kabul am Montag und der Ermordung von drei afghanischen Mitarbeiterinnen einer Hilfsorganisation und ihres Fahrers am Dienstag hier ganz in der Nähe. Taliban werden der Tat verdächtigt, eine Bestätigung dafür gibt es bislang nicht. Und im Süden des Landes haben Taliban-Kämpfer am Dienstagabend bei zwei Angriffen auf Polizisten mindestens zwölf von ihnen getötet und bis zu 40 weitere entführt.

„Jeder Anschlag bereitet uns Sorge“, sagt General Kneip. 18 deutsche Soldaten sind bislang in Afghanistan ums Leben gekommen.

„Taliban sind alle, die fremd sind und sich auffällig verhalten“, sagt ein deutscher Offizier. Die Bundeswehr in Masar rühmt sich der guten Zusammenarbeit mit dem einheimischem Militär, aber auch mit den Mullahs und Dorfältesten. Von „kommunizierenden Röhren“ ist die Rede. General Taj Mohammed Jahed, vor dessen Büro in Masar zwei Kanonen stehen und der Teile der afghanischen Armee im Norden kommandiert, sagt: „Aufständische und Taliban sind hier im Norden ohne Rückhalt in der Bevölkerung. Wenn ein Fremder in einem Dorf auftaucht, dauert es nicht lange und er wird als verdächtig gemeldet.“ General Jahed wünscht sich, dass die Deutschen eine aktivere Rolle im Kampf gegen die Opium- Mafia übernehmen. General Kneip sagt: „Einen Kampfauftrag haben wir nicht.“

Eine Patrouillen-Fahrt. Es geht zur benachbarten Kaserne, auf einem Schleichweg. „Wenn ich im Stadtverkehr stehe, bekomme ich ein mulmiges Gefühl“, sagt der Fahrer, ein deutscher Soldat. Im dichten Kabuler Stadtverkehr passierte am Montag der Auffahrunfall, der die Unruhen dort auslöste. Ob es ein spontaner oder organisierter Aufruhr war, wird noch untersucht. Unklar ist auch immer noch die Opferzahl. Das Gesundheitsministerium spricht von 20 Toten und 160 Verletzten bei dem Unfall, dem darauf folgenden angeblichen Beschuss durch US-Truppen und den anschließenden Unruhen. Das Innenministerium gibt die Opferzahl dagegen mit insgesamt sieben an.

Vor dem Serena, Kabuls neuem und ersten Fünf-Sterne-Hotel, sind die Scherben mittlerweile zusammengekehrt. Fenster gingen am Montag zu Bruch, nachdem auch hier ein wütender Mob Steine warf, ein Mann soll erschossen worden sein.

Ausländische und afghanische Geschäftsleute steigen neuerdings im Serena ab. 250 Dollar kostet die Nacht, in der Präsidentensuite sollen es sogar 12 000 Dollar sein. Einheimische Angestellte verdienen 150 Dollar.

In der Bäckerei des Hotels reichen Hotelgäste große Geldscheine über die Ladentheke. Ein junges Paar kauft Plunderteilchen mit Sahnecreme, verschnürt mit rosa Bändchen. Draußen auf der Straße robbt ein Bettler vorbei. Er bewegt sich auf den Händen fort, Beine hat er keine. Seine Augen gieren durch die Scheibe ins Innere der Bäckerei.

„Viele Menschen hassen die Ausländer und auch die Hilfsorganisationen, weil sie von all dem Geld hören, das ins Land kommt und sie selbst immer noch keine Arbeit haben“, sagt Ehsan, ein afghanischer Sicherheitsbeamter. „Andere hassen die Amerikaner, weil sie sich gebärden, als gehöre ihnen das Land.“

Größer werdende Gegensätze zwischen Armen und Reichen und die Folgen von vier Jahren wild fließender Entwicklungshilfe – das bildet eine explosive Mischung. Ein deutsch-afghanischer Architekt nennt noch einen anderen Grund für die Wut gegen die Besatzer: „Die Regierung ist korrupt und schwach, kann ihre Versprechen nicht erfüllen. Auch die Isaf ist schwach. Überstark sind eigentlich nur die Amerikaner, und die schaffen es nicht, angemessen mit ihrer Stärke umzugehen.“

Vergangene Woche gaben US-Einheiten zu, bei einem Bombardement im Süden des Landes 16 Zivilisten getötet zu haben. Menschenrechtler sagen, es seien mehr als doppelt so viele gewesen. Präsident Karsai leitete eine Untersuchung ein.

Neben Kandahar im Süden kommen vor allem die Nachbarprovinzen Helmand und Uruzgan nicht zur Ruhe. Helmand, größte Anbauregion von Schlafmohn, ist dabei zentraler Ort der Auseinandersetzung. „Helmand ist zur Durchgangsstation für Führer der Taliban und Al Qaida geworden“, sagt ein Afghanistan-Experte. Dort würden „Kommunikationsfäden“ aus dem Iran und Pakistan zusammenlaufen, und im Irak würden die Taliban dann trainiert.

Die Aufständischen wollen den Süden nicht kampflos der Nato überlassen. In diesen Wochen ziehen rund 3000 der 19 000 US-geführten Koalitionsstreitkräfte ab. Kanadische, australische und vor allem britische Isaf-Soldaten beziehen dafür Lager in Helmand und Kandahar. Ein über 1000 Mann starkes holländisches Kontingent soll zudem für Sicherheit in Uruzgan sorgen. Dort infiltrieren Taliban ländliche Gebiete.

„Unter Al Qaida haben es die Taliban geschafft, sich zu reorganisieren“, sagt Ahmed Rashid, Autor eines Buches über die Taliban. „Sie haben viel Geld aus dem Verkauf afghanischen Opiums, und es ist ihnen gelungen, neue Allianzen einzugehen mit extremistischen Gruppen in Pakistan, Zentralasien, dem Kaukasus und dem Irak. Al Qaida sorgt außerdem für ihr Training und ihre Ausbildung.“

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