Zeitung Heute : Tagebau: Der Teufel und die Kohle

Claus-Dieter Steyer

Das Ziel dieser Radtour mag allen Vorstellungen von einem Ausflug ins Grüne widersprechen. Es lockt kein Wald, kein Schloss und kein Ausblick auf eine idyllisch gelegene Seenkette. Ganz im Gegenteil. Von ursprünglicher Natur kann auf der Bergbautour durch weite Teile der Niederlausitz keine Rede sein. Die hier zu erlebenden Attraktionen sind eher das Ergebnis einer massiven Zerstörung der natürlichen Umgebung. Der über Jahrzehnte mit Hochdruck betriebene Braunkohle-Abbau hat Mondlandschaften oder nur spärlich begrünte Flächen hinterlassen. Das allein ist in diesen Dimensionen schon einzigartig in Mitteleuropa. Ebenso spannend dürften die Fragen über den Umgang mit diesen Hinterlassenschaften sein.

"Der Niederlausitzer Tourismusverband war durchaus nicht sofort Feuer und Flamme für die Idee einer Bergbautour", sagt Geschäftsführerin Kathrin Winkler. "Wir haben doch viel schönere Ziele als Tagebau, Kraftwerke oder Landschaften mit kümmerlichem Bewuchs anzubieten", meuterten die Zweifler. Aber ein Argument habe sie schließlich überzeugt: So eine Veränderung einer riesigen Landschaft könne nirgendwo sonst beobachtet werden. Idealerweise auf einer Tour mit dem Fahrrad. So liegt jetzt ein Prospekt mit einer insgesamt 309 Kilometer langen Tour zwischen Spreewald, Cottbus und Senftenberger See vor. Sie wurde in sieben Teilabschnitte gegliedert und kann an 18 Bahnhöfen der Region begonnen werden.

Ausgerechnet der Teufel wurde zum Symbol auf Schildern und Karten auserkoren. "Er spielt in der Sagenwelt der Lausitz eine so große Rolle wie in keinem anderen Teil Deutschlands", erklärt Tourismuschefin Winkler. Alles Glück und Missgeschick werde dem "Tscherenbog", wie der Teufel in der Sprache des sorbischen Volkes heißt, zugeschoben. "Der liebe Gott hat die Lausitz geschaffen, und der Teufel hat die Kohle versteckt", lautet beispielsweise ein Spruch. "Aber die Bergleute haben sie dennoch gefunden", ergänzten die Kumpel.

Wegen der guten Erreichbarkeit empfiehlt sich Cottbus als Ausgangspunkt eines ersten Tests der Bergbautour. Aus der Stadt an der Spree stammt der Namensgeber für das wichtigste Projekt des erwähnten Landschaftsumbaus: Fürst Pückler (1785-1871). Der überregional vor allem wegen der speziellen Eisrezeptur bekannte Mann hat Cottbus auf den Sandwiesen in Branitz einen beeindruckenden Park mit Pyramiden und Wasserspielen hinterlassen. Wegen dieser Leistung firmiert das Projekt einer Internationalen Bauausstellung (IBA) unter der Bezeichnung "Fürst-Pückler-Land". In den nächsten zehn bis 20 Jahren sollen auf einer 5000 Quadratkilometer großen Fläche früherer Tagebaue riesige und untereinander verbundene Seen entstehen. Ansätze sind vom Fahrrad aus schon zu sehen.

In den nördlichen und westlichen Abschnitten führt die Tour auch an weiteren IBA-Projekten wie der weltweit längsten Förderbrücke F 60 ("der liegende Eiffelturm") und der nachgebauten Slawenburg Raddusch vorbei.

Auf der ausgewählten Strecke geht es von Cottbus und Branitz zunächst nach Peitz - bekannt für seine Fischteiche und das Eisenhüttenmuseum. Schnell bestimmen die vier großen Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde das Bild. Gespeist werden die Turbinen von den am Wegesrand liegenden Tagebaustätten Cottbus-Nord und Jänschwalde. Bis 1990 durften "Unbefugte" nicht auf das Gelände. Nun erlaubt das Unternehmen Laubag bereitwillig Einblicke in die unheimlich wirkende Welt der Kohleförderung. Vom Aussichtspunkt Götsch erscheinen Bagger, Förderbrücken, Kohleflöze, Abraumhalden und schon rekonstruierte Fläche zum Greifen nah. Bei rechtzeitiger Anmeldung stellt die Laubag sogar so genannte Aufsetzer - Lastwagen mit Rädern in Übergröße und einem Passagiercontainer - für Touren zur Verfügung. Täglich verändert sich das Bild. Noch eine ganze Weile, übrigens. Erst 2017 soll der Tagebau Cottbus-Nord und zwei Jahre später die Jänschwalder Anlage aufgegeben werden. Allerdings fressen sich bis dahin die eisernen Ungetüme immer weiter in die Landschaft hinein. Wo heute noch der Teufel von Wegweisern die Radfahrer grüßt, wird künftig nur ein großes schwarzes Loch klaffen. Darin wird wohl auch das heute noch 350 Einwohner zählende Dorf Horno verschwinden. "Bis Dezember nächsten Jahres muss der letzte Bürger nach unseren Plänen das Dorf verlassen", sagt Laubag-Sprecher Peter Fromm. Der größte Teil der Einwohnerschaft solle in einen neuen Ortsteil von Forst umgesiedelt werden.

Bis auf einige Protestplakate spürt der Besucher von Horno kaum etwas von den bevorstehenden Zerstörungen des Dorfes. Die Vorgärten sind genauso gepflegt wie der Friedhof, Plätze und Fußwege. Die unter dem Ort liegende Kohle scheint wertvoller als die Interessen der Einwohner zu sein. Man hätte Horno "umfahren" können, aber diese Alternative war dem Kohleunternehmen zu teuer. Während der Rast im Dorf kann man das Dröhnen der sich unaufhaltsam nähernden Bagger schon hören.

Der Teufel begegnet dem Radwanderer inzwischen auch schon in einigen Niederlausitzer Gaststätten. Spezielle Menüs runden damit den ungewöhnlichen Ausflug ab. Das Waldhotel Cottbus in der Drachhausener Straße hält beispielsweise einen Teufels-Cocktail in den Varianten "höllisch scharf", oder "feurig-fruchtig" bereit. Hinter der Rubrik "Heißes aus dem Höllenschlund" verbergen sich ein Teufelssüppchen und ein Putenschnitzel "Luzifer".

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