Zeitung Heute : Tagesbefehl: Debatte

Der Tagesspiegel

Von Stephan-Andreas Casdorff

In der Armee gibt es einen Führungsgrundsatz, der lautet: Führen durch Vorbild. Die Wirkung ist tausendfach erprobt, vom Unterführer bis zum Offizier, und hat sich, alles in allem, bewährt. Eigentlich ein guter Vorsatz auch für die Kommandeurtagung, auf der über die Bundeswehr im nächsten, im radikalen Umbruch geredet werden muss.

„Aufgaben, Mittel, Fähigkeiten“, der Titel der Zusammenkunft von 650 Soldaten und Zivilisten in hohen Rängen und mit großer Verantwortung für Mensch und Gerät ist schon treffend gewählt. Und wer, wenn nicht die hohen und höchsten Soldaten dieses Landes müssten sich darüber die Köpfe heiß reden? Denn zwei Jahre kommt die Diskussion nun schon nicht zustande. Die aufrüttelnden Vorschläge der Weizsäcker-Kommission sind ja praktisch schon am Tag nach ihrer Veröffentlichung vom Verteidigungsminister in die Ablage geschoben worden.

So gesehen hatte gestern einer seine letzte große Chance. Beispielgebend hätte General Harald Kujat Mut zur Meinung machen können. Und wie: Er hätte die „Staatsbürger in Uniform“ anrufen und zum Urteil herausfordern, ihre Expertise anfordern können. Die Diskussion um die Zukunft der Bundeswehr braucht nämlich dringend ein Fundament durch die betroffenen Experten.

Stattdessen diese Losung: Es muss so bleiben, wie es ist, bei der Wehrpflicht sowieso, bei neun Monaten auch, und das alles, weil nur damit die intelligentere Armee gesichert wird. Wer wird dem in Hannover noch so richtig offen widersprechen? Sie sind ja doch nicht alle gleich, die „Kameraden“ Offiziere. Außerdem, das aber nur nebenbei: Aus dem Mund des künftigen Vorsitzenden im Militärausschuss der Nato sind solche Worte schon ziemlich gewagt. Der eine oder andere Partner, der schon eine Berufsarmee hat oder sie anstrebt, könnte sich herabgesetzt fühlen.

Selbst wenn der Generalinspekteur der Meinung ist, dass die Wehrpflicht gehalten werden muss, so bedeutet das nicht, dass alle Generale so denken. Da ist eine offene Selbstvergewisserung geraten, aus taktischer Klugheit. Und sei es, um eine breite Phalanx zur Verteidigung der Streitkräfte in ihrer jetzigen Wehrform zu bilden. Sie wäre dann noch beeindruckender.

Warum aber soll es keine Zwischenlösung geben können? Eine Trennung zwischen Heimatschutz (mit Wehrpflichtigen) und Berufssoldaten für internationale Einsätze hat Kujat als unsinnig attackiert. Und nicht erkannt, dass dem Generalinspekteur – immerhin oberster militärischer Ratgeber der Regierung – hier eine politisch-strategische Option für den langfristigen Erhalt der Wehrpflicht geöffnet worden ist. Sie gilt im Blick auf Schwarz-Gelb wie auf Rot-Grün. Außerdem geht die Entwicklung der Bundeswehr längst in diese Richtung. Eine, die ein großer General vor Jahren schon gewiesen hat, indem er forderte, „nur diejenigen Kräfte aufzuwenden und sich die Ziele zu stellen, welche zur Erreichung eines politischen Zweckes eben hinreichen“. Der General hieß – Clausewitz.

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