Zeitung Heute : Tahiti-Flair, Opernarien und Tuntenball

JOST MÜLLER-NEUHOF

Alles geht hier: Der Film "Das fünfte Element" von Luc Besson mit Bruce WillisVON JOST MÜLLER-NEUHOFBalkone, natürlich! Daß wir nicht gleich darauf gekommen sind! Selbstverständlich wird es auch noch bis weit ins nächste Jahrtausend Balkone geben.Mit Menschen drauf, die sich dort lustvoll ihrer Freizeit hingeben, sich kichernd zuprosten, auch wenn ihnen Abgase auf der Lunge drücken und drunten, wo kaum ein Baum mehr steht, ungebändigter Verkehr durch breite Straßen tost.Ridley Scott, Schöpfer einer als ach so realistisch gefeierten Zukunftswelt, hätte sein Automobil einfach mal spätnachmittags durch die Berliner Kantstraße steuern sollen, bevor er seinen "Blade Runner" drehte, diese düstere Geschichte von den in ihrer Stadt eingeschlossenen Menschen. Wir sind bei einem Detail, einer winzigen Randinszenierung in Luc Bessons "Das Fünfte Element", dem Eröffnungsfilm des Festivals in Cannes, dem teuersten französischen Leinwandprodukt aller Zeiten, einem Film, der so vollgesogen ist mit visueller Pracht, daß Kleinigkeiten leicht untergehen.Man möchte ihn anhalten und mit der Lupe über die Leinwand krabbeln, so viele sind es, so viel ästhetisch verdichtete Momente auf engstem Raum, die sich zu einem bunten bewegten Gemälde zusammenfügen. Mit Bruce Willis läuft ein Mann durch dieses Gemälde, der sich in solchen Artefakten selten aufzuhalten pflegt.Aber das stört nicht weiter.Besson, der ohnehin die Gabe hat, spannende, opulente Filme zu machen, ohne daß darin Schauspieler zur Geltung kommen müssen, setzt selbst schon alles daran, seine Bilder zu ruinieren: er gründet den Film auf einem ausgekauten Weltrettungs-Plot, klaut unverhohlen bei Star Wars, läßt seinen Stammkomponisten Eric Serry einen infernalisch aufdringlichen Soundtrack zusammenlärmen und stückelt das Ganze so planlos als Comedy, Action und Science-fiction aneinander, daß man denkt, da fange jedesmal ein neuer Film an. Das alles bricht mit einer Wucht und Lautstärke über uns herein wie das Böse über die Welt.Letzteres kommt nach dem Entwurf des "Fünften Elements" alle 5000 Jahre vor.Dann nähert es sich dem Leben als brodelndes Unheil, das wächst und stärker wird, wenn man es mit irdischen Mitteln bekämpft.Aber wir Menschen haben eine Wunderwaffe, die, weil wir frivol und zerstörerisch sind, dornenbewehrte Extraterristen für uns hüten: vier kleine Steine, die Erde, Feuer, Wasser und Luft symbolisieren, und ein rätselhaftes fünftes Element.Am Tag des Armageddon kommen sie damit zur Erde, doch ihr Raumschiff wird von den Mangalores, doggenähnlichen Knechten des Bösen, vernichtet.Übrig bleibt nur eine abgerissene Hand. Die Menschheit ist redlich verzweifelt.Aber es gelingt, aus der DNS in den Zellen des Übrigbleibsels ein Wesen zu generieren - in einem Spiel aus Licht, Farbe und Trick übrigens, so kunstvoll arrangiert, daß einem schleierhaft ist, wieso man mit diesen technischen Möglichkeiten ausgerechnet öde Dinosaurier auferstehen lassen sollte.Die übermächtige Leeloo (Milla Jovovich) befreit sich aus ihrem Brutkasten, flieht, weil Menschen so grimmig gucken, und plumpst zu Korben Dallas (Bruce Willis) ins Taxi.Jetzt wird den verschwundenen Steinen hinterhergejagt, und zwar Hand in Hand. Gary Oldman gibt zu all dem den Widerpart, den Waffenhändler Zorg, ein hinkender Hitler mit verrutschtem Bärtchen und ein serviler Gehilfe der dunklen Macht, der von der fruchtbaren Kraft der Zerstörung schwärmt.Plötzlich jedoch koppelt Besson sein Werk von diesem Teil ab wie eine Rakete ihre Brennstufen.Er läßt es mit Getöse aufsteigen in eine nochmal neue, noch künstlichere, noch farbenfrohere und detailverliebtere Welt.Er katapuliert uns nach Floston Paradise, in ein intergalaktisches Kreuzfahrtschiff, das träge über dem endlosen Meer eines anderen Planeten dümpelt, die perfekte Projektionsfläche für die Zerstreuungsgelüste der postbürgerlichen Gesellschaft: Tahiti-Flair und Hotelbar-Plüsch, Maritim-Look, Champagner und Jugendstil, Opernarien und Tuntenball - alles geht hier zusammen. Das "Fünfte Element" ist durch und durch französisch: ein geschmackvoller, vor allem ein origineller Blockbuster, selten geglücktes Konsumkino.Besson hatte auch nur eine Idee, da ist er dem Hollywood-Kino derzeit ähnlich.Aber anders als seine amerikanischen Kollegen reitet er sie nicht tot, sondern er verziert sie, bis sich das Ornat verselbständigt.Daß Besson sein Stilleben dann auch noch schüttelt und zerhackt, ist konsequent und macht den Film nur aufregender: der Regisseur kann es sich auch leisten. In 26 Berliner Kinos, OV im Babylon A und in der Kurbel 1.

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