Zeitung Heute : Tallinn: Der Elch auf dem Fäustling

Stefanie Bisping

Die Esten sind ein erstaunliches Volk. Sie sprechen eine merkwürdige Sprache, deren Grammatik von vierzehn Fällen erschwert wird. Sie können sich ein Leben ohne Mobiltelefon und Internetzugang nicht vorstellen - wie sonst wäre die Existenz von 300 000 Handys und von 310 000 Internet-Kunden allein bei der größten estnischen Bank bei gerade mal 1,4 Millionen Einwohnern zu erklären. Zudem singen sie, und das in allen Lebenslagen - wie 1991, als sie im Windschatten der Perestroika mit estnischen Freiheitsliedern knapp vier Jahrzehnte sowjetischer Besatzung in die Geschichtsbücher verwiesen. Im nächsten Sommer werden sie sich mit der Ausrichtung des europäischen Schlager-Wettbewerbs vergnügen. Natürlich fürchten solche Leute auch den nordischen Winter nicht. Mit Pelzmützen und schweren Mänteln bewehrt eilen sie durch kurze Tageslichtstunden und arbeiten am wachsenden Ruhm ihrer jungen Republik.

Tallinns Altstadt kann sowieso alles tragen, auch Eiseskälte und frühes Dämmerlicht. Ihr ist nicht mehr anzusehen, dass der Putz ihrer Häuser noch vor zehn Jahren in sozialistischer Farblosigkeit bröckelte - anders als manchem Wohnblock im Weichbild der Stadt, in der ein Drittel aller Esten lebt. Rund um den Rathausplatz und in den kopfsteingepflasterten Sträßchen drumherum leuchten pastellfarbene Zuckerbäckerfassaden unter roten Ziegeldächern, auf dem Domberg darüber residieren Botschafter in den Stadtpalästen im Schatten der Alexander-Newski-Kathedrale und des rosafarbenen Stadtparlaments.

Als Tallinn noch Reval hieß und Hansestadt war, verschanzten sich hier oben die reichen Kaufleute der Stadt vor dem Fußvolk unten; zur Sicherheit verschloss man abends die Wege in die Unterwelt. Nun fegt hier ein beißender Wind um die Residenz des deutschen Botschafters hinüber zu den finnischen Nachbarn und auf die eisgepanzerten Aussichtsterrassen, die den Blick über die Dächer Tallinns, den Hafen und das Meer öffnen.

Nie ist es in Tallinn weit bis zur nächsten Kirche, deren Türme sich im Rund der meterdicken Stadtmauer fast aneinander drängen. So viele gibt es, dass man sich erlauben konnte, in der Nikolaikirche, die im Mittelalter von einem deutschen Orden für 200 Handwerker- und Kaufmannsfamilien errichtet wurde, eine Zweigstelle des Estnischen Kunstmuseums einzurichten - mit Schwerpunkt Altarbilder und Kirchenschatz.

Andere Bauten sind noch besser beheizt, und viele von ihnen geben Antwort auf die Frage, was Reisende im Winter in Tallinn eigentlich treiben sollen: Einkaufen zum Beispiel. Trotz einiger Burger-Bräter amerikanischer Herkunft führt der alte Warenumschlagplatz zwischen Russland und Westeuropa nach wie vor ein Angebot abseits internationaler Ketten und Konzerne. So liegen in der Altstadt neben verwinkelten, mit Antiquitäten vollgestopften Ladenlokalen Kunstgalerien und Fachgeschäfte für Kristallgläser, Kronleuchter oder Quilts. Dort ist man der uneingeschränkten Aufmerksamkeit des Personals gewiss. Der Wohlstand des wirtschaftswunderlichen baltischen Staats konzentriert sich auf eine kleine Bevölkerungsgruppe und der Besucherandrang - insbesondere aus dem nahen Helsinki - beginnt erst im Frühling.

In der Katharina-Gilde reiht sich ein Atelier ans nächste. Aus ihren Fenstern scheint warmes Licht in die mittelalterliche Gasse, drinnen herrscht ruhige Geschäftigkeit. Hier haben sich Künstlerinnen und Handwerkerinnen nach dem Vorbild alter Gilden zusammengeschlossen. Draußen klirrt leise der Frost. Schließlich hilft selbst der "hoogwein", ein geheimnisvoller, an Mandeln und Rosinen reicher estnischer Verwandter des Glühweins, nicht mehr gegen die Minusgrade. Da verspricht der Wollmarkt Wärme. In einer Seitengasse von Tallinns glitzender Einkaufsmeile Viru verkaufen frierende Frauen an Ständen vor der Stadtmauer farbenfrohe Fäustlinge, meterlange Schals und Pullover. Die elchlastigen Designs lassen keinen Zweifel daran, dass man sich hier Skandinavien eher zugehörig fühlt als allem, was östlich liegt.

Nahe dem Meer, am Hügel Lasnamägi, liegen Park und Palast mit Namen Katharinental. Ein paar Schneeflocken trödeln zu Boden, jeder Schritt knirscht. Peter der Große wollte hier 1718 eine prächtige Residenz errichten, die sich eher als das "Peterhäuschen" genannte Sommerhaus eignen würde, seiner Katharina als Urlaubsdomizil zu genügen. Doch das Leben verstrich zügiger als gedacht. Als der Zar 1725 starb, war der Palast noch nicht fertiggestellt, und Katharina hatte es nie bis nach Tallinn geschafft. Ein Teil des Barockschlosses ist heute Kunstmuseum, ein anderer Sitz des Präsidenten. Zwei starr gefrorene Wachleute schauen in den weißen Park. Unter der Schneeschicht liegt der französische Garten im Winterschlaf.

Seine Zeit ist Monate entfernt, und nun erinnert die weite Schneelandschaft in ihrer milden Hoffnungslosigkeit eher an die ein ganzes Stück weiter östlich angesiedelte Geschichte von Doktor Schiwago und seiner Lara. Nur ein paar Enten watscheln unverdrossen ihrer Wege, hügelabwärts in Richtung des Russalka, eines Denkmals, das an den Untergang des gleichnamigen Kriegsschiffs 1893 erinnert. Dem Bronzeengel schwebt eine Braut entgegen, flankiert von zwei Brautjungfern mit gefährlich nackten Armen, gefolgt vom Bräutigam mit frostroten Ohren.

Die Hälfte der Bevölkerung Tallinns ist russischsprachig, doch die Antipathien gegen die Besatzer von einst sind nicht vollständig überwunden. Zwar ist von Tätlichkeiten nichts zu hören, doch lebt man eher neben- als miteinander. Sprache, Religion und Kultur seien einfach zu verschieden, heißt es dazu von estnischer Seite immer wieder. Doch die oberste Etage des Heimatmuseums, die sich mit der jüngeren Geschichte beschäftigt, legt den Schluss nahe, dass die Erinnerungen an Deportationen und Besatzungszeit zu frisch sind für ein versöhnliches Miteinander - und lebendiger noch als die an die dreijährige Besatzungszeit durch die Nazis. "Propaganda wahr und klar" heißt es an einem Schaukasten mit Parteischriften, "Womit wir den Osten zu bestechen pflegten" an einer Vitrine mit Stofftieren, Spielzeug, Schokolade. Eine Wand voller Fotos von den Auftritten sowjetischer Parteigrößen lässt sich zur Seite ziehen und enthüllt das wahre Leben dahinter - Zeugnisse vom Widerstand, der meist irgendwo in Sibirien endete.

Auch die Museen eignen sich zum Auftauen, und zum Glück gibt es davon an die zwanzig in Tallinn, das seine Kultur und Geschichte so liebevoll pflegt, wie es nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft, mal dänisch, mal deutsch, schwedisch, russisch und schließlich sowjetisch, vielleicht zu erwarten ist. In all der Zeit ging die estnische Identität nie unter. So kursieren neben den beliebten Volksliedern noch alte Märchen und Legenden. Sie erzählen von unheimlichen Vorkommnissen der dunklen Jahreszeit, die deutlicher zu Tage traten, als die langen estnischen Winter noch nicht vom bunten Licht der Bars, Restaurants und der durch kein Ladenschlussgesetz geregelten Geschäfte erhellt wurden. So gibt es auch einen triftigen Grund dafür, warum Tallinn trotz aufwändiger Restaurierung wohl nie vollendet sein wird.

Jeden Herbst kommt nämlich an einem dunklen Abend ein alter Mann vom nahen Ülemiste-See und fragt am Stadttor an, ob Tallinn denn nun fertig sei. Doch seit alters her besteht die Weisung, ihm zu antworten, das Stadtbild sei noch längst nicht vollendet; es müsse noch vieles gebaut werden und dürfte noch Jahre dauern, bis Tallinn komplett sei. Der Mann schüttelt dann den Kopf, murmelt Unverständliches und schlurft missgelaunt zu seinem See zurück. Das ist gut, denn andernfalls, so glaubt man zu wissen, würde der garstige Greis das Wasser des Sees ins Tal und über Tallinn jagen und alles und jeden darin ertränken.

Anderntags geht über Tallinn die Sonne auf. Der Schnee, der am Vorabend über die Altstadt wirbelte, funkelt in einen verzauberten Morgen. Auf den Dächern der Oberstadt löst er sich in Rinnsale, reißt schmelzende Eisplatten auf die Straße hinab und jenen Passanten in den Weg, die wagemutig auf den Bürgersteigen spazieren. Meer und Himmel leuchten tiefblau. Auf einem Platz steht ein Gitarrist und spielt ein Lied aus einem alten Musical. "What a wonderful day", singt er der Kälte entgegen. Und hat wohl recht damit.

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