Zeitung Heute : Tansania: Safari bis zum Victoria-See

Heiko Schwarzburger

Buchhalter der Wildnis: Wenn sich die Sonne zögernd über der Serengeti ankündigt und zartes Licht auf die Akazien wirft, dann lüften die Marabus in den Kronen ihre riesigen Schwingen und stoßen wie eiskalte Engel herab, um nach frischen Kadavern zu suchen. Morgens ist die Luft klar und kühl, und man kann weiter sehen als zu jeder anderen Stunde des Tages. Lautlos streichen die Riesenvögel über das flache Land. Haben sie ein Opfer gefunden, versammeln sie sich und kreisen höher, bis zu dreißig oder vierzig schwarze Schatten tanzen dann vor den feurigen Wolken. Die Nacht gehörte den Löwen, den Leoparden, den Hyänen und den wilden Hunden, die nachts jagen. Doch mit dem ersten Licht beginnt die Inventur, und es ist, als wollten die Marabus die Bilanz der nächtlichen Jagd weithin sichtbar in den jungfräulichen Himmel schreiben.

Lobo Lodge ist eine Rangerstation im nördlichen Teil der Serengeti, mit dicken Balken auf Granitfelsen gebaut. Die Anhöhe erlaubt einen malerischen Blick über die tellerflache Savanne. Nur hundert Meter vom Stellplatz der Jeeps entfernt lagert ein großes Löwenrudel. Kurz vor Sonnenaufgang haben die Raubkatzen einen alten Büffel gerissen. Jetzt weiden die Junglöwen den noch dampfenden Kadaver aus. Von den Marabus nehmen sie keine Notiz, auch nicht von dem Jeep, der sich langsam nähert. Bis auf wenige Meter lassen sie den Wagen heran, erst dann erhebt sich eine Löwin angriffsbereit aus dem Gras. Vorsichtig setzt Isaac Malindi, der erfahrene Safari-Führer, den Jeep zurück. "Wenn wir zu nahe rangehen, lassen sie vielleicht ihre Beute im Stich", flüstert er. Malindi ist in der Gegend aufgewachsen. Er kennt die Serengeti wie seine Westentasche. Die wichtigste Regel im größten Tierreservat Afrikas lautet: Nichts und niemand darf den natürlichen Lauf der Dinge stören.

Staubige Straßen und teure Hotels

Wer in den Westen Tansanias reist, muss Zurückhaltung üben. Die Straßen sind staubig und voller Löcher, die meisten Hotels teuer, ein Tag Safari kostet zwischen 70 und 100 Dollar. Dennoch war Tansania bis vor zehn Jahren in den deutschen Reisebüros ein Selbstläufer. Seit Bernhard Grzimeks legendären Dokumentarfilmen gehörte die Serengeti zu den wichtigsten Reisezielen. Als jedoch Südafrika nach dem Ende der Apartheid in das Reisegeschäft einstieg, erwuchs den erfolgsverwöhnten Ostafrikanern ein Konkurrent. Anders als in Ostafrika sind die Straßen am Kap gut ausgebaut, kein Mangel an Wasser, frischem Obst oder Steaks. Die Buchungen für Ostafrika brachen in den letzten Jahren dramatisch ein.

Mit Hilfe ausländischer Geschäftsleute will Tansania jetzt an die alten Zeiten anknüpfen. "Die staatlichen Tahi-Hotels in der Serengeti und im Ngorongoro-Krater sind zum Verkauf ausgeschrieben", berichtet Charles Mariki, Tourismusmanager in Arusha. Der lärmende Ort am Fuß des Mount Meru ist das Einfallstor für die meisten Touristen, die zum Kilimandscharo oder in die Serengeti streben. Die zentrale Tourismusbehörde wurde neu geordnet, ihr Werbebudget erhöht. Südafrikanische Finanziers erhielten die Erlaubnis, neue Lodges aus dem Boden zu stampfen. "Wir haben letztes Jahr eröffnet", berichtet Michaela Neilson, Chefin der Ngorongoro Crater Lodge. "In der ersten Saison waren wir gut ausgebucht." Der Ngorongoro-Krater ist die Caldera eines längst erloschenen Vulkans am Rande des Rift Valley. Auf nur 150 Quadratkilometern konzentrieren sich rund 25 000 Wildtiere, mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

In dem zugehörigen Schutzgebiet leben 52 000 Massai, die dort ihre Herden weiden. "Die Massai haben viele Jahrtausende mit dem Wild gelebt", sagt Tom Ole Sikar von der SNV, einer niederländischen Hilfsorganisation, die den Kulturtourismus zu den Massai-Bomas im Krater-District entwickeln will. "Sie sind die wirklichen Beschützer dieser Wildnis." Seit vergangenem Jahr läuft eine Kampagne, um die Massai zu Fremdenführern auszubilden.

Mehr Service, mehr private Hotels, gastfreundlichere Einwohner, das zieht: "Im vergangenen Jahr kamen rund 200 000 Touristen in den Westen Tansanias. Die Zahl der Besucher steigt wieder", bestätigt Mary Lwoga, die das Informationszentrum in Arusha leitet. "Vor allem Amerikaner, Engländer, Japaner und Deutsche entdecken die Serengeti neu. Südafrika ist ihnen mittlerweile zu überlaufen." Nach Jahrzehnten des Verfalls ist seit drei Sommern auch die berühmte Momella-Farm wieder eröffnet, auf der John Wayne und Hardy Krüger 1961 den legendären Streifen "Hatari!" drehten. "Wenn der Besucherstrom so anhält, werden wir bald anbauen", meint Chefmanager Paul Njay, der seinen Gästen europäischen Standard und den legendären Konyagi anbietet. Am Ngorongoro und in der Serengeti sind die meisten Touristen im extrem heißen Juli und August unterwegs. Im April und Mai, wenn die nahe Regenzeit erträgliche Temperaturen zulässt, liegen Hochland und Savanne beinahe wie unberührt.

Spuren der ersten Menschen

Dann scheint die Zeit stehen geblieben wie vor vier Millionen Jahren, als die ersten Urmenschen von den Granitfelsen Ausschau hielten. In den Schluchten von Olduvai und Laetoli, an den nordwestlichen Ausläufern des Ngorongoro gelegen, wurden 1978 die Spuren der ersten Menschen entdeckt. Die Unesco hat die Fundplätze mittlerweile notdürftig gesichert. In wenigen Monaten soll hier ein modernes Museum entstehen, das die verwitterte Museumsbaracke der Archäologen ersetzt. In der Serengeti öffnete vor zwei Jahren ein neues Besucherzentrum.

Bislang wenig erschlossen war der Western Corridor der Serengeti. Dieser westliche Ausläufer der riesigen Steppe reicht bis zum Victoria-See. Dort weiden riesige Herden von Gnus, Antilopen, Elefanten und Giraffen, die auch in der Trockenzeit nicht abwandern. Seit kurzem führt der Holländer Jan Willem Halfwerk am malerischen Ufer der Speke-Bucht am Victoria-See eine kleine Bungalow-Siedlung, in jahrelanger Kleinarbeit errichtet. "Es ist leichter geworden für uns", meint er. "Die staatlichen Stellen sind eher zur Kooperation bereit als früher." Halfwerk bietet Kanufahrten auf dem Victoria-See, Radtouren am Ufer und Safaris in den Western Corridor an, mit Anschluss an die Routen nach Lobo oder zum Ngorongoro-Krater. Für das nächste Jahr hat er einen Swimming Pool geplant, denn wegen der Bilharziose ist es gefährlich, in Ufernähe zu baden. "Das ist unseren Gästen kaum zu vermitteln", sagt er. "Vierzig Grad Hitze, den ganzen Tag im Jeep und den See gleich am Bungalow - da will jeder am liebsten sofort ins Wasser springen." Er zuckt die Achseln: "Andererseits - wer zu uns kommt, will noch etwas vom ursprünglichen Afrika der ersten Siedler spüren."

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