Zeitung Heute : Tanz den Videoclip

Bei MTV und Viva machen es Jennifer Lopez, Janet Jackson oder Justin Timberlake vor. Berliner Tanzschulen haben den Trend aufgegriffen – und bieten jetzt Hiphop-Kurse für Jugendliche an

Annette Kögel

Sie winden die Arme geschmeidig durch die Luft. Sie kreisen so leidenschaftlich mit den Hüften, dass selbst Sängerin Shakira anerkennend nicken würde. Und auch mit ihrem Lächeln stehen die jungen Frauen erfahrenen Turniertänzerinnen in nichts nach. Das ist Videoclipdancing: sich so bewegen wie die Stars in den Musikvideos auf MTV und Viva. In Berlin liegt Tanzen wie ein Superstar derzeit im Trend.

Hiphop-Tanzlehrerin Sepideh Farshbaf weiß, warum. „Für mich ist Tanzen total befreiend“, sagt die 21-jährige. Die in Persien geborene Charlottenburgerin konnte ihre Füße schon als Kind nicht still halten. „Als Jugendliche habe ich mich dann entschieden, das zu machen, was ich schon immer leidenschaftlich gern wollte: tanzen.“ Das Abitur hat Sepideh dafür geschmissen, die Aussicht auf eine professionelle Tanzlehrerlaufbahn in der Tanzschule Keller erschien ihr attraktiver. Sich selbst bewegen zu können, ist das eine. Es anderen beizubringen, das andere.

„Eins, zwei, drei“, ruft die Hiphop-Tanzexpertin gegen die Musik aus den Boxen an. Justin Timberlake weint da gerade musikalisch seiner Exfreundin Britney hinterher: „Cry me a River“. Die Videoclip-Choreographie eins zu eins aufs Parkett zu bringen, das klappt aber nicht. Profidarsteller aus den Clips hätten oft Gogo-Dance-Erfahrung, weiß Sepideh, und da kämen Freizeit-Hüftschwinger einfach nicht mit. Deswegen werden die Songs in der Traditionstanzschule an der Bundesallee neu interpretiert. Millimetergenaues Modellieren wie im Turniergesellschaftstanz gibt es beim Videodancing aber nicht. Sepideh: „Die Mädchen müssen das aus dem Gefühl heraus machen.“

Nina Vrana, 18, kann gar nicht anders. „Bei uns in der Familie tanzen alle.“ Zuhause steht sie oft vorm Spiegel und übt, erzählt die Schülerin der 13. Klasse vom Wilmersdorfer Canisius Kolleg. Wenn sie unter Freunden ist und sich traut, tanzt sie schon mal auf dem Tisch. „Nee, kein Tabledance.“ Aber schon so, dass die anderen gucken. Faszinierend, wenn alle aus der Gruppe in einer einzigen Bewegung verschmelzen. „Wenn wir synchron tanzen, das fühlt sich echt klasse an“, sagt Judith Wahrlich vom Steglitzer Hermann-Ehlers-Gymnasium. Die 17-Jährige hat schon bei Schulfeierlichkeiten und Straßenfesten getanzt – und jetzt bei Tanzschulbällen mit den anderen aus der Videoclip-Formation „Backstage Club“.

Das soll ruhig ein wenig so klingen wie „Backstreet Boys“. Denn die Teenytruppe aus Orlando, Florida, machte das Tanzen in den Neunziger Jahren auch für junge Männer hoffähig. Nicht zu vergessen die Rapper, die schon in den achtziger Jahren auf Schulhöfen und Turnhallen über den Boden zuckten. „In unseren Breakdancekursen donnerstags sind bis auf zwei Mädchen alle Jungs“, freut sich Birgit Steirl, ehemalige Nationalmannschafts-Tänzerin und Geschäftsführerin des Traditionsbetriebs in Wilmersdorf. Wie andere Tanzschulen erhält auch sie CD-Neuerscheinungen der Produktionsfirma „Buster Groove“ zum Probetanzen. Welche Stil gerade hip ist?

Wenn Sepideh mit ihren Backstage-Girls tanzt, zelebriert sie Tango-Takte, Flamenco-Figuren, Salsa-Schritte. Derzeit mixen Musiker zunehmend indischen Sound in Dance-Titel wie etwa „Panjabi MC“, bestätigt Tanzlehrerin Peggy. Aber aus welcher Region der Erde die Bewegungen auch immer stammen– vollendet ist so ein Videocliptanz erst dann, wenn er ganz locker wirkt. Wie in den Clips von Janet Jackson, oder eben bei Justin Timberlake. Sepireh: „So zu tanzen ist irre, als wenn man schwebt.“

Infos über Hiphop-, Videoclip- und Breakdancekurse: Tanzschule Keller, Bundesallee 215, 10719 Berlin, Tel. 2187442 ( www.tanzschule-keller.de ). Basiskurs: 8 Std.: 79 Euro.

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