Zeitung Heute : Tanz laß nach

MANUEL BRUG

Uuml;ber die auf der Stelle tretende Berliner BallettpolitikMANUEL BRUG"Duft, Skulptur und Tanz", so preist Richard Cragun, seines Zeichens Ballettdirektor der Deutschen Oper, was einmal ein durchaus respektabler Posten war, in seinem Foyer einen "gelungenen Dreiklang" in Form einer Bronzeskulptur namens "La Danse" an, die in verkleinerter Form als Flacon für ein Parfüm dient.Wem das als subventionierte Werbeverkaufsveranstaltung noch nicht genug ist, dem bleibt noch die jüngste Novität des traditionsreichen Hauses: eine mediokre Operetten-Hüpferei namens "Rosalinde", die einer der russischen Reisetruppen im ICC bestens anstünde.Beim Konkurrenten, der Lindenoper, liegen sie gerade in den letzten Zügen für die "Schwanensee"-Premiere in der Zurichtung von Patrice Bart.Das Geflügelmärchen spielt im Jugendstil, es gibt nur eine Pause, Daniel Barenboim dirigiert.Das sind die Positiva von Prachtboulevard, wo eine der einst führenden klassischen Truppen führungslos dahinschlingert.Bei der kleinen, aber kregeligen Dritten im Musiktheater-, wie Ballettbunde, bei der Komischen Oper, regiert kantenlos schmiegsames Bewegungsdesign à la Jan Linkens.Eine "Nußknacker"-Variation des ausgebrannten Jochen Ulrich wurde glücklicherweise ohne viel Aufhebens gekippt. Viele Stars sind gegangen Soweit die künstlerischen Neuigkeiten aus der gar nicht boomenden, aber immerhin mit 160 staatlich ausgehaltenen Stellen üppig versorgten Tanzmetropole Berlin.Die auswärtige Presse ignoriert solches provinziell anmutende Tun längst - und das mit Recht.Auch der Publikumszuspruch läßt zu wünschen übrig.Bei der ersten Saisonpremiere, einem angegilbten Kenneth-MacMillan-Abend an der Bismarckstraße, verloren sich eben mal 500 Treueste der Treuen im 2000-Plätze-Haus.Ein trister Anblick.Für die Tänzer, deren Karrieren kurz sind, ist solches alles andere als motivierend.Kein Wunder, daß die Fluktuation groß ist, allein beim Ballett der Lindenoper wechselte diese Saison ein Drittel der Belegschaft.Auch viele wichtige und prägende Solisten sind längst von dannen gezogen.Andererseits möchten die Opernintendanten, die in den letzten Jahren den Ballettkarren ziemlich in den Dreck gefahren haben, die oberste Verfügungsgewalt über ihre dancing feet behalten. Ein weites Feld, für einen Kultursenator, der im immer dissonanter tönenden Streichkonzert dringend einen nachhaltigen Erfolg braucht - und der in Kürze wieder 100 Millionen in seinem Haushalt einsparen muß.Also rann an die Tänzer! Abspeckung und Gesundschmelzung auf 120 Stellen, Sanierung des Gesamtbudgets, das ist ein wesentlicher Bestandteil des ballettösen Masterplanes, der nun ausgeheckt wurde.Das Zauberwort dafür lautet BerlinBallett, die neue Großkompagnie, aus klassischen wie modernen Tänzern, die alle Häuser bespielen soll, die innovativ und konservativ zugleich sein muß, die sich leicht leiten läßt, attraktive Choreographen lockt, den Kontakt zur freien Szene hält, und für spitzenmäßige Gastspiele sorgt.Als Positionspapier liest sich das gut.Unabhängigkeit, Wagemut, Vielfalt, Innovation - her damit! Doch solches ist augenblicklich reines, auf die Klärung der pekuniären Verhältnisse gerichtetes Wunschdenken der Kulturbehörde. Barenboim wurde nicht gefragt Gut, man wird wohl nächste Woche mit Gerhard Brunner, dem ehemaligen Leiter des Wiener Opernballetts, dem Gründer des internationalen Wiener Tanzfestivals und augenblicklichen Intendanten des Grazer Dreispartentheaters einen fähigen Verwaltungsmann und Organisator als Ermöglicher der Phantomkompagnie berufen.Doch künstlerische Weichen sind so noch nicht gestellt.So muß sich ein künftiger BerlinBallett-Superchoreograph, sei er klassisch oder modern ausgerichtet, zunächst mit dem Tänzerpotential begnügen, daß Herr Brunner nach erfolgter Abwicklung für ihn übrig lassen wird.Keiner weiß, wer, wann wo wie tanzen soll.Welche Rechtsform wird das künftige Konstrukt haben? Muß ein BerlinBallett als GmbH dann Miete zahlen, wenn es trainiert und spielt.Wer wird die Orchester und welche dirigieren? Daniel Barenboim hat in seinem Vertrag ein Mitspracherecht, ist bis jetzt jedoch kein einziges Mal konsultiert worden.Auch die mauernden Opernintendanten blieben bis jetzt bei den Planungsspielchen der Kulturbehörde außen vor, nur die Verwaltungsdirektoren wurden um Budgetauskunft gebeten.Während die Verweser des klassischen Kuchenteils in Form von Patrice Bart und von Martin Puttke, dem ehemaligen Direktor und Leiter der Staatlichen Ballettschule bereits vernehmlich "hier" rufen, gibt es keinen zeitgenössischen Choreographen vom anvisierten Weltrang auf weiter Flur, der bisher nach Berlin zu locken wäre, oder solches bekundet hat.Wenn dies alles nicht bald geklärt wird, wenn Aufgaben und Zuschnitt nicht bald genau umrissen sind, dann wird das ominöse BerlinBallett nur schwerlich jemals auf die Füße kommen.

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