Zeitung Heute : Tanzen verboten!

Eine lateinamerikanische Fiesta in Leipzig. Doch dann kommt der deutsche Ordnungsdienst. Und zerrt Zuschauer brutal aus dem Stadion – weil sie ausgelassen feiern

André Görke,Lorenz Maroldt[Leipzig]

Immer wieder springt der junge Mexiko-Fan auf, reißt sich das grüne Trikot über den Kopf und schwenkt es laut rufend wild herum, so wie Tausende andere auch hier in den Oberringblöcken 50 bis 52. Es läuft die zweite Halbzeit, und Mexiko spielt gut gegen den Favoriten Argentinien, überraschend gut, begeisternd. Obwohl er sich ab und zu umdreht und nach oben schaut, um auch wirklich alle zum Anfeuern seiner Mannschaft zu bewegen, bemerkt er nicht, was sich ein paar Reihen über ihm abspielt. Er kann auch nicht erkennen, was schräg gegenüber im Block der Argentinier los ist, wo immer wieder Männer in orangefarbenen Westen in die Reihen brechen. Aber es wird bald auch was mit ihm zu tun haben.

Auf einem kleinen Vorsprung in Block 51 steht zur gleichen Zeit wie ein Feldherr vor der Schlacht ein etwa 30 Jahre alter Mann in einer gelben Weste. Supervisor steht drauf, und die Nummer des Blocks, dessen Wart er heute ist: 0051. Er hat seine langen blonden Haare mit einer Sonnenbrille nach hinten gesteckt, und er raucht, als Einziger weit und breit, denn Rauchen ist bei dieser Weltmeisterschaft absolut verpönt. Gegenüber muss sich deshalb sogar Maradona mit seiner Zigarre von einem Ordner in die letzte Ecke die Vip-Tribüne abdrängen lassen. Der Supervisor hat gerade einen Mexiko-Fan von etwa zehn Ordnern aus der zehnten Reihe ziehen lassen. Kurz zuvor noch hatte er ihn auf Deutsch angeherrscht: „Sitzen bleiben, oder du fliegst hier raus!“ Beim nächsten Angriff der Mexikaner war er wieder aufgesprungen, schwenkte seinen Schal und lachte. Da sind sie dann gekommen, die Ordner, die hier „Stewards“ heißen und orangefarbene Westen tragen. Er versteht nicht, was los ist. Seine Sitznachbarn verstehen es auch nicht. Er wird herausgezogen. Die anderen schauen ihm eingeschüchtert nach.

Die Karten hier im Block kosten 120 Euro, mindestens, denn etliche Fans werden sich auf dem Schwarzmarkt versorgt haben. Für 400 Euro war noch was drin. Block 51 ist etwas gemischter; ein paar Deutschland-Fans sitzen hier, auch Argentinien-Trikots sind zu sehen. Alle feiern gemeinsam eines dieser typischen Fußballfeste dieser WM. Schon die Stunden zuvor hatten die Anhänger von Mexiko und Argentinien in Leipzig eine Fiesta zelebriert, wie sie die Sachsen wohl selten erleben – laut, bunt, tanzend. Viele Fans sind abenteuerlich kostümiert, nichts riecht hier nach Krawall. So geht es im Stadion weiter: überschäumende Begeisterung, emotional, aber friedlich.

Jetzt hat der Supervisor den trikotschwenkenden Mexiko-Fan ein paar Reihen weiter vorne fixiert. Er neigt leicht den Kopf und spricht in das Mikrofon auf seiner Schulter. Minuten später kommen die Orangefarbenen wieder, ziehen schwarze Lederhandschuhe über ihre Finger und zwängen sich durch die Reihe. Ein Steward fragt noch, was mit dem Fan geschehen soll. Die Antwort des Supervisors: „Raus aus dem Stadion.“ Er lässt seinen Blick schon wieder über seine Tribüne schweifen. Er ist dabei nicht allein.

„Jungs, wir haben alles im Griff“, ruft ein junger Typ, der ein hellblaues T-Shirt mit dem Aufdruck „Volunteer“ trägt. Er ist einer der freiwilligen Helfer, der Fans eigentlich Rat geben soll, stattdessen aber Hilfssheriff spielt und die Ordner immer wieder zu den Fans jagt. „Da, der!“, ruft er und schaut so aufgeregt wie Jugendliche bei der Randale am 1. Mai in Berlin, die ein bisschen Action suchen.

Solche Nachrichten hören sie beim Organisationskomitee nicht gern, weil die Stimmung doch so locker-fröhlich ist. Fünf Beschwerden von Fans gab es bislang insgesamt, das ist nicht viel bei 2,7 Millionen Besuchern. Und dann kommt eine Horde von aggressiven Ordnern und lässt die Fans verängstigt zurück.

Der Ordnungsdienst wird von der Firma „Leipziger Löwen“ gestellt, 1100 Mann, von denen Hooligan-Fahnder sagen, dass „einige von den Jungs zu unserer Klientel gehören“. Man hat die Männer im Blick, aber erwischt hat sie die Polizei noch nicht. „Deshalb sind sie offiziell sauber“, heißt es. Die Leipziger Polizei spricht von „kräftigen, jungen Burschen, die, warum auch immer, fast alle kahl rasiert sind“. Ihren Job hätten sie bei der WM jedoch professionell erledigt. Von den Ordnern, die gerade einen Mexiko-Fan brutal über die Treppen hinaus aus der Arena zerren, machen sie aber doch lieber mal ein Foto.

Am nächsten Morgen schnauft der Chef der „Leipziger Löwen“. „Es war so viel zu tun wie noch nie“, sagt Jörg Mokry. Seine „mobile Einheit“ habe zehn Fans aus dem Stadion geworfen, weil diese sich nicht an die Regeln gehalten hätten. Zwei hätten sich geprügelt, die anderen standen und tanzten und versperrten anderen Zuschauern die Sicht. Und das ist laut Stadionordnung verboten. „Wir haben unsere Männer schon ein bisschen gebremst“, sagt er, weil ja im Stadion zwei Kulturen aufeinander treffen, die sich im Leipziger Alltag selten begegnen: deutsche Ordnung und lateinamerikanische Lässigkeit.

Im Stadion bereitet sich alles auf die Verlängerung vor, da rettet Mexikos Torwart Sanchez mit einem tollen Reflex vor Tevez. Überall springen die Mexiko-Fans auf. Ganz oben im Block 51 hält einer glücklich seine grün-rot-weiße Fahne hoch. Er sieht nicht, dass ihn in diesem Moment jemand ganz genau fixiert. Und ahnt noch nicht, dass es für ihn an diesem Abend keine Verlängerung gibt.

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