Zeitung Heute : Tanzen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Irgendwann in dieser Nacht war mir die Zeit verloren gegangen. Ich stand auf der Tanzfläche einer kleinen, dunklen Diskothek, berauscht von lauten Gitarrenklängen und einigen flüssigen Nahrungsergänzungsmitteln, als plötzlich die Musik verstummte. Ich schaute meine Tanzpartnerin an (Wie hieß sie eigentlich?) und blickte dann in die dunkle Diskothek. Außer dem DJ und der Frau und mir war keiner mehr da. „Bitte, noch ein Lied“, bettelte ich beim Musikmacher. Doch der sah mich durch den Nebel seiner Zigarette an und raunte mir zu: „Wegen dir habe ich schon eine halbe Stunde länger gemacht.“

Im Musikunterricht hatte ich immer schlechte Noten. Das lag daran, dass meine Stimmbänder voller Knötchen waren und mir die Kinderärzte deshalb das Singen verboten hatten. Meine strenge Musiklehrerin in der strengen Johannes-R.-Becher-Oberschule kannte dennoch kein Erbarmen mit mir. Sie ließ mich in jeder Stunde die Liedtexte, die meine Klasse lauthals singen durfte, als Gedicht aufsagen. Das fand ich irgendwie entwürdigend. Einmal, nach einer besonders schweren Musikstunde, bin ich zu ihr gegangen und habe sie darauf hingewiesen, dass ich eigentlich ganz musikalisch bin. Und dass ich viel tanze. Meine Lehrerin hat nur mit dem Kopf geschüttelt. Sie war wirklich sehr streng, die Frau – wie hieß sie eigentlich?

Wenn die Sommer kamen, Jahr für Jahr, und die strenge Schule geschlossen wurde, durfte ich endlich zeigen, was ich konnte. Im Ferienlager im Thüringer Wald fanden immer drei Disko-Nachmittage statt. Einer am Anfang der Reise, einer in der Mitte und einer kurz vor der Rückfahrt nach Hause. Für mich als kleinen Jungen – ich kämpfte damals wohl gerade mit der 1,40-Meter-Marke – war das die beste Möglichkeit aufzufallen. Als das erste Lied gespielt wurde und sich alle anderen Jungen und Mädchen scheu an der Tanzfläche herumdrückten und sich verschämt zukicherten, bin ich zu einer der Erzieherinnen gegangen und habe sie um den ersten Tanz gebeten. Ich weiß natürlich nicht mehr, wer all diese Frauen waren, aber ich weiß noch, dass ich mir immer die schönste von allen ausgesucht habe. Eine war mal zwei Meter groß.

Tanzen ist meine Leidenschaft. Wenn die lauten Gitarren in meine Gehörgänge dröhnen, verdränge ich alle Gesichter und Namen um mich herum. Mir ist egal, wo ich bin und wer um mich herumspringt. Ich bin glücklich mit der Musik und mit mir allein. So war es im Ferienlager – dort musste ich unter Protest von der Tanzfläche in mein Bett getragen werden. So ist es bis heute geblieben.

Ich stehe allein mit einer Frau in einer kleinen, dunklen Diskothek. Die Musik ist aus, der DJ raucht und räumt seine Platten zusammen. Niemand ist mehr da, alles ist still. Die Frau schaut mich an, ich schaue zurück – und dann nehmen wir uns in den Arm und tanzen. Ohne Musik. Am Ende unseres Liedes fragt sie mich: „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“

Die kleine, dunkle Diskothek heißt Duncker und befindet sich in der Dunckerstraße 64 in Prenzlauer Berg. Das Gitarrenprogramm des kommenden Wochenendes ist abrufbar unter www.dunckerclub.de

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