Tanzfreude : Pogo mit Rollator

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Tanzmuffeln – man tritt den armen Tröpfen damit gewiss nicht zu nahe – geht ein großer Teil an Liebe, Lust und Leidenschaft ab. Dass Tanz, vom Eise befreit, Herzen und Seelen öffnet, wird niemand bestreiten können, und das gilt für den einstudierten Foxtrott ebenso wie für den rempeligen Pogo. Tanzen ist Lebensfreude, und es hat schon Tänze gegeben, man denke nur an den Klammerblues, die lediglich der Auftakt zu noch ganz anderen Freuden waren. Oder, um es mit einem sehr alten Sprichwort zu sagen: Beim Tanz zettelt man an, was hernach ausgewoben wird. Aber nun haben ja, wie wir gerade erfahren haben, immer mehr Deutsche immer weniger Lust auf Kinder, obwohl gerade die Produktion erwiesenermaßen eine feine Sache ist.

Die Gesellschaft tut also gut daran, am anderen Ende der Lebenskette zu investieren. Das hat soeben der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband getan. Zunächst aber hat er sich Gedanken gemacht, welches Weihnachtslied wie zu betanzen ist, nämlich als Cha Cha Cha, als Rumba, Foxtrott oder Tango, was man aber nicht unbedingt hören, sehen oder nachmachen muss. Danach hat der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband, wie er verlauten lässt, dem demografischen Wandel in besonderer Weise Rechnung getragen. Und hat den Rollator-Tanz entwickelt. Wer jetzt laut losprustet, sollte bedenken, dass auch sein Lebensweg unweigerlich und stangengerade in Richtung Gehhilfe führt. Wenn die erreicht ist, wäre es doch prima, sie tanzend zu nutzen.

Naturgemäß ist beim Rollator-Tanz im Seniorenstift nicht jede Form der körperlichen Umsetzung von Musik möglich. Pogo etwa dürfte bei den dann zu erwartenden Blechschäden allenfalls die Hersteller der Schiebwägelchen erfreuen. Auch dürfte das Abrollen der Dame über die Hüfte des Alt-Rock’n’- Rollers eher scheppernd ausfallen, aber dennoch ist der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband nicht genug zu loben, weil er Fitness, Lebensqualität und Lebensfreude fördert und Liebe, Lust und Leidenschaft in die Altersheime trägt. Mit dem Rollator. Wahrscheinlich löst sich das deutsche Problem am Anfang des Lebensweges damit auch nicht. Es sei denn, die Tanzlehrer erfinden auch noch den Gehhilfen-Klammerblues.Helmut Schümann

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