Zeitung Heute : Taschen aus Rhabarber und Reifen

ECO-FASHION hat Hochkonjunktur. Rund 115 kleine Labels haben auf der Fashion Week gezeigt, wie nachhaltig Mode sein kann.

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Grün und gut. Accessoires von Deepmello bei der Modenschau im Kronprinzenpalais.
Grün und gut. Accessoires von Deepmello bei der Modenschau im Kronprinzenpalais.Foto: dpa

Schnurstracks läuft ein männliches Model durch einen Salon des Kronprinzenpalais. Zu dunkler Hose und hochgekrempeltem Hemd trägt der junge Mann eine Tasche in der Hand und einen Rucksack auf dem Rücken, einen hellbraunen Gürtel und eine schwarze Krawatte. Alles aus Leder. Aus Rhabarberleder.

Auf dem Laufsteg des Green Showrooms führt das Model die Accessoires von Deepmello vor – ein Label, das aus einer wissenschaftlichen Arbeit entstand und nachhaltig produziert. Deswegen schaut sich auch Renate Künast von den Grünen die Modenschau am Mittwochnachmittag an. „Immer mehr Menschen möchten wissen, wo ihre Kleidung herkommt und wie sie hergestellt wird“, sagte die Politikerin. „Von daher sehen wir hier gerade eine neue Generation von Designern.“ So wie Anne-Christin Bansleben, die Mitbegründerin des Labels Deepmello.

Die Idee, Leder aus Rhabarber herzustellen, entstand an der Universität. Die Designerin hat in Freiburg Ökotrophologie studiert und während eines Projekt zunächst ganz allgemein über die Rhabarberpflanze geforscht. Dabei bemerkten sie und ihr Team, dass die Wurzel Stoffe beinhaltet, mit denen Leder gegerbt werden kann. Eine Alternative zum Chromsalz, einer Chemikalie, die bei Körperkontakt Allergien erzeugen und krebserregend sein kann. „Seit 2010 stellen wir unsere Kleidung und Accessoires nun auf diese Weise her“, erzählt Zarah Eickelpoth am Deepmello-Stand. Ihr Verfahren ist auch anderen Designern aufgefallen, und so gab es bereits Kooperationen mit Esther Perbandt und Anne Gorke.

Ein paar Meter entfernt zeigt Patrick Zanini, mit welchen Materialien er seine Taschen herstellt. Er verzichtet auf Leder und benutzt gebrauchte Reifenschläuche. „In El Salvador habe ich gesehen, wie viele davon am Straßenrand herumlagen. Und auch noch mit so abgefahrenen Mustern.“ Manche seiner Taschen haben parallel zueinander laufende Streifen, andere ein Zickzack aus Linien, und wieder andere ein Logo vom Hersteller des Reifenschlauchs. „Die Produktion ist allerdings nicht so einfach, denn das Material ist ziemlich störrisch“, sagt der Designer aus der Schweiz.

Berlin gilt als europaweite Hauptstadt der grünen Mode. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass es auf der Fashion Week zwei Plattformen für umweltbewusste Modedesigner gegeben hat: den Green Showroom und die Ethical Fashion Show im E-Werk. Während es im Sommer noch 103 Aussteller gab, ist ihre Zahl einschließlich der Labels aus den Niederlanden auf 115 gewachsen. Darunter Mud Jeans, eine Marke, bei der man Hosen leasen kann. Beim Kauf einer Jeans bezahlt der Kunde zunächst 20 Euro und dann ein Jahr lang fünf Euro pro Monat. Anschließend gibt es drei Optionen: Der Käufer kann die Hose zurückgeben, ein neues Modell bestellen, für das er ein weiteres Jahr die Monatsrate zahlt, oder er trägt seine alte Jeans für weitere 20 Euro so lange, wie er möchte. Was mit zurückgeschickten Hosen passiert? Entweder werden sie als Secondhandware verkauft oder ihre Fasern werden zu neuen Jeans, Taschen und Schuhen verarbeitet.

Öko-Mode, die nicht langweilig ist — das möchte der Green Showroom seit Jahren zeigen. Damit ist er zu einem Ort geworden, wo Luxus und Nachhaltigkeit Schritt für Schritt aufeinander zugehen. Marie Rövekamp

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