Tatortreinigerin : Eine Putzfrau für alle Fälle

Wenn die Polizei den Tatort verlässt, kommt unsere Autorin und beginnt ihre Arbeit. Sie säubert Wohnungen von Blut, Maden, Müll. Aus dem Alltag eines seltenen Berufs.

Antje Schendel
Hartnäckig. Um die richtigen Reinigungsmittel für ihre Tätigkeit zu finden, hat Antje Schendel wochenlang in ihrer Garage mit Mischungen experimentiert. Foto: FinePic
Hartnäckig. Um die richtigen Reinigungsmittel für ihre Tätigkeit zu finden, hat Antje Schendel wochenlang in ihrer Garage mit...

Ein Lokalpolitiker hatte sich erschossen. In den Kopf. Es gab sehr viel Gehirnmasse zu entfernen an der Holzdecke und vor allem aus den Ritzen. Gehirnmasse ist zäh. Sie klebte auch an den vielen Geweihen, die im Wohnzimmer der Familie an den Wänden hingen. Ferner gab es Splitter von Schädelknochen.

„Tun Sie, was nötig ist“, hatte mich der Anwalt der Witwe beauftragt. Ich sah sie selbst einige Male, doch außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ wechselte sie kein Wort mit mir. Und einmal ließ sie mich wissen: „Ich möchte Ihre Rechnung in bar bezahlen.“

Irgendwie schien die Presse Wind bekommen zu haben. Als ich das Haus verließ, wurde mir ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Ob ich eine Freundin der Familie sei. Ich ging einfach weiter, stieg in mein Auto und fuhr weg. Wenn sie jetzt die Autonummer notierten und rauskriegen, wer ich bin, dachte ich.

Selbstverständlich ist an meinem Auto keine Werbung angebracht. Dies würde gegen das Gebot der Diskretion verstoßen. Je spektakulärer ein Mord ist, desto gieriger verlangt die Presse nach Informationen. Es ist einfacher für mich, wenn sich mein Arbeitsplatz in einem Mietshaus befindet, wo ich meistens für eine Besucherin gehalten werde.

Manchmal ruft mich jemand an und will wissen: „Wie kriegen Sie das Blut eigentlich weg, was nehmen Sie da für Mittel, klappt das mit Spüli?“ Ich wundere mich über die Erwartung, ich würde meine Rezepte, die ich jahrelang erforscht und erprobt habe, einfach mal so am Telefon ausplaudern. Oder Ratschläge an die Konkurrenz verteilen, welche technischen Geräte ich einsetze, obwohl ich manche davon selbst umgerüstet habe für spezielle Anforderungen.

Ich ärgere mich, wenn ich höre, wie viel Angst manche meiner Konkurrenten ihren Kunden machen. Da ist die Rede von gefährlichem Leichengift, hochinfektiöser Kontamination, man möchte glauben, es habe einen atomaren Unfall gegeben – dabei ist ein alter Mann einem Herzinfarkt erlegen, und er wurde innerhalb von zwölf Stunden von einem Boten für „Essen auf Räder“ gefunden.

Ich habe Kenntnis von Angeboten, in denen bei solchen Fällen zu einer Komplettrenovierung der Wohnung geraten wurde. Laminat raus, Wände neu streichen, desinfizieren. Wegen Leichengift und Kontamination eben.

Seit Tagen quälte mich ein Wattegefühl im linken Ohr. So fuhr ich halb taub nach Oberhausen, wo eine Frau mit Dutzenden von Messerstichen in der Waschküche niedergemetzelt worden war. Ein Eifersuchtsdrama, wie sich schnell herausstellte. Eine Ehefrau hatte ein Verhältnis vermutet und die vermeintliche Rivalin getötet. Um die Leiche zu verstecken, hatte sie sie unter der frisch gewaschenen Wäsche regelrecht begraben. Als ich am Tatort erschien, hatte sich der Blutgeruch mit dem des Waschmittelduftes zu einer eigenartigen Mischung verbunden.

„Sie müssen nicht so schreien“, sagte der Hausverwalter, der mich beauftragt hatte, die Waschküche und den Keller zu reinigen. „Verzeihung, ich hatte eine Erkältung, die hat sich auf die Ohren geschlagen, ich höre schlecht“, antwortete ich.

Einige Tage darauf wachte ich morgens auf und hörte überhaupt nichts mehr, weder rechts noch links. Das machte mir Angst. Doch ich hatte einen Auftrag zugesagt. Den ziehe ich noch durch, beschloss ich, danach gehe ich zum Ohrenarzt.

Der junge Mann hatte in der Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern gewohnt. Niemals zuvor und danach war ich mit so vielen Maden konfrontiert wie an diesem Ort. Bündelweise, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Sie machten den Eindruck, als würden sie sich gegenseitig auffressen, wie sie da zusammengefrickelt wimmelten. Später hörte ich vom beauftragten Bestatter: „Die sind unter der Haut des Toten entlanggekrochen. Der ganze Körper hat sich bewegt.“

Die Eltern hatten nichts von der Tragödie bemerkt, die sich in ihrem Haus abspielte. Obwohl der Sohn so nah bei ihnen wohnte, hatten sie nur wenig Kontakt; er war drogenabhängig, und wie viele Drogensüchtige kapselte er sich von seiner Familie ab. Weinend begrüßten mich die Eltern, versuchten sich zusammenzureißen, aber es gelang ihnen nicht. Da fassten sie sich bei der Hand wie Kinder, die sich fürchten.

„Sie brauchen mir nichts zu zeigen“, sagte ich, „nur die Wohnungstür. Ich komme gut allein zurecht. Und entschuldigen Sie bitte, wenn ich laut spreche.“ Die Mutter erwiderte etwas, was ich nicht verstand, ich nickte einfach und folgte ihrem Mann über eine Außentreppe zu der Wohnung des Sohnes.

Als wir vor der Tür standen, kam die Mutter uns nach. Sie sah so traurig, so verzweifelt aus, dass mir ganz flau wurde. Sie schluchzte, verbarg das Gesicht in den Händen, schüttelte den Kopf und entschuldigte sich. Die Polizei hatte ihnen berichtet, wie schlimm es in der Wohnung aussehen würde. Ich bemühte mich, das Paar nicht anzuschreien, und bat es, in die eigene Wohnung zurückzukehren. Sie sollten keine Angst haben, dass ich mich erschrecken würde. Solche Anblicke seien mein tägliches Brot.

„Aber er hat schon eine Weile gelegen, weil wir zwei Wochen in Südtirol waren und …“ – „Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Ich schlage vor, dass ich mir jetzt erst einmal einen Überblick verschaffe und mich dann bei Ihnen melde.“

Ich hätte mir eine kleinere „Baustelle“ gewünscht, um schneller zum Ohrenarzt zu gelangen, doch in dieser Wohnung gab es wirklich sehr viel zu tun. Der Laminatboden musste komplett raus, er war regelrecht durchtränkt mit Körperflüssigkeiten. Vorher musste ich ihn natürlich reinigen und desinfizieren, das ist die übliche Reihenfolge. Erst desinfizieren und reinigen, dann entfernen – sonst könnten meine handwerklichen Helfer mit Überresten des Leichnams in Berührung kommen.

Am Abend lernte ich die Nachbarin des Elternpaares kennen. Die Mutter des Verstorbenen hatte einen Zusammenbruch erlitten, ihr Mann hatte sie ins Krankenhaus gebracht. Die Nachbarin war gebeten worden, sich um mich zu kümmern. „Brauchen Sie irgendwas zu essen?“, fragte sie mich mit einem Gesichtsausdruck, dem ich entnahm, dass sie keinen Appetit hatte. „Vielleicht könnten Sie mir eine Pizza bestellen? Mit Tomate und Mozzarella?“ – „Und das schlägt Ihnen nicht auf den Magen?“, fragte die Nachbarin und deutete nach oben, Richtung Wohnung des Verstorbenen. „Irgendwann muss ich ja auch mal was essen“, entschuldigte ich mich.

Einer meiner nächsten Aufträge war eine Hütte, in der ein alter Mann gelebt hatte, bevor er verstarb. Ich war schockiert, die Hütte hätte ich nicht mal einem Hund zugemutet. Seine Schwester, sie hatte mich auch kontaktiert, hatte mich wie erwartet beauftragt, in der Hütte klar Schiff zu machen.

Der alte Mann war gar nicht der reguläre Mieter gewesen, er hatte zur Untermiete dort gewohnt, und es war nicht sicher, ob der andere wirklich Hauptmieter gewesen war. Die Hütte stand in einem Hinterhof neben einer Garage auf einem ehemaligen Werkstattgelände. Der Boden war abgesackt, der Fußboden stellenweise verschwunden. An den löchrigen Seitenwänden klebten Styroporplatten. Auf dem Feldbett türmten sich schmuddelige Decken. Es gab keine Heizung und kaum Möbel: einen schiefen Schrank und einen Fernsehapparat mit Kleiderbügel-Antenne.

Es tat mir weh, diese Behausung zu sehen. Warum hatte sich der alte Mann keine Hilfe geholt? In Deutschland musste niemand so hausen. Zu meiner Verwunderung fand ich in der einzigen Schublade an dem schiefen Schrank ordentlich in Klarsichthüllen verwahrte Schuldscheine. Es stellte sich heraus, dass der alte Mann über eine gewisse Summe Geld verfügte, die er offenbar seinem Vermieter geliehen hatte.

Der wusste nicht, dass ich das wusste und besaß die Dreistigkeit, der Schwester des Verstorbenen, also meiner Auftraggeberin, eine fünfstellige Summe in Rechnung zu stellen. Angeblich habe der Verstorbene ihm teure Antiquitäten gestohlen, die er ihm zusammen mit der Hütte vermietet habe. Nun seien sie fort, und er gehe davon aus, dass ihr Bruder sie verkauft habe.

„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte mich meine Auftraggeberin mit zittriger Stimme. Sie war 82 Jahre alt, lebte in einem Heim, und allein der Gedanke, einen Rechtsanwalt einschalten zu müssen, brachte sie zum Weinen.

„Ganz ruhig bleiben“, riet ich ihr. „Ich habe alles dokumentiert, ich habe die Schuldscheine gefunden und Fotos gemacht. Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Ich kümmerte mich darum, dass die alte Dame von Behördenseite unterstützt wurde und sagte einige Monate später in dem Prozess aus, in welch erbärmlichen Zustand ich die Hütte vorgefunden hatte.

Wie zu erwarten wurde der Betrüger verurteilt.

Antje Schendel wurde 1972 in Berlin geboren, war Model und spezialisierte sich 2004 in Krefeld auf ihre heutige Tätigkeit. Der Text ist ein gekürzter Abdruck aus ihrem Buch „Die Tatort-Reinigerin“ (8,99 Euro), das soeben bei Knaur erschienen ist.

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