Zeitung Heute : Taufe eines Kontinents

Seit einem halben Jahrtausend trägt Amerika seinen Namen

Stefan Rinke,Niklaas Hofmann

Vor gut 500 Jahren, am 25. April 1507, erschienen in der kleinen Vogesenstadt St. Dié eine Schrift und zwei Karten, die das Weltbild verändern sollten. Denn sie enthielten die „Taufscheine“ eines gesamten Kontinents: In der „Cosmographiae introductio“ wurde Amerika erstmals benannt. Eine Namensgebung, in der ein Akt der Welterfassung und -deutung liegt. Denn die Entdeckung der „Neuen Welt“, von der Amerigo Vespucci erstmals sprach, gilt als Beginn der Neuzeit. Mentale und reale Landkarten veränderten sich damit unwiederbringlich.

Im Umfeld des Herzogs Renés II. von Lothringen hatte sich in der Stadt St. Dié eine Gruppe von Gelehrten etabliert, die die „Cosmographiae“ herausgaben und zu der die jungen Humanisten Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann gehörten. Die Publikation bestand aus einer kleinen Globussegmentkarte, einer großformatigen Wandkarte (1,20 mal 2,40 Meter), einem lateinischen Einführungstext sowie den Berichten des Amerigo Vespucci „Mundus Novus“. Es handelte sich für damalige Verhältnisse um eine anspruchsvolle multimediale Präsentation. Man geht davon aus, dass Ringmann für den anonymen Einführungstext verantwortlich gewesen ist, Waldseemüller dagegen für die Karten.

Was war nun das umwälzend Neue an diesem Werk? Es bildete erstmals die entdeckten Gebiete als eigenständigen Weltteil ab und schlug noch dazu einen überraschenden Namen vor. Im siebenten Kapitel der „Cosmographiae“ spricht Ringmann erstmals vom „vierten Teil der Erde, den man, da Americus ihn gefunden hat, die Erde des Americus oder America von heute an nennen könnte“.

Der Herrschaftsanspruch und die Überlegenheit Europas gegenüber Amerika, die im Akt der Namensgebung angelegt waren, sollten sich später verstetigen. Deutlich wird dies in einem Gemälde Jan van der Straets. Es zeigt einen bekleideten und mit den Insignien europäischen Wissens und weltlicher Macht – dem Sternmessgerät Astrolabium und Schwert – ausgestatteten Vespucci, der auf eine unbekleidete, der Hängematte entsteigende Amerika trifft. Die Feminisierung des neuen Kontinents als schamlose Indianerin, eine Szene, deren Wildheit durch die Kannibalen im Hintergrund noch unterstrichen wird, entspricht den Klischees, die Vespucci mit dem „Mundus Novus“ in die Welt zu setzen half und die sich im Namen Amerika perpetuierten.

Die Darstellung der Gegensätze sind auf diesem Bild mehr als deutlich: Die Kultur Europas begegnet der Natur Amerikas. Mit dieser Namensgebung wird Amerika zum Gegenstand europäischer Projektionen und Sehnsüchte.

Die Vorstellung von der Überlegenheit Europas gegenüber Amerika stand auch in der Folgezeit im Mittelpunkt des europäischen, eurozentrischen Weltbilds. Mit der US-amerikanischen Revolution und dem erfolgreichen Aufstieg der Vereinigten Staaten änderte sich die Lage insofern, als die Bezeichnung „Amerika“ in vielen europäischen Sprachen zum Synonym für die USA wurde.

Was aber blieb dann für das südliche Amerika? Kulturell negativ besetzte Begriffe wie „Hispano“ oder „Ibero-Amerika“ kamen aufgrund der Abgrenzungsbemühungen von der alten Kolonialmacht zunächst nicht in Frage. Die Namensgebung „Lateinamerika“ erfolgte von Frankreich aus im Geiste der Romantik, die Europa in drei große Kulturkreise aufteilte, darunter den romanisch-lateinischen.

Diese Zweiteilung von Amerika und Lateinamerika, die insbesondere von den Bewohnern der südlicheren Hälfte nie vollständig akzeptiert wurde, begann sich im Lauf des 20. Jahrhunderts aufzulösen. Seit den 1920er-Jahren gewann der zunächst unkritisch genutzte Begriff „die Amerikas“ an Bedeutung, den die US-amerikanische Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit dem Amerika des Südens prägte. Im Lauf der Zeit hat sich diese Begrifflichkeit in dem Sinne verselbstständigt, dass sie den ihr innewohnenden Anspruch der Dominanz der USA innerhalb des Ensembles beiseite gedrängt und das Element der Vielfalt stärker in den Mittelpunkt gerückt hat. Dieser Perspektivenwechsel sollte für das spätere 20. und frühe 21. Jahrhundert bezeichnend sein.

Stefan Rinke ist Professor und Niklaas Hofmann ist Mitarbeiter am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.

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