Zeitung Heute : Tauschbörse im Netz

GUNTER BECKER

Ein Testballon setzt zum Höhenflug an.Die Website www.tauschmich.de - zu Weihnachten erstmals ins Netz gestellt, um den Online-Tausch ungewollter Präsente auszuprobieren - hat sich nach zwei Wochen in ein gigantisches Warenlager verwandelt.Über 1100 Geschenke waren am Dienstag auf der Homepage angemeldet, die vom "Tagesspiegel online", der "zitty", der "Zweiten Hand" und der Multimediaagentur "Activ-Consult" zusammen betrieben wird.Bereits nach einer Woche waren über 130 000 Seiten aus dem Angebot abgerufen worden.

Das Ziel der Webaktion ist denkbar einfach: Zeitgenossen, denen das Christkind Unerwünschtes unterm Baum gelegt hat, sollen sich im neuen Jahr nicht an Kaufhauskassen die Füsse plattstehen müssen, sondern den Warentausch elegant im Internet erledigen.Über ein einfaches Anmeldeformular ("Geschenk rein") plaziert man die ungewollte Gabe in der tauschmich-Datenbank, wählt ein Pseudonym, nennt seine Mailadresse, drückt den Wegschleudern-Button und übereignet seinen Besitz so der Weite des Netzes.

Über ein kleines Texteingabefeld und mit Hilfe einer einfachen Mailfunktion können die angeboteten Präsente näher beschrieben werden.Findet man selbst etwas Interessantes unter den avisierten Kuckuckseiern, dann hinterläßt man sofort ein eigenes Tauschgebot.Alle angemeldeten Schleuderer bekommen ein Paßwort und können so mit potentiellen Tauschpartnern in Mailkontakt treten, um die Übergabe zu organisieren.

Schon das Stöbern in den virtuellen Regalen der Geschenkeschleuder macht riesigen Spaß, ähnlich wie ein Gang über den Flohmarkt.Kurioses und Kitschiges findet sich zwischen unerwartet wertvollen Markenprodukten.Neben Nippes (2 Wackeldackel) und Nonsens ("ein Geldsack") werden Software, Elektronikartikel, EDV-Bücher und CD ROMs angeboten.Skurill der Vorschlag eines Zeitgenossen, frisch geschossenes Reh oder Wildschwein tauschen zu wollen: "Also, fix und fertig zerlegt frei Haus aus dem Wald in der Eifel." Andere Angebote sind Gags à la "Biete Erklärungen".

Ursprünglich als lokales Event geplant, gewann die Aktion unerwartet überregionale Breitenwirkung.Als Surftip bei den großen Suchmaschinen Yahoo, Excite und Fireball und durch Meldungen in Stern online und Focus online wurde die URL bekannt.Ein Hinweis im Videotext des österreichischen Fernsehens sorgt für Klicks aus der Alpenrepublik.Radiobeiträge bei zahlreichen Sendern zwischen Berlin und Basel mobilisierten Nutzer im gesamten deutschsprachigen Internet.

Dabei stellte der europaweite Zulauf die Organisatoren erstmal vor Probleme.Um das Angebot geographisch zu strukturieren gibt es eine Postleitzahlen-Eingabe - ausländische Nummern waren dabei nicht vorgesehen gewesen und wurden anfangs nicht dargestellt.Österreichische Tauschfreunde schrieben den "Piefkes" entsprechend genervte Grüsse ins Gästebuch ("Bravos und Buhs").

Um einen Mißbrauch der Site durch Firmen zu verhindern, räumt die betreuende Agentur Activ-Consult täglich in der Datenbank des Internet-Angebots auf.Fragwürdige oder kommerzielle Einträge fliegen umgehend raus.Eine Verlängerung der Web-Aktion bis zum 20.Januar ist bereits beschlossene Sache.Und vielleicht, so überlegen die Veranstalter zurzeit, wird aus der einmaligen Aktion sogar eine Dauereinrichtung - die Berliner Tausch-Community würde es freuen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben