Zeitung Heute : Tausend Mal gehackt

Premiere beendet analogen Empfang und geht verstärkt gegen Schwarzseher vor

Kurt Sagatz

Für die Straubinger Polizei war es ein großer Schlag. Am Mittwoch morgen rückten 80 Beamte der Kriminal- und Schutzpolizei zu einer der größten Aktionen gegen Software-Piraterie im ostbayerischen Raum aus. Ihr Ziel: Die Zerschlagung eines Händlerringes, der mit manipulierten Chipkarten für die D-Box von Premiere Geschäfte gemacht hat. Insgesamt durchsuchte die bayerische Polizei 34 Wohnungen und fand dabei 50 möglicherweise manipulierte Decoder, rund 150 gefälschte Chipkarten und zwölf Computer. Unterstützt wurden die Beamten von der Abteilung „E-Security“ von Premiere.

Um das Premiere-Problem der „Schwarzseher“ in den Griff zu bekommen, bedürfte es allerdings einer Vielzahl solch großer polizeilicher „Schläge“. In Branchenkreisen wird geschätzt, dass den 2,6 Millionen zahlenden Kunden immerhin rund 1,5 Millionen Premiere-Zuschauer gegenüberstehen, die zwar gerne das Programmangebot des Pay-TV-Senders nutzen, aber von Bezahlen sehr wenig halten.

Besonders krass stellte sich das Missverhältnis zwischen zahlenden Kunden und „Schwarzsehern“ bei Premiere analog dar, das am heutigen Freitag abgeschaltet wird. Zuletzt zahlten für dieses Angebot, das in Berlin ohnehin nur noch über Satellit zu empfangen war, nur noch 40 000 Premiere-Kunden. Sie sollen jetzt mit speziellen Umstiegsangeboten für die digitalen Pakete gewonnen werden. Die Zahl der illegalen Nutzer des analogen Premiere-Programms lag am Ende jedenfalls weit über denen der ehrlichen Kunden. Geschätzt wurden 200 000 Zuschauer, die sich entweder per manipulierter Chipkarte oder am Computer mit einem Dekodierprogramm ihren Zahlungsverpflichtungen entzogen.

Die Hintertür über die verhältnismäßig einfach zu überlistende Analog-Übertragung wird nun endgültig geschlossen. Doch auch die Schlüssel für die geschützte Übertragung der digitalen Premiere-Programmpakete kommen auf den Prüfstand. In der zweiten Jahreshälfte soll damit begonnen werden, die Verschlüsselung auf das bessere Verfahren betacrypt2 umzustellen. Allerdings müssen dafür Schritt für Schritt die Karten ausgetauscht werden, bevor man vom alten System Abschied nehmen kann.

Nach Informationen der Fachzeitschrift „Digital Fernsehen“ hatten sich noch vor wenigen Jahren lediglich Computerspezialisten unberechtigt Zugang zum Angebot des Bezahl-Senders verschaffen können, indem sie so genannte Smart Cards und Common Interface Module für den Empfang modifizierten und nachbauten. Doch heute würden immer mehr Digitalreceiver ganz einfach per serieller Schnittstelle umprogrammiert. Selbst von Premiere zertifizierte Set-Top-Boxen wie die „Easy World“ des Lübecker Herstellers Galaxis könnten so manipuliert werden, hatte die Zeitschrift berichtet. Dem Artikel zufolge lässt sich die Zusatzsoftware auch für die Modelle anderer Hersteller im Internet finden. Die Digitalreceiver könnten dann die Programme nahezu aller europäischen Pay-TV-Stationen entschlüsseln, ohne dass eine Smart Card oder anderes Zubehör notwendig sei. Mittlerweile gelte das so genannte „Patchen“ von Set-Top-Boxen als echtes Verkaufsargument, um die Geräte an den Mann zu bringen. „Hersteller, die in ihrer aktuellen Produktpalette keine patchbaren Receiver haben, haben bei den Verkaufszahlen das Nachsehen“, schrieb das Blatt. Damit soll Schluss sein, wenn auf das neue Verschlüsselungsverfahren umgeschwenkt wird.

Der Schutz vor Schwarzsehern hat bei Premiere Priorität. Noch wichtiger ist es jedoch für den Unterföhringer Sender, neue Kunden zu gewinnen. Und hier hat sich vor allem das Einstiegspaket „Premiere Start“ bezahlt gemacht. Für fünf Euro im Monat werden jeden Samstag die wichtigsten Bundesliga-Begegnungen in der Konferenzschaltung übertragen. Zudem bewirbt der Sender das Einsteigerangebot mit speziellen Filmangeboten, Cartoons und Dokumentationen. Jeder vierte Starter wechselt innerhalb von fünf Monaten zu einem teureren Paket, freut sich der Sender. Dieser Trend soll verstärkt werden. Ein Drittel der Start-Kunden soll in den nächsten zwölf Monaten für ein Premium-Abo geworben werden.

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