Zeitung Heute : Taxifahrern zuhören

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als ich letzte Woche am Flughafen ins Taxi stieg, dachte ich zuerst, der Fahrer führt Selbstgespräche. So wie seine Kollegen in den USA, wo ich gerade herkam. Die brabbeln dort die ganze Zeit leise vor sich hin. Als ich das erste Mal in ein amerikanisches Taxi stieg, dachte ich, der Fahrer redete mit mir und fragte Dinge wie: Wohin? Oder: Wie geht es Ihnen? Also antwortete ich, dass es mir gut gehe, und dass ich da und da hinmüsse. Aber der Mann reagierte gar nicht, sondern brabbelte leise weiter. Da entdeckte ich in seinem Ohr einen Knopf, daran ein Kabel mit Mikrofon, verbunden mit dem Mobiltelefon auf der Ablage. Von da an ignorierte ich das Gerede amerikanischer Taxifahrer.

Das versuchte ich nach meiner Rückkehr auch bei jenem Fahrer in Tegel. Vom Moment meines Einsteigens an quatschte und fluchte er, schimpfte auf andere Autofahrer, das Übel der Welt und plauderte dann über dies und das aus seinem Privatleben. Ich verstand nur Bruchstücke. Ist ja wie in Amerika, dachte ich und suchte den Knopf in seinem Ohr. War aber keiner da. Dann merkte ich, wie er mich erwartungsvoll im Rückspiegel musterte. Offenbar hatte er gerade etwas gesagt, auf das er eine Antwort wollte. Ich war müde, wollte meine Ruhe und entschied mich für ein halb zustimmendes, halb skeptisches „mmmhhh“. Das würde ihn ruhig stellen.

Weit gefehlt. Er schien zufrieden mit meiner Antwort und erkannte in mir offenbar das richtige Publikum, um mal so richtig sein Herz auszuschütten. Und dann setzte er zu einem Vortrag an über Senatspolitiker und Flughafenmanager, die den armen Taxifahrern horrende Gebühren aus der Tasche ziehen, und das man diese Herren doch am besten alle umlegen müsse. In einer Woche gehe er in Rente, schob er bedeutungsvoll nach. „Dann lege ich erst richtig los!“ Danach folgte ein Monolog über all die anderen Schurken, die er auch noch umlegen will (darunter ein namhafter Berliner Makler), über das Haus, in dem er mal gewohnt hat, über einen Selbstmordversuch darin, über feuerfeste Farben und das Verhältnis zwischen verdampftem Benzin und Explosionsdruck („Ich kenn mich da aus, bin ja studierter Chemiker“). Am Schluss hatte ich den Überblick verloren, was denn das alles miteinander zu tun habe.

Aber da war der Fahrer schon längst beim nächsten Thema: Modellbahnen. Vielleicht war er drauf gekommen, weil wir gerade am Clubhaus seines Eisenbahnvereins entlangfuhren. „27 Meter lang, elf Meter breit ist die Bahn“, schwärmte er. Und dass alle Züge nach Epochen geordnet sind, wir uns gerade in Epoche 4 befinden und die besten Züge die der Epochen 3 und 2a seien. Um nicht ganz als Idiot dazustehen, warf ich ein, dass ich vor 25 Jahren auch mal eine Bahn hatte, Märklin HO. Er lachte nur verächtlich, das könne man ja gar nicht vergleichen, und überhaupt hat ja jeder Zug seinen ganz eigenen Charakter. Sein Lieblingsmodell sei mit Schürzen gegen Seitenwind geschützt, und außerdem mit Öl betrieben, und… An dieser Stelle versank ich in einen Halbschlaf. Durch meinen Kopf rauschten Modellzüge, mit dem Taxifahrer als Schaffner. Beim nächsten Mal fahre ich vielleicht lieber wieder U-Bahn.

Taxifahrer gibt es überall. Der besagte Modellbahnclub (Seestr. 83) hat am 6. 12. Tag der offenen Tür.

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