Zeitung Heute : Teamgeist statt Einser-Zeugnis

Für viele Betriebe zählen bei der Bewerberauswahl nicht nur die Schulnoten, sondern auch soziale Kompetenzen.

In die Luft gehen lassen sollte man sein Zeugnis zwar nicht gleich. Pünktlichkeit, Höflichkeit und Kreativität können schwache Noten aber durchaus wettmachen. Foto: picture-alliance/dpa
In die Luft gehen lassen sollte man sein Zeugnis zwar nicht gleich. Pünktlichkeit, Höflichkeit und Kreativität können schwache...Foto: picture-alliance/ dpa

Wer nicht gerade ein Einser-Schüler ist, muss deshalb nicht fürchten, keinen Ausbildungsplatz zu bekommen. Auch Pünktlichkeit, Höflichkeit und Zuverlässigkeit kommen bei Arbeitgebern gut an, außerdem soziale Kompetenzen wie Kommunikationsstärke und Teamfähigkeit. Je nach Beruf zählen außerdem sprachliches oder kreatives, technisches oder analytisches Geschick.

„Gerade die Grundtugenden sind heute sehr gefragt“, sagt Susanne Eikemeier, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit. „Oft ist der Erfolg eines Unternehmens auch davon abhängig, ob und wie Auszubildende ihren Job ernst nehmen. „Außerdem müsse die Chemie stimmen. Im Idealfall gebe es zwischen Arbeitgeber und Azubi ein Vertrauensverhältnis, das dem Vorgesetzten ermögliche, dem Jugendlichen in seiner Entwicklung zu helfen.

Bis es dazu kommt sollten angehende Lehrlinge sich darüber im Klaren sein, was ihre Stärken und Schwächen sind. Denn nur dann haben sie eine Chance, den für sie richtigen Ausbildungsberuf zu finden. „Als junger Mensch ist man sich seiner Kompetenzen oft gar nicht bewusst", sagt Petra Struve- Mardones von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Daher hat die IHK einen Kompetenzcheck in Form eines Onlinetests eingerichtet, den Lehrkräfte kostenfrei für ihre Schüler anfordern können (E-Mail: petra.struve-mardones@ berlin.ihk.de, T: 030-31510-462). „Der Test ist speziell für Jugendliche und junge Erwachsene konzipiert, die damit ihre individuellen Fähigkeiten und Neigungen ermitteln können und ihre Stärken besser einzuschätzen lernen – sei es logisches oder räumliches Denken, Kreativität, Konfliktfähigkeit oder Selbstständigkeit“, erklärt Petra Struve-Mardones. Außerdem nennt der Check passende Berufe für die jeweiligen Kompetenzen und bietet eine zweiseitige Bescheinigung für die Bewerbungsunterlagen.

Allerdings ist das keine Garantie für ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch. „Ich bin kein Freund von Assessments“, sagt Heike Traut, Personalmanagerin bei Swissôtel in Berlin. „Ich schaue mir die Bewerber lieber selbst an und versuche herauszufinden, ob sie ein Herz für Hotellerie und Gastronomie haben.“ Das sei ihr wichtiger als gute Noten in Biologie oder hervorragende Englischkenntnisse – auch wenn letztere das Arbeiten mit den Gästen erleichtern. Dabei fällt ihr immer wieder auf, dass bei vielen Jugendlichen „die Basics fehlen. Viele sind ständig unpünktlich oder nehmen ihren Job nicht ernst. Andere sagen ganz offen, dass sie die Ausbildung zwar durchziehen, aber sicher nicht in dem Bereich bleiben wollen“, moniert Traut.

Dass junge Menschen aber auch nach einer erfolgreichen Ausbildung unmotiviert sind oder sich fehl am Platz fühlen, kann daran liegen, dass ihr Potenzial nicht ausgeschöpft wird, meint Roger Schlag-Schöffel, Geschäftsführer des Personalentwicklers und Bildungsanbieter GPB. „Die meisten kleineren Betriebe haben keine Personalabteilung, ihre Bewerberauswahl basiert auf dem Zufallsprinzip. Und in vielen größeren Unternehmen sitzen Personalmanager der alten Schule, die ganz genau wissen, was sie nicht wollen – aber selten fragen, was der Einzelne zum künftigen Erfolg der Firma beitragen kann.“ Entsprechend würde auch bei der Teamzusammensetzung nicht darauf geachtet, welche Typen an einem Tisch sitzen. Bei GPB dagegen werden Potenziale und Neigungen der Absolventen genau herausgearbeitet, um ihnen zu helfen, sich an der richtigen Stelle einzusetzen und zu bewerben. Das müsse regelmäßig auch in der Personalplanung geschehen, meint Schlag-Schöffel. „Dann lässt sich der Erfolg sehr bald sehen.“

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