Zeitung Heute : Technikfreaks oder Alleskönner?

HELGA BALLAUF

Spötter reden von der Jekami-Branche: "Jeder-kann-mitmachen".Wenn es um die Entwicklung, Wartung oder Anwendung von Informationstechnologie geht, kommt das Urteil nicht von ungefähr, denn das Berufsfeld Informatik ist unübersichtlich, das Kompetenzprofil schwammig.So kommt es, daß Betriebe einerseits händeringend Informatikernachwuchs suchen, andererseits die Zahl der arbeitslos gemeldeten Fachkräfte nicht niedriger ist als in anderen Beschäftigungszweigen.Daß eine noch junge Disziplin wie die Informatik um ihr Selbstverständnis ringt, ist nichts Außergewöhnliches.Doch die Dynamik der technologischen Entwicklung verschärft die Lage.Das haben die Marburger Arbeitssoziologen Andrea Baukrowitz und Andreas Boes in mehreren Studien zu den Qualifikationsanforderungen für IT-Fachkräfte festgestellt.

"Branchenzuschnitte verändern sich laufend: Was gehört zur Computer-, was zur Telekommunikations-, was zur Medienindustrie? Vor allem aber wandelt sich die Produkt- und Leistungspalette: Es wird nicht mehr der einzelne Mensch am isolierten Computer unterstützt, sondern ein komplexer Arbeitszusammenhang," erklärt Andreas Boes.Zugespitzt formuliert heißt die Frage: Profiliert sich die Informatik als reiner Technikanbieter, oder setzt sich die Dienstleistungslinie durch?

Entschieden ist noch nichts, sagen die Marburger Arbeitssoziologen und stellen drei Qualifikationsstrategien gegenüber.Erstens "Back-to-the-roots".Hierbei wird das Berufsbild auf techniknahe, maschinenbezogene Kernkompetenzen reduziert, die Informatik als klassische Ingenieurswissenschaft verstanden.Zweitens "Die eierlegende Wollmilchsau, der Alles-Könner".Hier müssen die Beschäftigten ihr Kompetenzprofil immer wieder additiv erweitern - soziale Fähigkeiten, betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Fachwissen aus den Anwendungsfeldern der Informatik werden einfach draufgepackt.Diese beiden Wege können "kurzfristig durchaus erfolgreich sein", urteilen die Arbeitssoziologen.

Doch längerfristig wird nur der dritte Weg zum Ziel führen, glauben sie.Diesen Weg, der an einigen Unis sowie da und dort in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung ansatzweise verfolgt wird, haben die beiden Branchenbeobachter "ganzheitliche Arbeitsgestaltungskompetenz" genannt.Dahinter steckt tatsächlich ein neues Leitbild von der Informatik: Sie gestaltet nicht Technik an sich, sondern sie gestaltet Technik so, daß diese in einem konkreten Arbeitszusammenhang funktioniert."Damit ist auch immer der Mensch einbezogen, der mit dieser Technik umgehen soll.Für die Ausbildung heißt das, daß technologische und soziale Qualifikationen eine Einheit bilden müssen."

"Reflexive Fachlichkeit" heißt das Herzstück des Konzepts.Damit ist die Fähigkeit gemeint, "sich zurücklehnen und unterscheiden zu können: Was ist Wald und was sind Bäume," sagt Boes.Es ist wie beim Hasen und beim Igel: Der "Alleskönner" rennt und rennt - und läuft doch nur dem allerneuesten Technikschrei hinterher.Gefragt sind jedoch Fachleute, die erkennen, was ein technologisches Windei und was eine ernstzunehmende Entwicklung ist.Beispiel Internet: Noch vor zwei Jahren glaubten ein paar Online-Dienste, ohne die Internet-Architektur auskommen zu können.Die Kalkulation ging nicht auf.Wer nun heute erahnen will, was morgen gefragt sein wird, muß sich anschauen, was hinter dem augenblicklichen Siegeszug des Internets steckt, sagt Boes und fügt hinzu: "Es ist der stabile Trend zu einem weltweiten Informationsgefüge, das eine leistungsfähige informations- und kommunikationstechnische Struktur benötigt.Darauf kann ich mich einstellen.Ob die konkrete technische Lösung das Internet oder etwas ganz anderes sein wird, ist dann eine zweitrangige Frage."

Wer diesem Ansatz folgt, kann erste Kriterien für die Aus- und Weiterbildung in der informationstechnischen Branche entwickeln: Nichts gegen eine zusätzliche Schulung, um den Umgang mit einem SAP-Modul oder mit der Programmiersprache Java zu vermitteln.Entscheidend ist aber das, was ein junger Fachinformatiker so ausdrückt: "Mein Ausbilder weiß, wie schnell konkretes Wissen in unserem Arbeitsfeld überholt ist und nimmt sich Zeit für grundsätzliche Fragen.Damit ich verstehe, wie Software funktioniert und wie man Probleme löst, unabhängig davon, um welches System es sich gerade handelt."

Gut möglich, daß ein solch neues Selbstverständnis der Informatik auch helfen würde, den Frauenanteil an den Hochschulen und bei der betrieblichen Berufsausbildung zu erhöhen.Denn überall dort, wo eine sozial- und nutzerorientierte Technikgestaltung gelehrt wird, ist das Interesse der Frauen besonders groß.Das bestätigen die Frauenbeauftragten der Universitäten.

Zu diesem Ergebnis kommt auch Ulrike Erb, die für ihre Studie "Frauenperspektiven auf die Informatik" Hochschulexpertinnen interviewt hat.Erb betont, daß dieser soziale und anwenderorientierte Blick nicht auf typisch weibliche Neigungen schließen lasse.Vielmehr verweise er auf eine geschlechtsunabhängige Herausforderung: die Disziplin Informatik müsse ihr Mensch-Technik-Verhältnis neu bestimmen.

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