Zeitung Heute : Technologiefreundlich und zweckorientiert

CARTER DOUGHERTY

In Europa herrscht die Vorstellung von den internetsüchtigen Amerikanern, die jedem Baby kurz nach der Geburt eine eigene E-Mail-Adresse geben, um sobald wie möglich die Verwendung von Papier im öffentlichen Leben völlig abzuschaffen können.So schlimm ist es sicher nicht: Die Vereinigten Staaten sind noch keine Gesellschaft, die ihr gesamtes Alltagsleben durch das elektronische Netz regelt.Aber in der Tat hilft das Internet den Amerikanern im täglichen Leben immer mehr: Beim Karten kaufen, bei der Forschung und selbst beim Sex.In Deutschland dagegen ist das Internet offenbar noch immer vor allem ein Spielzeug, bestenfalls ein Kommunikationsmittel.

In Amerika sitzt der bekannteste Internet-Nutzer im Weißen Haus."Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie das 21.Jahrhundert aussehen wird.Aber wir wissen, die Wissenschaft und das beispiellose Zusammrücken von Kulturen und Wirtschaften der Welt wird stark vom Internet geprägt werden," schwärmte US-Präsident Clinton noch im Juli.Zu diesem Zeitpunkt konnte er sicherlich noch nicht abschätzen, wie recht er mit seiner Einschätzung nicht zuletzt durch die Veröffentlichung des Starr-Reports im Internet haben würde.

Die Zahlen beweisen, wie sich die amerikanische Kultur wesentlich schneller als die deutsche digitalisiert.Die Statistiken der texanischen Forschungsfirma Matrix Information and Directory Services sind beeindruckend.Bei einer Bevölkerung von mehr als 265 Millionen Menschen sind fast 19 Millionen Computer ans Internet angeschlossen.In Deutschland stehen dagegen nur eine Million Internet-Computer bei fast 82 Millionen Einwohnern.

Ein Grund dafür, warum die Zahl der Internetbenutzer in den USA so schnell gewachsen ist, sind die aggressiven Marketingstrategien der amerikanischen High-Tech-Industrie.Egal ob in Metropolen wie New York oder Kleinstädten wie Dayton, Ohio: Wenn man nach der Internet-Software eines Anbieters fragt, quillt bald der Briefkasten über von einer Unmenge von CD-ROMs, Disketten und sonstigen Reklamen.Ein einziger Anruf bei CompuServe reicht schon, um Software von America Online, AT&T und allen möglichen Kleinfirmen zu bekommen.Der Adressenaustausch zwischen Marketingfirmen existiert seit langem als Verkaufsinstrument und wird gnadenlos angewandt, um Werbung für das Internet zu machen.Gerade weil das Internet nützlich ist - E-Mail ist der beste Beweis - greifen so viele Menschen nach Tastaturen wie nach Fernbedienungen.Der ehemalige Chef von Apple Computer, Gil Amelio, nannte die unternehmerische Herausforderung des Internets, Menschen damit "produktiver" zu machen.Also spielt die Werbung eine wichtige Rolle bei den amerikanischen "Netizens": Sie sind technologiefreundlich, aber zugleich zweckorientiert.Der Benutzer will mit seinem Computer etwas praktisches anfangen können: Er will Listen von laufenden Kinofilmen sehen oder mit weitentfernten Verwandten in Kontakt bleiben.

Es steht außer Frage, daß das Internet sich schon in der politischen Kultur eingebürgert hat.Clinton erwähnte in seiner Jahreserklärung, daß viele Eltern mit Kindern an der Uni per E-Mail in Kontakt bleiben.Helmut Kohl dagegen versteht zwar etwas von Wählern.Aber von E-Mailenden Wählern? Immherin hat selbst er inzwischen seinen ersten Internet-Chat gehalten.

Ebenfalls anders als in Deutschland treibt die Explosion des Handels im Internet, kurz "E-Commerce" genannt, die Zahl der Benutzer in den USA noch höher.Die Werbebranche, deren Arbeit man in jeder Ecke in Amerika sieht, übt einen besonders starken Einfluß aus.Statistiken existieren kaum, aber man spricht von Umsätzen, die sich jährlich "verdoppeln oder verdreifachen".

Die Auswahl der Produkte und Dienstleistungen, die über das Internet gekauft werden kann, wird immer größer, und die Boston Consulting Group rechnet für das vergangene Jahr mit bis zu 35 Million Verbrauchern, die weltweit über das Internet ihr Geld ausgegeben haben.Der digitale Buchhändler "amazon.com" macht den Bücherriesen Barnes & Noble und Borders Konkurrenz.Die Bahngesellschaft Amtrak läßt per Internet Fahrkarten online buchen, obwohl Papiertickets immer noch von den Zugfahrern bevorzugt werden.Auf politischer Ebene wollen die USA Zölle auf Internethandel verbieten, in der Hoffnung, daß die amerikanischen Unternehmer ihr Fachwissen zum Exportieren nutzen können.

Amerikanische Kinder werden mit E-Mail aufwachsen, so wie ihre Eltern mit dem Fersehen groß wurden.Aber das Internet drängt sich auch ins Leben der ältesten Generation hinein.Herbert H.lernte das E-Mailen, weil er mit seiner Tochter in Brasilien in Kontakt bleiben wollte.Mit 78 Jahren starb er, als er vor dem Computer saß und mit der CompuServe-Hotline telefonierte.Der Vergleich zwischen Deutschland und den USA zeigt aber auch, daß die Deutschen sich wegen der geringeren Zahl der Internetbenutzer noch freuen können: Per Telefon kriegt man in Berlin technische Hilfe viel schneller als in Washington.

Der Autor schreibt für Inside U.S.Trade und sammelte seine Erfahrungen über den Umgang der Deutschen mit dem Internet als Gastredakteur des Tagesspiegels.

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