Zeitung Heute : Teilen, um zu herrschen

Christoph von Marschall

Die Krise in der Ukraine spitzt sich weiter zu. Wie kommt es, dass jetzt sogar die Spaltung des Landes droht?

Im Donezk-Gebiet haben sie es plötzlich ganz eilig, die Bürger wieder an die Urnen zu schicken. Freilich nicht zu einer Wiederholung der Stichwahl um das Präsidentenamt, wie sie die Opposition fordert, nachdem offensichtlich stark gefälscht worden ist. Sondern zu einem Referendum über die Autonomie dieses ökonomischen Kerngebiets der Ukraine.

Die Abspaltung östlicher, traditionell russisch geprägter Regionen oder gar die Teilung des Landes wird jetzt als drohendes Szenario an die Wand gemalt, nachdem das Regime die Anerkennung seines Kandidaten Janukowitsch als Wahlsieger nicht mehr durchsetzen kann. Unklar ist, ob diese Gefahr real ist oder nur beschworen wird, um politischen Druck auszuüben, die Opposition zu verunsichern und zu spalten. In Kiew verweist man darauf, dass die Warnung vor dem Zerfall der Ukraine zuerst und bis heute besonders laut aus Moskau zu hören war.

Jedenfalls verstärken sich die Tendenzen, auf Distanz zur Westukraine und zur Hauptstadt Kiew zu gehen, in vielen Regionen im Süden und Osten: Die Millionenstadt Odessa am Schwarzen Meer strebt die Autonomie an; die bereits autonome Krim mit dem wichtigen Kriegshafen Sewastopol, Heimat der russischen Schwarzmeerflotte, berät den Anschluss an Russland; das Gebiet Charkow kündigt an, keine Steuern mehr nach Kiew abzuführen sowie Fernseh- und Rundfunkstationen, die mit der Opposition sympathisieren, abzuschalten. Mag sein, dies entspricht der Stimmung in der örtlichen Bevölkerung. Sicher ist, dass diese Regionen politischen Befehlen der örtlichen Wirtschaftseliten gehorchen, auf die sich der scheidende Präsident Kutschma und Premier Janukowitsch, der sein Nachfolger werden will, stützen.

Die Karte der jüngsten Wahlergebnisse illustriert, wie sehr das Land politisch geteilt ist. Der Westen und das Zentrum, zusammen zwei Drittel der 25 Regionen, ist orangefarbenes Juschtschenko-Land, der Südosten und Osten blaues Janukowitsch-Gebiet. Allerdings ist der Osten dichter besiedelt, dort lebt auch der Großteil der Russen, die rund 18 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Vor allem jedoch bildet er das wirtschaftliche Herz der Ukraine: Kohlegruben, Kokereien, Eisenerz, Mangan, Erdgas, Stahlwerke, Chemie- und Maschinenbaukombinate.

Die heutige Westukraine gehörte historisch jahrhundertelang zu Polen und nach dessen Teilungen 1772 bis 1918 zur Habsburgermonarchie. Der Osten ist russisch geprägt, allerdings erst seit dem Aufstieg Moskaus zur Großmacht im 18. Jahrhundert.

Dem Juschtschenko-Lager ist bewusst, dass es diese Andersartigkeit des Ostens respektieren und im Falle eines Sieges bei einer Neuwahl den Ausgleich mit Moskau suchen muss. Fraglich ist allerdings umgekehrt, ob der autoritär geführte Ostteil auch die gleiche Toleranz bei einem demokratischen Wahlsieg der Konkurrenz aufbringen wird.

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