Zeitung Heute : Telekommunikation: Im Büro und doch zu Hause

Adrian Schuster

So sollen sie aussehen, die Szenarien der Zukunft: Urlaubsgrüße aus dem Süden erreichen die daheim Gebliebenen künftig als Videopostkarte per UMTS. Eventuell musikalisch untermalt mit dem neuesten Madonna-Hit, der unter UMTS überall, auch am sonnigen Strand problemlos aus dem Internet geladen werden kann. Gesendet und empfangen wird mit mobilen Multimediageräten im Taschenformat, den Nachfahren unserer heutigen Handys. Sichtbarster Unterschied dieser Mischung aus Mobiltelefon, Kamera, HiFi und Internetzugang: ein hochauflösendes Farbdisplay.

Das kommt auch im Alltag zum Einsatz, zum Beispiel im Büro, wenn per Videotelefonat im heimischen Kinderzimmer nach dem Rechten gesehen wird. Oder nach Feierabend im Kaufhaus - hier navigiert ein so genannter "Location Based Service", kurz LBS, den kauflustigen UMTS-Nutzer auf kürzestem Weg zu seinem Wunschprodukt, und zwar nach vorherigem Preisvergleich. Vor allem im Auto, wo man sein UMTS-Handy am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, wird es rund um Panne, Stau, Hotel und Restaurant zahllose ortsbezogene Dienste dieser Art geben.

Unterdessen wird um Geduld gebeten. UMTS kommt weltweit mit Verspätung. So bleibt zum Beispiel in Japan Verheißung, was schon im Mai hatte Wirklichkeit werden sollen. Den Start des weltweit ersten kommerziellen UMTS-Netzes verschob der dortige Telekommunikationsanbieter NTT DoCoMo auf Oktober und lässt stattdessen 3300 auserlesene Tokioter einen weiteren Techniktest absolvieren. Auch in Spanien verzögert sich UMTS um fast ein ganzes Jahr bis zum Sommer 2002.

Einige positive Signale kommen aus Deutschland. Hier genehmigte die zuständige Regulierungsbehörde Anfang Juni eine weitreichende Zusammenarbeit beim Aufbau der neuen Netze. Danach können konkurrierende Unternehmen nicht nur, wie die Behörde jetzt klarstellt, Antennen und Masten gemeinsam nutzen, sondern auch teure Sendeanlagen, die so genannten Funkbasisstationen. Das erspart den beteiligten Firmen wie Motorola, Nokia, Siemens oder Ericsson etliche Milliarden Mark an Investitionen und bringt neues Licht in die von den horrenden Lizenzgebühren verdüsterten Kalkulationen für UMTS. Nutzer in deutschen Ballungsräumen können ab Ende 2002 auf das neue Mobilfunknetz hoffen.

Ein erster Vorgeschmack

In der Zwischenzeit werten neue Übertragungsverfahren die vorhandenen GSM-Mobilfunknetze auf und bieten einen ersten Vorgeschmack auf den kommenden Breitbandmobilfunk. Denn der herkömmliche Übertragungsmodus nutzt die Möglichkeiten der Funktechnologie GSM (Global System for Mobile Communication) keineswegs optimal aus: Es ist das Prinzip der festen Verbindung, das Funkkapazitäten blockiert, auch wenn Gespräche oder Datenübertragungen zeitweilig pausieren. So konnten im GSM-Netz bisher maximal 9,6 oder 14,4 Kilobit in einer Sekunde übertragen werden. Diese Werte erinnern an die ersten analogen Modems und beanspruchen selbst beim Transfer einfachster Texte die Nervenkraft der Nutzer.

Abhilfe schafft hier das paketvermittelte Verfahren GPRS (General Packet Radio Service): Nach dem Vorbild des Internets werden Daten und Gespräche hierbei in kleine Pakete zerlegt, mit einem digitalen Adressaufkleber versehen und durch das GSM-Netz auf den Weg geschickt. Kapazitäten werden also nicht länger blockiert. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Paketvermittelte Datenübertragung im Funknetz ermöglicht permanente Internetverbindungen und neue Tarifmodelle der Anbieter. Bezahlt wird nicht mehr nach Verbindungszeit, sondern nach übertragenem Datenvolumen. Die Gebührenuhr im Hinterkopf etwa bei der Nutzung von WAP (Wireless Application Protocol), dem Internetstandard für Handys, hört somit auf zu ticken.

Theoretisch lässt sich mit GPRS die Geschwindigkeit im GSM-Netz mehr als verzehnfachen. Praktisch nutzbar sind zurzeit Geschwindigkeiten von rund 30 Kilobit pro Sekunde - immerhin genug, um unter anderem WAP kräftig auf die Beine zu helfen. Nachdem Motorola mit dem Timeport 260 das erste GPRS-fähige Handy auf den Markt brachte, sind in den letzten Monaten alle führenden Hersteller gefolgt und bieten GPRS-Handys an.

GPRS ist jedoch nicht die einzige Technologie, die neues Leben in die alten Netze bringt. Bei E-Plus und D 2 beschleunigt zum Beispiel HSCSD (High Speed Circuit Switched Data) den Datenverkehr auf bis zu 43 Kilobit pro Sekunde. Professionelle Anwender, die auch unterwegs mit ihrem Firmenrechner kommunizieren, auf Datenbanken zugreifen oder Dateien und E-Mails versenden wollen, können damit deutlich besser leben als bisher. Wichtig ist allerdings, sich nicht auf einen der Übertragungsmodi - GPRS oder HSCSD - festlegen zu lassen. Das Handy sollte daher beide Verfahren beherrschen. Das können derzeit etwa das Ericsson R 520 m oder das Nokia 6310.

Mit GPRS und HSCSD sichert sich die GSM-Technologie eine Überlebenschance auch nach der Einführung von UMTS. Im Zuge der Aufrüstung mit entsprechender Hard- und Software werden die tatsächlichen Kapazitäten ihren theoretischen Möglichkeiten entgegenstreben. Und weil UMTS auch nach der Startphase weit unter der vielzitierten Bandbreite von zwei Megabit je Sekunde bleiben wird, vollzieht sich der Übergang zur dritten Mobilfunkgeneration vermutlich weit weniger dramatisch, als es die Werbung glauben machen will. Zudem werden nach einhelliger Expertenmeinung GSM-Netze und UMTS für lange Zeit nebeneinander bestehen.

Die übernächste Generation

Auf lediglich 128 Kilobit pro Sekunde, doppelt so viel wie eine ISDN-Leitung, wird die Bandbreite von UMTS zunächst geschätzt - für aufwendige Multimedia-Anwendungen viel zu wenig. So würde es acht Minuten dauern, um eine Minute Video auf das Display zu laden. Und auch die maximalen zwei Megabit je Sekunde, falls sie je erreicht werden, sind für etliche professionelle Szenarien zu mager. Noch bevor UMTS an den Start geht, entsteht in den Labors von Forschung und Industrie der Mobilfunkstandard der übernächsten Generation.

Daran arbeitet zum Beispiel die vom Bundesforschungsministerium unterstützte Gruppe UMTSplus, der unter anderem Alcatel SEL, Bosch, DaimlerChrysler, die Deutsche Telekom, Ericsson Eurolab, Siemens und Sony Deutschland sowie etliche deutsche Universitäten angehören. Ziel ist es, bisher nicht öffentlich genutzte Frequenzen, wie sie von lokal begrenzten, drahtlos verbundenen Computernetzen verwendet werden, für eine übergreifende Funkinfrastruktur zu nutzen.

Anders als bei UMTS fallen für diese Frequenzen keine Lizenzgebühren an. Zudem arbeitet die Funktechnologie in Computernetzen mit geringeren Sendeleistungen und ist in Montage- und Lagerhallen oder in Kliniken bestens bewährt. Technische Zeichnungen oder Röntgenbilder können hier mit elf Megabit pro Sekunde verzögerungsfrei übertragen werden. Der große Nachteil dieser Technologie: ihre kurze Reichweite von nur wenigen hundert Metern.

Solche lokalen Funknetze könnten sich schrittweise auf ganze Infrastrukturbereiche wie Flughäfen oder Universitäten ausdehnen. Auf dem Campus könnten Studenten der Live-Übertragung einer Vorlesung dann am Notebook folgen, Geschäftsleute könnten in der Flughafen-Lounge arbeiten, als säßen sie an ihrem Schreibtisch. Doch die mobilen Endgeräte müssen neben dem neuen lokalen auch den UMTS- sowie alle anderen flächendeckenden Standards beherrschen. Erst dann wird die multimediale Ehe von Internet und Mobilfunk perfekt.

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