Zeitung Heute : Telekommunikation: Neue Technik, weniger Jobs

Harald Olkus

Der große Handy-Boom ist abgeflaut. Weltweit kündigen Mobiltelefonhersteller Entlassungen an. Hoffnungen setzt die Branche nun auf die neue UMTS-Technologie, mit der bei den Endgeräten ein neuer Verkaufsschlager entwickelt werden soll. Ob sich das allerdings auch in Form von Arbeitsplätzen niederschlägt, ist fraglich. Denn vorerst schwächelt der Markt. Ericsson beispielsweise baut weltweit 10 000 Stellen in der Handy-Produktion ab. Die deutschen Niederlassungen seien davon allerdings nicht betroffen, sagt die Pressesprecherin des Unternehmens, Anja Klein. "Wir haben in Deutschland eine sehr gute Auftragslage, die vor allem mit dem Aufbau der UMTS-Netze zu tun hat." Der Konzern werde hierzulande keine Mitarbeiter entlassen müssen, aber auch niemanden einstellen.

Auch Siemens wird aufgrund der Konjunkturflaute weltweit 5500 Stellen abbauen. Betroffen sind nicht nur Mitarbeiter im Vertrieb, auch Wartungs- und Service-Mitarbeiter müssen gehen, da die Kundenbetreuung zunehmend auf Fernwartung umgestellt werde, sagt Siemens-Unternehmenssprecherin Sabine Metzner. Gesonderte Zahlen für Deutschland lägen nicht vor. Darüber hinaus lässt Siemens in der Handy-Produktion in Deutschland rund 2600 befristete Verträge auslaufen. Diese Entlassungen betreffen vor allem Facharbeiter.

"Ingenieure sind aber nach wie vor Mangelware", sagt Sabine Metzner. Siemens werde auch in diesem Jahr 5000 Elektroingenieure, Informatiker und Softwarespezialisten einstellen, je zur Hälfte Hochschulabsolventen und "Young Professionals". In Berlin sucht der Konzern Softwareentwickler "für bestehende und künftige Netze", sagt der Pressesprecher der Berliner Niederlassung, Enzio von Kühlmann-Stumm. Für die in den vergangenen Jahren in Berlin aufgebaute "Entwicklungszentrale Mobile Netze" mit insgesamt 4000 Mitarbeitern werden auch in diesem Jahr 300 Mitarbeiter gesucht, vorwiegend Ingenieure.

Verstärkung für die UMTS-Entwicklung

Ähnlich ist die Situation bei Motorola in Berlin. Die erst im Herbst vergangenen Jahres eröffnete Niederlassung auf dem Borsig-Gelände sei nicht von der Handy-Produktion abhängig, sagt Pressesprecher Christian Klein. Die 450 Mitarbeiter des Kompetenzzentrums für Digitalnetze arbeiten an der Entwicklung der UMTS-Technologie. Und sie können offensichtlich in der Fertigung, der Verwaltung sowie in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung noch Verstärkung gebrauchen. "Wir haben keinen Einstellungsstopp", sagt Klein.

Bei der Telekom gebe es keine Entlassungen. Der mit den Gewerkschaften ausgehandelte Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen sei um weitere fünf Jahre verlängert worden, meint ein Firmensprecher. Aber auch bei der Telekom werden gut ausgebildete IT-Fachkräfte gesucht.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt Telekommunikation sei im Vergleich zum Vorjahr weitgehend unverändert, sagt Pohl. Dagegen habe sich die Zahl der Arbeitslosen IT-Fachkräfte erhöht. Das Landesarbeitsamt führt derzeit 462 Jobsuchende mehr als vor einem Jahr. Insgesamt sind in diesem Bereich 2541 Erwerbslose verzeichnet.

Im vergangenen Jahr waren die Unternehmen der Informationstechnik- und der Telekommunikationsbranche (ITK) noch der Jobmotor der deutschen Wirtschaft. Die Zahl der Beschäftigten in der Branche stieg um rund 10 Prozent von 745 000 auf insgesamt 820 000 Stellen, teilt der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) mit. Dabei waren rund 490 000 Beschäftigte im Bereich Informationstechnik (IT) und rund 330 000 Beschäftigte im Sektor Telekommunikation angestellt. In diesem Jahr werde sich diese Entwicklung deutlich verlangsamen. Während der Verband im gesamten IT-Bereich noch mit einem leichten Zuwachs um zwei Prozent auf 836 000 Beschäftigte rechnet, wird die Flaute auf dem Handymarkt dem Telekommunikationssektor sogar einen Beschäftigungsrückgang um ein Prozent auf 326 000 Mitarbeiter bescheren. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Telekommunikationsmarkt mit einem Prozent Wachstum nur einen geringen Anteil am Beschäftigungszuwachs.

Für Nachrichteningenieure sei in Berlin die Arbeitsmarktsituation insgesamt immer noch gut, sagt der Pressesprecher des Landesarbeitsamtes, Klaus Pohl. Absolventen der Fachhochschulen und Universitäten meldeten sich nach Abschluss des Studiums in der Regel nicht mehr arbeitslos, sondern träten sofort eine Stelle an. Vorausgesetzt wird allerdings ihre Bereitschaft zur Mobilität. Denn vor allem in Süddeutschland sei der Arbeitsmarkt für qualifizierte Fachkräfte leergefegt. 285 Nachrichteningenieure in Berlin seien arbeitslos gemeldet. Der Großteil von ihnen sei entweder älter als 53 und somit schwer zu vermitteln, oder will unbedingt in Berlin bleiben. Etwas besser sieht die Lage für die Facharbeiter der Branche aus. Derzeit seien sechs Fernmeldeelektroniker arbeitslos gemeldet. Allerdings sind auch 38 Fernmeldeinstallateure und 42 Fernmeldemechaniker auf Jobsuche.

Nachfrage auf Anwenderseite

Auch für die Umschüler und Quereinsteiger der Branche werden die Zeiten härter. Denn viele Unternehmen werden die Flaute voraussichtlich nutzen, um sich beim Stellenabbau von weniger gut ausgebildeten Mitarbeitern zu trennen. Gleichzeitig geht der BITKOM von einer rapide steigenden Nachfrage nach Beschäftigten auf der Anwenderseite aus. Der Web-Marketing-Sparte, dem E-Business-Sektor und dem Call Center-Markt werden enorme Wachstumspotenziale vorausgesagt - mit einem Bedarf an Mitarbeitern, der in die Millionen gehen soll. Vor allem im Call-Center-Bereich ist das berufsspezifische Wissen allerdings nicht besonders umfangreich und es kann relativ kurzfristig ausgebildet werden. Deshalb sieht der BITKOM hier keine unüberwindlichen Engpässe auf die Branche zukommen.

Ingesamt werde der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften auch in der Telekommunikationsbranche wieder wachsen, meint der BITKOM und fordert deshalb Verbesserungen bei der Green Card Initiative, etwa den Wegfall der Begrenzung auf fünf Jahre und Lockerungen der Zuzugsbeschränkungen für Familien. Langfristig ist aus Sicht des BITKOM allerdings eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems nötig. Es fehle an modular aufgebauten und interdisziplinären Studiengängen mit stärkerem Praxisbezug. Nur so ließe sich auch den hohen Abbrecherquoten unter den Informatikstudenten von mehr als 50 Prozent begegnen. Die Unternehmen setzen derweil zunehmend auf die Ausbildung ihrer eigenen Fachkräfte und kooperieren entweder mit Fachhochschulen und Universitäten, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern.

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