Zeitung Heute : Teltow-Seehof: Der Kläger wird zum Angeklagten

Der Tagesspiegel

Teltow. Fällt der Vorwurf „antisemitische Verzögerungsstrategie“ unter die Zulässigkeit des frei gesprochenen Wortes? Mit dieser heiklen Frage muss sich am heutigen Montag das Amtsgericht Potsdam beschäftigen. Angeklagt ist der amerikanische Anwalt Peter Sonnenthal, der für seine Familie die Rückgabe vieler Grundstücke im Berliner Vorort Teltow-Seehof durchsetzen will. Seit der Wende wird hier um den größten ostdeutschen Restitutionsfall gestritten. Betroffen sind rund 850 Grundstücke mit etwa 3000 Bewohnern und eine Vielzahl unbebauter Parzellen.

Sonnenthal, der rund ein Viertel der gesamten Erbengemeinschaft vertritt, platzte im April vergangenen Jahres der Kragen. Er warf zwei Richtern an dem für den Fall zuständigen Potsdamer Verwaltungsgericht besagte „antisemitische Verzögerungstaktik“ vor. Der Rückgabestreit um Teltow-Seehof sei ein zehnjähriger Kampf „gegen antisemitisches Verhalten von Verwaltung und Justiz“. Er schloss in seine Kritik auch die Leiterin des Amtes zur Regelung offener Vermögensfragen des Landkreises Potsdam-Mittelmark ein. Sonnenthal, 1954 in New York geboren, verstieg sich öffentlich zu einem harten Vergleich: „Genauso wie Richter Freisler, der Führer Hitler und der Teltower Nazi-Bürgermeister Pilling besiegt wurden, wird auch die unsägliche Pervertierung deutscher Justiz scheitern.“

Der angegriffene Richter Wilfried Hamm stellte Strafantrag. Sonnenthal wurde wegen „übler Nachrede“ mit 60 Tagessätzen zu je 100 Euro bestraft, legte aber Berufung ein. Darüber muss heute das Amtsgericht in einer Hauptverhandlung entscheiden.

Der lange Streit um das 1878 von den jüdischen Kaufleuten Max und Albert Sabersky erworbene rund 84 Hektar große Gut Seehof ist offenbar nicht einfach zu klären. Fest steht, dass die Erben der beiden Saberskys nach dem Machtantritt der Nazis aus Deutschland flohen. Zuvor verkauften sie die Grundstücke des Gutes an einen Makler mit NSDAP-Parteibuch. Für Peter Sonnenthal und die anderen Erben geschah dieser Verkauf wie anderswo unter Zwang. Es sei nicht geklärt, ob der Kaufpreis angemessen war und die Verkäufer überhaupt über das Geld frei verfügen konnten. Ohne die Nazis hätten die Eigentümer das Gut überhaupt nicht verkauft. Behörden und Gerichte sahen indes bisher in Teltow-Seehof nur „verfolgungsneutrale Verkäufe“ ab 1933. Ste.

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