Zeitung Heute : Tempelhof: Gastronomie statt Fotochemie

Harald Olkus

Nicht nur die Bezirke an Spree und Havel haben die Wasserlage als attraktiven Standort entdeckt, auch der sonst eher wasserarme Bezirk Tempelhof-Schöneberg will seinen Hafen am Teltow Kanal künftig aufwerten. Derzeit werden im alten Getreidespeicher und auf der Fläche rund um das 1,2 Hektar große Hafenbecken noch Schrott, Fotochemie und Lebensmittel gelagert. In wenigen Jahren sollen sich dort aber Menschen in Cafés und Restaurants treffen und Kultur erleben. Sie sollen dort einkaufen, wohnen und arbeiten können.

Bislang gehört der Hafen allerdings den drei brandenburgischen Landkreisen Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald. Sie sind die Rechtsnachfolger des früheren Landkreises Teltow, der den gleichnamigen Kanal 1901 anlegte, um Berlin besser mit Getreide, Obst und Gemüse beliefern zu können. Diese traditionelle Stadt-Umland-Beziehung will die Ufa-Fabrik wieder aufgreifen. Bereits seit zwei Jahren erarbeitet das Büro ID22 des Kulturzentrums in Zusammenarbeit mit Studenten und Fachleuten Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung des Hafengeländes. Unter dem Namen "Hafen der Kulturen" will die Ufa-Fabrik in ihrer Nachbarschaft eine Mischung aus ökologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Unternehmungen ansiedeln - und dabei auch noch etwa 220 Arbeitsplätze schaffen.

Stadt und Land zusammenbringen

Auf der Freifläche rund um das Hafenbecken seien Cafés und Biergärten, eine Konzertbühne und ein Wochenmarkt mit Produkten aus dem Umland denkbar, meinen Michael LaFond und Werner Wiartalla von ID22. Durch eine solche Direktvermarktung würde der regionale Wirtschaftskreislauf gestärkt und ein Zusammenwachsen der Stadt mit dem Umland gefördert. Das sei wünschenswert im Hinblick auf die Vernetzung von Stadt und Land, wie sie in der Lokalen Agenda 21 vorgesehen ist. Außerdem könne so auch die Fusion Berlins und Brandenburgs mit vorbereitet werden. Im Getreidespeicher könnte ein Ökokaufhaus, eine Jugendherberge oder ein Hotel untergebracht werden. Außerdem sei eine Firma, die solargetriebene Schiffe baut und verleiht, am Tempelhofer Hafen interessiert sowie ein Betrieb, der Dieselschiffe auf den Betrieb mit Rapsöl umrüstet.

Insgesamt hat das Büro ID22 eine Liste mit 120 Partnern und Organisationen, die sich vorstellen können, sich an der Entwicklung des Hafens zu beteiligen und auch zu investieren, sagt Michael LaFond. Durch die ökologische Ausrichtung des Projekts seien Fördermittel der EU zu erwarten. Wichtig sei aber vor allem, dass eine lebendige Atmosphäre geschaffen werde, in der sich die Bevölkerung Tempelhofs wohlfühle.

Der Bezirk wertet die Arbeit der Ufa-Fabrik zwar als "positiv", die Pläne werden sich aber kaum realisieren lassen, meint der Baustadtrat von Tempelhof-Schöneberg Gerhard Lawrenz. "Das Projekt muss sich in erster Linie rechnen", sagt er. Deshalb würde er die Entwicklung des Areals lieber "dem Geschick eines Investors" überlassen. Das Konzept einer Nutzungsmischung will der Baustadtrat aber übernehmen. Lawrenz denkt dabei allerdings an Handel und Dienstleistung der nicht-alternativen Form. Das gegenüberliegende Modezentrum am Ullsteinhaus lasse an eine Vermietung des Getreidespeichers an Designer denken, außerdem seien Geschäfte im Erdgeschoss oder sogar ein Einkaufszentrum möglich. Auch für eine Freizeitnutzung sowie Gastronomie, ein Hotel und Wohnungen sei der Bezirk offen. Eine kulturelle Einrichtung sei nur dann denkbar, wenn sie sich selbst trage. "Ein Theater, Kabarett oder ähnliches, die von staatlicher Unterstützung leben, kommen nicht in Frage", sagt Lawrenz.

Der Bezirk hat nun ein städtebauliches Gutachten in Auftrag gegeben, das in der kommenden Woche vorgelegt werden soll. Die Entwürfe sollen als Grundlage für die Ermittlung des Verkaufspreises dienen. Doch während die Landkreise Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald mit dem Verkauf des Geländes einverstanden sind, will der Kreis Potsdam-Mittelmark die Fläche lieber im Erbbaupachtvertrag vergeben. Darauf will sich der Bezirk aber nur ungern einlassen. "Wer viel Geld in den Hafen investiert, tut dies nur, wenn ihm die Flächen gehören", sagt Lawrenz. Bei ihm hätten sich bereits mehrere Investoren gemeldet, die sich für eine Entwicklung des Hafengeländes interessierten. Die Vergabe könne aber ausschließlich von der Schlüssigkeit des Konzepts abhängig gemacht werden.

Kooperation erwünscht

Die Kosten für den Kauf des Areals sowie die Sanierung des Getreidespeichers werden sich auf mindestens 150 Millionen Mark belaufen. "Das muss erst einmal wieder eingespielt werden", meint Lawrenz. Dennoch würde er begrüßen, wenn der zukünftige Investor mit der Ufa-Fabrik kooperieren würde. Michael LaFond und Werner Wiartalla sind optimistisch, dass man bei der Entwicklung des Hafens nicht an ihrem Konzept vorbeikommt. "Unsere Vorstellungen sind nicht auf kurzfristige Renditeerwartungen ausgerichtet, sondern auf eine nachhaltige Entwicklung des Geländes für die Menschen, die hier leben", sagt Wiartalla.

In zwei Hafenfesten hat die Ufa-Fabrik ihre Pläne der Bevölkerung vorgestellt und äußerst positive Resonanz erfahren. "Bei einem neuen Konzept muss der Investor erst einmal die Bedenken der Bevölkerung überwinden", sagt LaFond. Dazu gehören nicht zuletzt die Geschäftsleute am Tempelhofer Damm, die an der Konkurrenz durch ein größeres Einkaufszentrum wohl nicht interessiert sein werden.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben