Zeitung Heute : Teppiche pflegen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Manchmal werde ich gefragt, wie sich die Berliner Gesellschaft eigentlich von der in München, Stuttgart oder Düsseldorf unterscheidet. Für solche Fälle habe ich einige Beispiele parat. Und letzten Sonntag habe ich wieder ein besonders schönes dazu gesammelt. Eröffnet wurde das neue Ritz-Carlton an einem Tag, der in seiner nieseligen Ungemütlichkeit danach schrie, in Gesellschaft eines spannenden Buches zu Hause verbracht zu werden. Aber nein, wie ein Mann standen die Säulen der Berliner Gesellschaft auf der Matte, um die neue Location in Augenschein zu nehmen. Man hat es hier einfach nicht nötig, cool, desinteressiert oder auch nur hochnäsig zu tun. Berliner wissen, dass sie in einer einzigartigen Stadt leben, deshalb können sie es sich ganz unbefangen gestatten, mit dieser Stadt in hemmungsloser Begeisterung zu spielen. Und zu träumen. Lauter Pläne schwirrten in der Luft umher. Selbst wenn sie nie verwirklicht werden: Sie sandten positive Vibrations aus – Unternehmungsgeist, Phantasie, Initiative…

Folgen Sie mir einfach mal in den neuen Ballsaal, wo gerade einige typische Berlinerinnen zusammen stehen, eine Lehrerin und VIP-Gattin zum Beispiel und eine erfolgreiche Anwältin. Stirnrunzelnd betrachten sie den großflächig gemusterten Teppich mit einigen beängstigend hellbeigen Strecken drin. „Wenn da mal ’ne Erdbeere drauf fällt“, sagt die eine. „Oder ein Glas Rotwein“, ergänzt die andere. „Ist das nicht entsetzlich unpraktisch?“ „Naja, Rotwein kriegt man mit Weißwein wieder weg.“ „Wirklich?“, fragt eine andere Frau überrascht. „Ich dachte, man müsse Salz streuen.“ „Nein, nein“, wird sie rasch berichtigt. „Weißwein. Milch wirkt übrigens auch, sieht man hinterher gar nichts.“ „Aber da gibt es doch mindestens Fettflecken!“ „Gegen Fettflecken auf Seidenblusen hilft Talkumpuder“, sagt die Juristin. „Habe immer welches dabei. Das Rezept stammt von meiner Großmutter.“

So geht das eine ganze Weile weiter. Rasch verlagert sich das Gespräch auf die besten Änderungsschneidereien, die, wo alle immer hingehen. Wenn sie nicht gleich zu dieser wunderbaren Designerin nach Prenzlauer Berg gehen, die einfach den total richtigen Blick dafür hat, wie man aus scheinbar madamigen Klamottengeschenken total hippe Outfits basteln kann. Auch die Köpenicker Putzfrau kommt vor, die nicht nur den Fußboden trösten kann, sondern auch dessen Besitzerin und eigentlich unlösbare Probleme mit links aus dem Weg räumt.

Natürlich wurden patente Tugenden zu Mauerzeiten im Osten mehr kultiviert als im Westen. Eine sozialistisch geplante Mangelwirtschaft ist schließlich besser geeignet, Phantasie und Improvisationsvermögen zu schulen als satter Kapitalismus. Aber die Gesamt-Berlinerinnen, die da in dem grandiosen neuen Ballsaal unter funkelnden Kronleuchtern zusammenstanden, waren auch gut drauf: „Warum nicht ein Buch machen mit den besten Tipps fürs praktische Überleben?“

Egal, wie die Kulissen sind, und in dieser Stadt sind viele repräsentative Häuser nun mal brandneu, so dass es eigentlich nicht in den Wänden stecken kann, sondern wohl doch in der Luft liegt: Berliner sind völlig unfähig anzukommen. Das vor allem unterscheidet sie.

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