Zeitung Heute : Terror im Irak – Bangen in Afghanistan

Schwere Anschlagsserie mit 95 Toten und 560 Verletzten in Bagdad / Am Donnerstag Wahlen am Hindukusch

Martin Gehlen[Kairo],Michael Schmidt[Berlin]

Durch eine verheerende Anschlagsserie in Bagdad mit mindestens 95 Toten und 560 Verletzten hat der Rückzugsplan der USA aus dem Irak einen schweren Dämpfer erlitten. Zugleich wachsen angesichts der anhaltenden Terrorattacken und Drohungen der Taliban in Afghanistan die Zweifel, ob der Westen am heutigen Donnerstag eine friedliche Präsidentschaftswahl am Hindukusch gewährleisten kann.

Die irakische Bevölkerung traut den einheimischen Sicherheitskräften immer weniger zu, ohne US-Hilfe die Bürger wirksam gegen Terror zu schützen. Nach Angaben der Behörden brachten die Täter an zwei strategischen Punkten der Innenstadt mit Sprengstoff präparierte Lastwagen zur Explosion – den einen am Finanz-, den anderen am Außenministerium.

Es waren die schwersten Attentate, seit sich die US-Truppen vor sechs Wochen aus den Städten in Kasernen auf dem Land zurückgezogen haben. Präsident Barack Obama will die Mehrheit der US-Kampfeinheiten bis Ende August 2010 aus dem Irak abziehen, allerdings ohne dass das Land erneut im Chaos versinkt. Ein Teil der Soldaten sowie ihre militärische Ausrüstung werden dringend in Afghanistan gebraucht, wo die Kämpfe mit den Taliban immer heftiger werden. Seit Anfang 2009 hat die US-Armee am Hindukusch mehr Soldaten verloren als im Zweistromland. Auch plant das Pentagon im nächsten Jahr bereits höhere Militärausgaben für Afghanistan als für den Irak.

Die größte der insgesamt sieben koordinierten Explosionen ereignete sich gegenüber dem Außenministerium im Stadtzentrum. Dort riss eine Bombe mindestens 59 Menschen in den Tod, 250 weitere wurden verletzt. Ein zweiter Sprengsatz explodierte unter einer Brücke nahe dem Finanzministerium. 28 Menschen starben und 95 wurden verletzt. Zusätzlich wurde eine Rakete auf die hoch gesicherte Grüne Zone abgeschossen, wo die meisten ausländischen Botschaften liegen.

Die Präsidentschaftswahl in Afghanistan ist erst die zweite seit dem Sturz der Taliban durch die internationale Allianz Ende 2001. 35 Kandidaten konkurrieren um das höchste Amt im Staat. Als Favoriten gelten Amtsinhaber Hamid Karsai und der frühere Außenminister Abdullah Abdullah. Am Wahlverlauf will der Westen auch messen, wie erfolgreich der Demokratisierungsprozess ist. In dem Land am Hindukusch sind rund 100 000 internationale Soldaten stationiert, darunter 4200 deutsche. Allein der Militäreinsatz der Bundeswehr wird bis Ende 2009 etwa 3,4 Milliarden Euro gekostet haben, für Projekte der Entwicklungshilfe und des Wiederaufbaus hat die Bundesregierung bis 2010 mehr als 1,2 Milliarden Euro zugesagt. Für den Polizeiaufbau stellte Berlin seit 2002 jährlich bis zu zwölf Millionen Euro zur Verfügung, seit 2008 wurde der Betrag auf 35,7 Millionen aufgestockt. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) rechnet damit, dass der Bundeswehreinsatz in Afghanistan noch fünf bis zehn Jahre dauern könnte.

Auch am Mittwoch warnten die radikalislamischen Taliban die afghanische Bevölkerung noch einmal vor der Teilnahme an der Wahl. Ein Taliban-Sprecher kündigte an, sämtliche Straßen und Autobahnen würden bis Donnerstagabend für den Verkehr gesperrt. Wer dies missachte, trage selbst die Verantwortung, sollte etwas passieren.

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