Zeitung Heute : Terror in Israel: Die Haltbarkeit der Angst

Charles A. Landsmann

Die Bilder des Grauens wiederholen sich in immer schnellerer Folge. Und sie lassen einen nicht mehr los, sind gegenwärtig Tag und Nacht. Die Zeitungen sind voller Todesanzeigen, die Atmosphäre ist voller Gerüchte: Israel, der jüdische Staat, steht unter einer beispiellosen Terroroffensive.

Jehuda Meshi-Zahav kommt nicht zur Ruhe. Bekannt geworden ist er in der israelischen Öffentlichkeit als "Planungs- und Operationschef" der Kommandos ultrareligiöser Juden in Jerusalem gegen die Verweltlichung der Heiligen Stadt. Doch der dürre Mann mit dem flatternden, dünnen blonden Bart hat jetzt keine Zeit für den Religionskrieg und Kulturkampf: Denn er führt auch jene Freiwilligen an, die nach jedem Anschlag die fürchterlichste Arbeit verrichten müssen: die Suche nach Körperteilen der Opfer. Da ein Finger, dort eine Hand, hier ein blutiges Kleidungsstück, dort ein Schuh.

Die Wucht der Explosion

Die zentrale Ben-Yehuda-Straße in der Fußgängerzone von Jerusalem hat schon viele, sehr viele Anschläge, Morde, Tote und Verwundete gesehen. Hier am Zionsplatz explodierte vor über drei Jahrzehnten die erste Terror-Bombe überhaupt in einem abgestellten alten Kühlschrank. Dort, wo die Ben Yehuda in den Zionsplatz einbiegt, war Samstagnacht die Hölle: Ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft, Sekunden später reißt 40 bis 50 Meter entfernt ein Zweiter Unschuldige in den Tod.

Die Wucht der Explosion ist gewaltig. Menschen fliegen durch die Luft, im weiten Umkreis der beiden Tatorte ist alles zerstört: Schaufensterscheiben, Stühle und Tische der Straßencafés, Straßenlampen und Zierbäume.

Dort, wo bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren der aus Deutschland stammende greise Religionsphilosoph Schalom Ben-Chor jeden Freitagmittag vor dem Café seinen zahlreichen jugendlichen Anhängern Toleranz und Versöhnung zwischen den Religionen predigte, stehen jetzt Ambulanzen mit ihren rotierenden Rotlichtern und aufgerissenen Türen. Die meisten Sanitäter haben ihre erste Nothilfe bereits geleistet, die durch Splitter leicht und mittelschwer Verletzten sind schnellstens ins unweit gelegene Bikur Cholim-Krankenhaus transportiert worden, wo noch Stunden später schockierte Augenzeugen eingeliefert werden.

Ilan Franco ist heute der zweitmächtigste Mann in Jerusalem, Stellvertreter des Polizei-Oberkommandanten. Immer ist er zur Stelle in den Stunden des Schreckens nach den Anschlägen. Er ist sichtbar gealtert in den vergangenen Monaten. Das verbliebene kurz geschnittene Haar ist schneeweiß geworden, tiefe Furchen sind in sein Gesicht gegraben, müde sind seine Augen und doch wachsam. Er spricht kaum einen Satz ganz aus, begnügt sich mit kurzen Befehlen an seine Leute. Die sind zunächst voll damit beschäftigt, die Tatorte abzusperren, neugierige Gaffer zu vertreiben "Weg hier, es könnte noch weitere Bomben geben", rufen sie. Und in diesem Moment explodiert in der Nebenstraße ein geparkter Kleinwagen. Nun sind Polizeibefehle überflüssig. Alle laufen in Panik davon. Nur Polizisten und Sanitäter, Fotografen und Kameramänner rennen in die Gegenrichtung, wo das Auto in Flammen steht.

Vor einem halben Jahr sprengte sich ein islamistischer Selbstmordattentäter beim Eingang zur Discothek des ehemaligen Delfinariums in Tel Aviv mitten in einer Gruppe Jugendlicher in den Tod: über 20 Unschuldige starben an jenem Freitagabend, grausam zerfetzt von der Bombe. Diesmal wählten die Täter und ihre Hintermänner wieder Jugendliche zum Ziel ihres Hasses aus: Alle Todesopfer sind keine 20 Jahre alt, vier sogar 15 oder jünger. Sie wollten sich, Stunden, bevor es wieder zurück in die Armee oder auf die Schulbank ging, ein bisschen vernügen, in den Cafés und Restaurants, bei Fastfood und Coke.

Am Sonntagvormittag tobt die Wut am Tatort. "Tod den Arabern" skandieren aufgebrachte Gruppen. Nein, schallt es ihnen entgegen, das Hauptproblem sei die Linke im eigenen Land. Und schon gibt es neue Sprechchöre: "Tod den Linken." Ein Bewohner eines Hauses, dessen Fensterscheiben durch die Explosion zu Bruch gegangen sind, tritt auf den Balkon und singt "Give war a chance". Polizisten stellen eine Leiter an die Wand, klettern zum Balkon und bringen den Sänger zum Schweigen.

Aber es gibt in dieser Atmosphäre des Entsetzens und der Angst auch Stimmen, die selbst jetzt zur Vernunft aufrufen. Ein junger Israeli sagt: "Man muss die Palästinenser wie Menschen behandeln. Wenn man sie wie Tiere behandelt, benehmen sie sich wie Tiere."

Der zweite Schrecken

Und dann am Mittag die nächste Schreckensnachricht: wieder Terror, diesmal in Haifa. Die verschlafene Hafenstadt im Norden des Landes wird durch eine gewaltige Explosion auf halber Höhe des Carmel-Berges erschüttert, dort, wo die Straße von den Industrievororten der Haifa-Bucht in die nobleren Wohnviertel auf dem Berg, zur Universität und der Technischen Hochschule führt. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 hatte hier ein winziges Trüppchen junger Soldaten des noch jüngeren jüdischen Staates die Stellung gegen eine gewaltige arabische Übermacht gehalten und so die Einnahme der Stadt verhindert. Heute noch gedenkt man hier an der "Helden-Brücke" dieses Kampfes. Jetzt ist die Brücke gesperrt, denn direkt neben ihr ist der vollbesetzte Linienbus 16 explodiert. Genauer: Er war etwas weiter oben explodiert und dann brennend weitergerollt, bis er auf der Gegenfahrbahn bei der Brücke zum Stehen kam.

Noch steigt Rauch vom ausgebrannten Bus auf, Metallteile liegen verstreut herum ebenso wie blutgetränktes Verbandszeug - Spuren des Todes und des Leidens. Auch hier sind die leichter Verwundeten schnell abtransportiert worden, wird um das Leben der Schwerstverletzten gekämpft, werden Leichen zugedeckt und danach weggebracht, wird nach abgetrennten Körperteilen gesucht. 14 Buspassagiere sind gestorben, Dutzende sind verletzt.

Und ganz unzählbar sind die Verletzungen der Seele. Denn niemand, auch nach so vielen Terroranschlägen, vermag sich an diese schrecklichen Bilder zu gewöhnen. Die Israelis haben Angst in diesen Tagen, Todesangst.

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