Zeitung Heute : Terror von oben

Sarah Kramer

Im Irak sollen Terroristen das Computerprogramm „Google Earth“ für Angriffe auf britische Militärlager genutzt haben. Welche Gefahr geht von solchen Daten aus?


Mit Hilfe des Internets sind inzwischen selbst entlegendste Orte erreichbar. Notwendig sind nur ein Rechner, eine schnelle Netzverbindung und ein entsprechendes Programm. Zu den beliebtesten gehört „Google Earth“: Die Software für die interaktive Erkundung der Erde wurde bisher mehr als 200 Millionen Mal heruntergeladen. Nutzer des Programms können sich mit Satellitenfotos und anderen hochauflösenden Luftaufnahmen sekundenschnell an fast jeden Ort der Erde heranzoomen.

Dass das Programm frei zugänglich und dazu noch kostenlos ist, machen sich neben Millionen von redlichen Nutzern nun offenbar auch Terroristen im Irak zunutze: Sie sollen nach Berichten der britischen Zeitung „Daily Telegraph“ vor allem die detailgenaue Luftaufnahme-Software von Google für Angriffe auf britische Militärlager nutzen. Demnach fanden britische Geheimdienstagenten in der vergangenen Woche verdächtige Dokumente bei der Erstürmung von Häusern, in denen sich Rebellen versteckt hielten. Sie entdeckten ausgedruckte Satellitenfotos, die eindeutig von Google Earth stammten. Auf diesen war die Gegend rund um die südirakische Hafenstadt Basra zu sehen. Von den Rebellen wurden „detailliert Gebäude innerhalb der Lager und angreifbare Ziele wie die Zeltunterkünfte, die Wasch- und Toilettenblöcke“ markiert, berichtet die Zeitung. Auch Parkplätze, auf denen mit leichten Waffen bestückte Land-Rover-Fahrzeuge standen, sollen zu sehen gewesen sein. Auf der Rückseite der Fotos waren außerdem die genauen Längen- und Breitengrade potenzieller Angriffsziele vermerkt.

„Wir glauben, dass die Aufständischen Google Earth benutzen, um die am leichtesten angreifbaren Ziele wie beispielsweise Zelte zu identifizieren“, sagt ein britischer Geheimdienstoffizier. Allerdings gebe es bislang keine eindeutigen Beweise, dass die Rebellen im Irak britische Lager mithilfe von Luftaufnahmen aus dem Internet beschossen hätten. Bereits vor dem britischen Geheimdienst hatte schon ein amerikanischer Soldat, der im Irak eingesetzt war, auf eine terroristische Nutzung von Google Earth hingewiesen. „Sie benutzten das Global Positioning System (GPS) für die Navigation und Google Earth, um mithilfe von Luftaufnahmen unsere Positionen ausfindig zu machen“, beschwerte sich der Soldat in einer im Internet veröffentlichten E-Mail. „Das ist die Technologie der bösen Jungs – einfach, aber effektiv.“

Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland, sieht in dem Programm des Unternehmens dagegen keine Bedrohung der Sicherheit. „Ich glaube nicht, dass Terroristen auf Google Earth angewiesen sind“, sagt er. „Im Netz gibt es außer unserem Programm viele weitere Quellen, auf die man jederzeit zugreifen kann.“ Als Beispiel nannte Keuchel die Software „Earthwind“ der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa und ein Programm des Konkurrenten Microsoft. Die bei Google Earth einsehbaren Aufnahmen würden von dem Unternehmen nicht indiziert. „Was auf den Bildern zu sehen ist, hängt vom Urheber der Fotos ab“, sagt Keuchel. So seien beispielsweise militärische Anlagen auf manchen Aufnahmen nicht zu erkennen.

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