Terrorabwehr : Sind die deutschen Airports sicher?

Ein Passagier löste mit seinem Laptop am Münchner Flughafen Sprengstoffalarm aus und flüchtete. Der Fall hat ein kleines politisches Beben ausgelöst.

von und Sebastian Bickerich[Rainer W. During]
319486_0_e702b3b2.jpg
Grafik: Anna Kroupa

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärt die Angelegenheit zur Chefsache, die Gewerkschaft der Polizei kritisiert die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen – und tausende Fluggäste blieben hängen: Ein Sprengstoffalarm im Münchner Terminal 2 am Mittwochnachmittag hat ein kleines politisches Beben ausgelöst, das bis ins spanische Toledo zu spüren war. Dort berieten am Donnerstag turnusgemäß die Innenminister der Europäischen Union über Flugsicherheit.

Was ist genau passiert?

Als ein Laptop eines Fluggastes den Gepäckscanner passierte, gab es Sprengstoffalarm. Noch ehe sich die Mitarbeiterin eines privaten Sicherheitsdienstes mit ihren Kollegen besprechen konnte, verschwand der Besitzer des Laptops mitsamt seinem Gerät im Gemenge. Die Kontrolleurin soll dem Passagier noch ein Stück verfolgt haben. Nachdem er ihr entwischt war, verständigte sie ihren Chef, der dann die Bundespolizei alarmierte. Diese sperrte Terminal 2, beendete die Abfertigung aller von dort abgehender Flüge und überprüfte sämtliche Personen, die sich dort aufhielten. Nach Angaben eines Flughafensprechers mussten 33 Flüge ausfallen, wovon 2000 Passagiere betroffen waren. Etwa hundert Flüge starteten verspätet, wovon bis zu 10 000 weitere Passagiere betroffen waren. Beamte der Bundespolizei mussten alle infrage kommenden Räume überprüfen, bevor sie Entwarnung geben konnten. Aufgetaucht ist der Mann noch nicht.

Gibt es generell Sicherheitslücken?

Schon kurz nach dem Vorfall hatte ein Sprecher der Bundespolizei beklagt, dass es bis zur Alarmierung der Beamten „etliche Minuten“ gedauert habe; der Fluggast sei in dieser Zeit möglicherweise schon abgeflogen, bevor das Terminal abgeriegelt wurde. Die Zuständigkeit für die Kontrolle liegt bei der Regierung von Oberbayern, die einen privaten Sicherheitsdienst damit beauftragt hat. Die Polizeigewerkschafter würden das gerne ändern. So beklagt der für die Bundespolizei zuständige Gewerkschaftsvorsitzende Josef Scheuring die niedrigen Löhne der Wachdienst-Beschäftigen. Das könne „nicht zu mehr Sicherheit führen“. Experten verweisen indes auf den „üblichen Machtkampf“ zwischen privaten Sicherheitsdiensten und der Polizei. Für eine tatsächliche Beeinträchtigung der Sicherheit gebe es keine Beweise.

Wie läuft die Kontrolle technisch ab?

Gepäckscanner reagieren auf organische, nichtorganische und metallische Gegenstände. Sprengstoff besteht in der Regel aus organischen Materialien; in diesem Fall verfärben sich die betroffenen Bereiche auf dem Monitor des Scanners orange – so auch am Mittwoch. Damit ist aber noch kein Beweis für Sprengstoff erbracht. Vor allem Parfum, gelegentlich auch Bestandteile von Festplatten oder Notebookkomponenten erscheinen auf dem Scanner-Bildschirm orange. In diesem Fall ist das Sicherheitspersonal angehalten, verdächtige Gegenständige mit einem „chemical sniffer“, einer Art Ministaubsauger mit hochsensiblem Sprengstoffsensoren, erneut zu untersuchen. Dazu kam es in München nicht mehr.

Hat der Vorfall politische Folgen?

„Ich nehme den Vorgang sehr ernst“, sagte de Maizière. Zwar bleibe die Frage, was gewesen wäre, wenn der Mann tatsächlich Sprengstoff dabeigehabt hätte, hypothetisch. Dennoch will er checken lassen, ob am Flughafen München „gegebenenfalls Konsequenzen gezogen werden“ müssen. Sollten sich Fehler „struktureller Art“ herausstellen, könnte das auch Auswirkungen auf andere Airports haben, sagte er im Deutschlandfunk.

Unbeachtet blieb der Vorfall auch im spanischen Toledo nicht. Dort saßen die EU-Innenminister zusammen, um auch mit US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano über die Kontrolle von Fluggästen zu beraten. Die amerikanischen Behörden verlangen von Flugreisenden, die in die USA einreisen, dass sie vor dem Abflug personenbezogene Daten wie etwa Kreditkartennummer oder Postanschrift übermitteln. Im Juli 2007 erneuerten die EU-Mitgliedstaaten ein Abkommen, wonach die europäischen Fluggastdaten an die US-Heimatschutzbehörde weitergeleitet werden. Gleichzeitig wurden auch die Europäer aktiv. Im Juli 2008 billigten die EU-Innenminister im Grundsatz einen Vorschlag der Brüsseler EU-Kommission, wonach die Sicherheitsbehörden in den EU-Ländern Zugriff auf Passagierdaten bekommen können, um möglichen Terroranschlägen vorzubeugen. Nach dem vereitelten Anschlag auf eine US-Passagiermaschine am Weihnachtstag wurde innerhalb der EU der Ruf nach einer verstärkten Kontrolle der Fluggäste noch lauter. Und beim EU-Innenministertreffen in Toledo forderten mehrere Mitgliedstaaten, die Passagierdaten zur Rasterfahndung zu nutzen. Zudem verständigten sich die Minister darauf, dass künftig mehr „Sky Marshals“ an Bord mitfliegen sollen. Allerdings ist in der EU umstritten, wie weit die Europäer dem US-Vorbild mit Körperscannern folgen sollen. De Maizière sagte in Toledo, es solle jedem überlassen bleiben, ob er bei den Kontrollen durch den Scanner gehe oder sich abtasten lasse.

Wie ist die Situation in Berlin?

Der Sprecher der Bundespolizeidirektion Berlin, Meik Gauer, sagte, die Mitarbeiter seien jetzt „noch einmal sensibilisiert“ worden, man sehe aber keinen Anlass, Änderungen vorzunehmen. Grundsätzlich herrscht an den Berliner Flughäfen eine andere Situation als an Großflughäfen wie München und Frankfurt, wo die Passagiere durch eine zentrale Kontrollstelle in einen riesigen, unübersichtlichen Sicherheitsbereich mit vielen Abfluggates, zahlreichen Geschäften und Gaststätten gelangen. Das könnte sich jedoch mit der für Ende 2011 geplanten Eröffnung des Airports Berlin-Brandenburg International in Schönefeld ändern. Er wird ebenfalls über eine zentrale Personen- und Handgepäckkontrolle verfügen, hinter der die Fluggäste in einen riesigen Sicherheitsbereich mit Geschäften und Restaurants gelangen. Allerdings ist es, wie Experten betonen, kaum möglich, vor Abschluss der Kontrolle dorthin zu gelangen.

Autor

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar