Terrorismus : "Der Dschihad wird ein Pop-Phänomen"

Reisende in Sachen Krieg: Die Polizei hat am Morgen den Deutschen Omar D. und den Somalier Abdirazak B. aus einer KLM-Maschine gezogen. Wieder wollten zwei Männer aus Deutschland in den Dschihad ziehen. Sicherheitsexperten sind besorgt.

Frank Jansen

Das Flugzeug war startklar, da schlug am Freitagmorgen die Bundespolizei zu. Kurz vor sieben Uhr holten Beamte den Deutschsomalier Omar D. und den Somalier Abdirazak B. aus einer Maschine der niederländischen Fluggesellschaft KLM. Die beiden Männer leisteten keinen Widerstand. Mit der Aktion auf dem Flughafen Köln-Bonn seien zwei Männer festgenommen worden, die in den Dschihad (den Heiligen Krieg der Islamisten) ziehen wollten, war später aus Sicherheitskreisen zu hören.

Der Fall zeigt, dass auch Deutschland ein mögliches Rückzugsgebiet für islamistische Terroristen ist und er belegt die immer dichtere Vernetzung der islamistischen Terrorszene. Hinzu kommt das Phänomen der organisatorisch kaum oder gar nicht eingebundenen „homegrown terrorists“. Diese werden offenbar immer jünger: Am Mittwoch schossen in Köln drei Teenager, aufgeputscht durch islamistische Hassvideos, mit Schreckschusswaffen auf eine Polizeistreife. Nach ihrer Festnahme schwadronierten sie vom Heiligen Krieg. „Der Dschihad wird ein Pop-Phänomen“, sagt ein Sicherheitsexperte dazu. Er glaubt: Galt früher das Hakenkreuz rebellischen Jugendlichen als Symbol ultimativer Provokation, könnte es bald der Märtyrertod im Namen Allahs sein.

Eine Verbindung zwischen den schießwütigen Jugendlichen und den auf dem Kölner Flughafen festgenommenen Männern sehen Sicherheitsexperten bisher zwar nicht. Doch definitiv ausschließen wollen sie diese auch nicht. „Wir haben es mit einem Netz von qualifizierten Kennverhältnissen zu tun“, sagt ein Fachmann. Ein Kollege drückt sich weniger zurückhaltend aus: „Es ist alles eine Suppe.“ Der islamistische Terror differenziert und modernisiert sich weiter. Pop trifft Praxis.

Und die Praxis sieht so aus: Abdirazak B., ein in Libyen geborener, 23 Jahre alter Somalier mit Wohnsitz in Bonn, und Omar D., gemeldet in Rheine, geboren in der somalischen Hauptstadt Mogadischu, 24 Jahre alt und deutscher Staatsbürger, unterhielten Kontakt zu einem Islamisten in Bonn, der in Sicherheitskreisen als eine „obere Figur“ bezeichnet wird. Der Mann stand seinerseits in Verbindung mit dem saarländischen Islamisten Eric Breininger, den die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt seit Donnerstag per Öffentlichkeitsfahndung suchen.

Direkte Kontakte zwischen Breininger sowie Abdirazak B. und Omar D. sind nicht bekannt. Aber die beiden Männer aus Nordrhein-Westfalen wollten offenbar dahin, von wo aus Breininger und sein Kumpan Hussein al Malla im September aufgebrochen waren: Nach Pakistan, in die von paschtunischen Stämmen beherrschte Region an der Grenze zu Afghanistan. Dort drillt die mit Al Qaida verbündete Islamic Jihad Union (IJU) Kämpfer und künftige Selbstmordattentäter. Breininger und al Malla haben das IJU-Training durchlaufen, jetzt sind sie möglicherweise wieder in Deutschland oder auf dem Weg hierher. Breininger wurde vergangene Woche auf dem Balkan gesichtet, in Sicherheitskreisen wird Sarajevo genannt, die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Angeblich hat Breininger dort gesagt, er wolle ein Buch schreiben – über seine Zeit im Dschihad, bei der IJU an der pakistanisch-afghanischen Grenze.

Abdirazak B. und Omar D. dagegen schafften es gar nicht aus Deutschland hinaus. Von Köln aus wollten sie am Freitag nach Amsterdam fliegen und dort eine KLM-Maschine nach Uganda besteigen. Der Flug nach Entebbe war gebucht, die Männer hatten sich im September in der ugandischen Botschaft in Berlin Visa besorgt. Von dem ostafrikanischen Land aus sollte die Tour in Richtung Pakistan weitergehen. Die zwei Männer, schon länger bei Polizei und Nachrichtendiensten unter Beobachtung, hatten in ihren Wohnungen Abschiedsbriefe hinterlassen, in denen die Reise in den Dschihad angekündigt wird. Von einer Rückkehr war offenbar keine Rede.

Vermutlich verhinderten die Behörden mit der Festnahme von Abdirazak B. und Omar D., dass sie sich ähnlich als Terroristen professionalisieren konnten wie der 21-jährige Eric Breininger und der 24 Jahre alte staatenlose Kurde Hussein al Malla, die zwei Freunde aus dem Saarland. Breininger war im Februar 2007 zum Islam übergetreten, offenbar animiert durch ein Mitglied der Sauerlandgruppe, Daniel Schneider. Die Sauerlandgruppe hatte verheerende Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland geplant. Sie wurde von der IJU gesteuert.

Noch im Saarland radikalisierte sich Breininger (offenbar unter dem Einfluss Schneiders) so weit, dass er ankündigte: Wer im Dschihad stirbt, komme auf die höchste Stufe im Paradies, und das werde er „später auch machen“. So zitieren ihn Ermittler. Breininger schottete sich von seiner Familie ab, im September 2007, kurz vor der Festnahme der Sauerlandgruppe, flog er nach Kairo. Im November folgte Hussein al Malla, beide reisten über Dubai nach Teheran. Von dort aus gelangten sie nach Pakistan. In einem IJU-Camp wurden sie für Anschläge und den bewaffneten Kampf ausgebildet.

Im März schickte Breininger seiner Schwester eine E-Mail: Er sei in Pakistan und werde bald nach Afghanistan aufbrechen, „um dort für Allah zu kämpfen“. Im April und Mai produzierte die IJU Videos, auf denen Breininger und mindestens einmal al Malla zu sehen sind, er jedoch vermummt. Breininger, in Tarnuniform, die Kalaschnikow umgehängt, spricht vom Märtyrertod und wirbt um Deutsche: „Unternehmt endlich was und kommt zum Dschihad.“ Die Botschaft wird auf einer einschlägigen Homepage verbreitet. Vielleicht haben die schießwütigen Jugendlichen in Köln das Video gesehen – und auch Abdirazak B. und Omar D., bevor sie in den Dschihad ziehen wollten.

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