Terrorismus : Radikal zur Wahl

In regelmäßigen Abständen gibt es Warnungen von Terrorexperten, dass die Gefahr von Anschlägen in Deutschland vor der Bundestagswahl steige. Wie sind diese Meldungen zu bewerten?

Frank Jansen
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Szenario. Sicherheitsexperten sehen die Gefahr von Anschlägen wie im Jahr 2004 in Madrid. Foto: ddp

In der islamistischen Terrorszene wächst der Hass auf Deutschland. Es gelingt den Heiligen Kriegern einfach nicht, in der Bundesrepublik einen großen Anschlag zu verüben. Und aus Afghanistan lässt sich die Bundeswehr trotz zunehmender Angriffe auf die Soldaten und einer wachsenden Opferzahl nicht vertreiben. In der Logik von Al Qaida, Taliban und anderen Dschihadisten muss also noch heftiger gedroht, geschossen und gebombt werden. In diesem Szenario der Eskalation psychologischer Kriegführung und militanter Aktion ist offenbar ein Datum von besonderer Bedeutung. Am 27. September wird der Bundestag neu gewählt. Er entscheidet, ob die Soldaten in Afghanistan bleiben oder abgezogen werden. Da will die islamistische Terrorszene auf ihre Art mitreden. Offenbar noch im Wahlkampf.

Die Sicherheitsbehörden stellen sich darauf ein. Am Donnerstag haben in Berlin unter Regie von Innenstaatssekretär August Hanning hochrangige Beamte von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz über die Bedrohung gesprochen. Das Treffen ist nicht das einzige, in dem die Terrorgefahr analysiert wird. Die Sicherheitsbehörden sind seit Jahresbeginn stärker noch als zuvor schon sensibilisiert. Im Januar startete die Terrorszene eine Serie von Drohungen gegen die Bundesrepublik. Vor allem die Botschaft des Deutschmarokkaners Bekkay Harrach alarmierte die Experten. Mitte Januar drohte der Islamist in einem Video, „sollten die Deutschen glauben, dass sie ungeschoren davonkommen, dann sind deutsche Politiker leider fehl am Platz“. Und: „Unsere Atombombe ist die Autobombe“. Ebenfalls im Januar sprengte sich vor der deutschen Botschaft in Kabul ein Selbstmordattentäter in die Luft. In den Sicherheitsbehörden kursiert seitdem eine Horrorfiktion – mit dem Schlagwort „Madrid“.

Im März 2004 zündeten Terroristen in der spanischen Hauptstadt Rucksackbomben, die in Vorortzügen deponiert waren. Das Blutbad geschah kurz vor den Parlamentswahlen. Der Anschlag setzte eine politische Kettenreaktion in Gang, die das islamistische Terrornetz als großen Erfolg feiert. Die Sozialisten gewannen überraschend die Wahlen und zogen dann, wie im Wahlkampf angekündigt, die spanischen Soldaten aus dem Irak ab. In der Al-Qaida-Propaganda wird ausgeblendet, dass nicht der Anschlag den Sozialisten den Wahlerfolg brachte, sondern die Lüge des damaligen, konservativen Ministerpräsidenten Aznar, für den Terrorangriff sei die baskische Untergrundbewegung Eta verantwortlich. Dennoch halten Sicherheitsexperten die Legende „Madrid“ für hochgefährlich. Weil sie Islamisten animieren könnte, mit Anschlägen Einfluss auf Wahlen und staatliche Entscheidungen zu nehmen. Gerade jetzt, zur Bundestagswahl.

Es sind vier Szenarien, die am stärksten in den Behörden diskutiert werden. Erstens: Im Inland könnten „homegrown terrorists“, also hier lebende und hier radikalisierte Muslime, auf eigene Faust Anschläge planen. Oder es würden zugereiste Strenggläubige aktiv, wie die Kofferbomber. Die zwei zum Studium nach Deutschland gekommenen Libanesen hatten sich über den Nachdruck der Mohammed-Karikaturen im Tagesspiegel und anderen Zeitungen derart empört, dass sie im Juli 2006 Kofferbomben bauten und in zwei Regionalzügen deponierten. Nur dank eines technischen Defekts blieb das Inferno aus.

Zweitens: Al Qaida oder eine andere Gruppierung aktiviert Rückkehrer aus Trainingscamps oder schleust Kämpfer nach Deutschland, die „weiche Ziele“ angreifen. „Große Sorgen bereitet uns das, was in Bombay passiert ist“, sagt ein Experte. Im November 2008 stürmten Terroristen Luxushotels und andere Gebäude in der indischen Stadt, fast 200 Menschen starben. „Es reichen schon drei, vier Täter, die zu allem entschlossen sind“, sagt der Fachmann. „Wenn die mit Kalaschnikows und Sprengstoff in einer Stadt ein Hotel angreifen, ein Kaufhaus und den Bahnhof, wäre das Land geschockt.“ Pause. „Und die Polizei überfordert.“

Drittens: Schwer zu verhindern sind auch Angriffe auf deutsche Touristen im Ausland. Vor allem in Nordafrika scheint die Gefahr für Deutsche zu wachsen. Ein ausländischer Geheimdienst hat die deutschen Partnerbehörden gewarnt, die Al-Qaida-Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet habe die Terrorallianz „Al Qaida im islamischen Maghreb“ zu Attacken auf Deutsche aufgefordert. Und ein Experte erinnert an den Anschlag vom April 2002 auf der tunesischen Ferieninsel Djerba. Es starben 21 Touristen, darunter 14 deutsche Urlauber.

Das vierte Szenario gilt als das wahrscheinlichste: Ein verheerender Angriff auf die Bundeswehr in Afghanistan, mit einer weit höheren Zahl von Toten und Verletzten als bei den Anschlägen bislang. „Wenn ein Selbstmordattentäter mit einer Autobombe 20 oder 30 deutsche Soldaten tötet, hat er zweierlei erreicht“, sagt ein Experte. „Der Angriff trifft diejenigen, die man aus Afghanistan raushaben will, und gleichzeitig wird in Deutschland die Debatte über einen Abzug der Bundeswehr stark angefacht.“

Konkrete Hinweise auf geplante Anschläge gebe es nicht, betonen Sicherheitskreise. Mit einem Zusatz: selbst wenn sich bis zur Bundestagswahl keine Katastrophe ereigne, „bleiben wir gefährdet“. Für Al Qaida „sind die Feindbilder ewig“.

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