Zeitung Heute : Teure Milch – Tricks und Absprachen?

Grünen-Politikerin Höhn, Wirtschaftsforscher und EU halten Preissteigerungen für ungerechtfertigt

Berlin - Wegen der Teuerungswelle bei Milchprodukten hat die Grünen-Bundestagsabgeordnete und langjährige nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn deutsche Supermarktketten scharf kritisiert. In einem Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag nannte sie die angekündigten drastischen Preiserhöhungen für Milch und Butter „unverhältnismäßig“ und warf den Handelsunternehmen vor, sie versuchten, „die Marktsituation für Preiserhöhungen auszunutzen“. Aufschläge „bei der Butter um 50, beim Quark um 40 Prozent“ halte sie nicht für richtig, „weil diese Preissteigerungen nicht wegen besserer Qualität eintreten“, erklärte die Politikerin.

Die zuständige Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel sagte der „Bild am Sonntag“, Brüssel verfolge die Preissteigerungen auf dem Milchmarkt genau, und „wir reagieren mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen“. Die Erhöhungen seien angesichts der allgemeinen Versorgungssituation in der EU nicht gerechtfertigt.

Dies unterstrich auch der Leiter der Abteilung Konjunktur beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Alfred Steinherr, in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel am Sonntag. Nach seiner Einschätzung liegen die Gründe für den Preisanstieg nicht – wie von den Lebensmittelketten behauptet – in einer plötzlich gestiegenen Nachfrage nach Milchprodukten in Asien. Die dortige Nachfrage habe seit Jahren regelmäßig zugenommen, ohne dass es in Europa zu einem stetigen Anstieg der Preise gekommen sei. „Diese plötzliche Notwendigkeit, die gibt es also nicht.“ Darum dränge sich der Verdacht auf, „dass sich einige große Anbieter zusammengetan haben, um die Preise abzusprechen“. Steinherr glaubt nicht, dass sich die angekündigten Preiserhöhungen von bis zu 50 Prozent bei Milchprodukten auf Dauer am Markt durchsetzen lassen. Durch das Konkurrenzspiel am europäischen Markt und ein Gegensteuern durch die EU-Agrarpolitik ließe sich in diesem Jahr allenfalls eine Preiserhöhung von fünf Prozent durchsetzen. Dies wirke zwar steigernd auf die Lebenshaltungskosten, „aber so geringfügig, dass man es fast nicht merkt“.

Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP bei mehreren Lebensmittelkonzernen haben Verbraucher für Milch und Butter in dieser Woche bereits deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen. Für ein halbes Pfund Butter stiegen die Preise um bis zu 50 Prozent. So kostete das günstigste Päckchen Butter in den zum Handelskonzern Metro gehörenden Real- und Extra-Märkten nicht mehr 0,79 sondern 1,19 Euro. deh/M.G./tib

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