Zeitung Heute : Teures Vertrauen

Das BeratungsunternehmenRoland Berger hat Probleme,das benötigte Startkapitalfür eine europäische Ratingagentur von privaten Investoren einzutreiben. Ist das Projekt damit gescheitert?

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Die großen Drei der Ratingbranche können vorerst weitermachen wie bisher. Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch teilen sich 95 Prozent des Marktes – und ein ernst zu nehmender Wettbewerber ist nicht in Sicht. Das Beratungsunternehmen Roland Berger bestätigte am Montag, dass die Gründung einer neuen, europäischen Ratingagentur nicht wie erhofft vorankommt. „Es liegen noch keine Zusagen über angemessene Finanzierungsbeiträge vor“, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel. Benötigt würden 300 Millionen Euro Startkapital, das Investoren aus der Finanzbranche aufbringen müssten. Ursprünglich sollte die Finanzierung schon Ende März stehen. Zugleich betonte die Sprecherin, es würden weiter Gespräche mit deutschen und europäischen Geldgebern geführt. „Wir stehen nicht vor dem Aus und wir sind optimistisch, dass das Projekt am Ende gelingt.“ Das Konzept könne aber nur aufgehen, „wenn die Industrie es sich zu eigen macht und selbst die Agentur gründet und finanziert“.

Roland Berger ist Initiator des europäischen Vorhabens, das den US-Ratingagenturen Konkurrenz machen und als private, nicht gewinnorientierte Stiftung gegründet werden soll. Ratingagenturen sind private Unternehmen, die die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten bewerten. Das soll Anlegern und Banken Orientierung geben. Das Ergebnis ihrerAnalyse fassen die Agenturen in Buchstabenkombinationen zusammen.

Das Problem: Die Agenturen werden bislang von ihren Auftraggebern bezahlt, also vor allem von Banken, Versicherungen und Unternehmen, die Wertpapiere herausgeben. Die Agenturen entwerfen diese Papiere zunächst, um sie anschließend zu bewerten. Dies führt zu Interessenkonflikten, die zum Beispiel die Finanz- und Schuldenkrise mit ausgelöst haben, weil die Agenturen – aus Sorge davor, Aufträge zu verlieren – zu positive Ratings für hochriskante Papiere vergeben hatten.

Der Roland-Berger-Plan sieht vor, künftig anstelle der Emittenten von Wertpapieren die Investoren die Einstufungen bezahlen zu lassen. Eine Idee, die auch die Bundesregierung und die EU befürworten. Die Finanzbranche kann sich damit allerdings offenbar nicht anfreunden. Commerzbank-Chef Martin Blessing hatte die Diskussion um eine europäische Ratingagentur schon vor einiger Zeit mit dem Monster von Loch Ness verglichen. Es tauche immer wieder auf, werde aber nie gesehen. Sowohl die Commerzbank als auch die Deutsche Bank wollten sich am Montag nicht weiter dazu äußern, ob sie eine solche Agentur finanzieren würden. „Es ist schwer erkennbar, wer in Europa bereit und in der Lage ist, das erforderliche Kapital zur Verfügung zu stellen, ein beachtliches Verlustrisiko einzugehen und für lange Zeit auf eine Verzinsung zu verzichten“, heißt es in einem Grundsatzpapier des Bundesverbands Deutscher Banken (BDB).

Auch die Industrie sieht das Projekt kritisch. Die bestehenden Agenturen hätten sich über Jahre einen Erfahrungsschatz aufgebaut – für einen neuen Player sei es sehr schwierig, akzeptiert zu werden, hieß es aus Industriekreisen. Und auch das von Roland Berger vorgeschlagene „Rotationsprinzip“ kommt bei den potenziellen Investoren nicht gut an. Demnach wären die Teilnehmer der Finanzmärkte verpflichtet, regelmäßig die Agentur zu wechseln. In einem gemeinsamen Statement vom Deutschen Aktieninstitut, dem Verband Deutscher Treasurer und dem Bundesverband der Deutschen Industrie heißt es dazu: Sowohl Qualität als auch Aussagekraft der Ratings würden deutlich verringert. Eine Qualitätsverschlechterung sei wahrscheinlich. Ein Ratinganalyst brauche mindestens zwei Jahre, um sich die notwendigen Kenntnisse anzueignen, um auch größere und komplexere Unternehmen bewerten zu können. Dieses Wissen ginge durch die Rotation verloren.

Derweil hofft die Bundesregierung weiterhin auf die Gründung einer europäischen Ratingagentur. „Es wäre bedauerlich, wenn dieses Projekt tatsächlich nicht zustande käme“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Er betonte, dass der Vorstoß allerdings aus der Privatwirtschaft kommen müsse. „Eine staatliche Beteiligung dazu wird nicht zu irgendeiner Form von Glaubwürdigkeit führen.“

Größere Chancen, eine neue Ratingagentur auf die Beine zu stellen, rechnet sich offenbar die Bertelsmann-Stiftung aus. Sie will an diesem Dienstag in Washington ein eigenes Modell für eine internationale Agentur vorstellen. Eine europäische Agentur könne nicht die Antwort auf die internationalen Herausforderungen sein, heißt es in einem Papier der Stiftung, das dem Tagesspiegel vorab vorlag. Anders als der Berger-Vorschlag soll sich die von Bertelsmann vorgeschlagene Agentur auf Länderratings beschränken. Doch auch sie würde aus einem Fonds finanziert, in den neben Regierungen auch private Investoren einzahlen müssten. 400 Millionen Dollar (306 Millionen Euro) wären nötig, um die operativen Kosten decken zu können. Dafür würde die Agentur für ihre Länderratings aber kein Geld verlangen. mit dapd

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