Thailand : Im Schatten der Krone

19 Staatsstreiche seit 1932, Thailand kommt nicht zur Ruhe. Die einzige Konstante ist König Bhumibol. Aber an seine Neutralität glaubt kaum einer. Allzu oft hat er die putschenden Militärs gewähren lassen. Auch jetzt schweigt er wieder.

Peter Saale[Bangkok]
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Ungerührt. Thailands König Bhumibol Adulyadejs bei einer Parade zu seinem 81. Geburtstag im Dezember 2008.Foto: dpa

Er hat den Thron seit 1946 inne, das Volk ist mit ihm aufgewachsen. Er war immer schon da, unangefochten an der Staatsspitze, solange die Menschen denken können. War er nicht immer gut zu ihnen gewesen?

Seine Majestät Bhumibol Adulyadej von Thailand, dienstältester Regent der Welt, musste in den vergangenen Tagen mit anschauen, wie Demonstranten in roten Hemden durch Bangkok zogen und den Rücktritt der Regierung von Abhisit Vejjajiva forderten, einer Regierung, deren derzeit erstgenanntes Attribut ist, königstreu zu sein. Erst am Dienstag gaben sie auf. Zu groß war die Übermacht der Sicherheitskräfte. Zu groß die Gefahr, dass es weitere Tote geben würde. Die Anführer der Rothemden sollen vor Gericht gestellt werden.

Proteste in Bangkok
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Rote Hemden im gelben Land. Das war die Farbpalette der Auseinandersetzung. Gelb ist die Farbe des Königs. In Thailand gehört zu jedem Wochentag eine Farbe, der Montag ist Gelb, und weil Bhumibol an einem Montag geboren wurde, ist Gelb die Farbe der Krone, und also badete Thailand 63 Thronjahre lang im Bhumibol-Gelb. Jeder hat etwas Gelbes, viele tragen Gelb jeden Montag, und alle tragen Geld an Feiertagen.

Auf den König können sich alle einigen

Und dann forderten plötzlich 100 000 Menschen in Rot, Anhänger des 2006 gestürzten Regierungschefs Thaksin Shinawatra, den Rücktritt einer gelben Regierung, verlangen Neuwahlen. Und auch die Roten versichern, königstreu zu sein.

Denn der König ist der Einzige, auf den sich alle in Thailand einigen können.

König Bhumibol – 81, Jurist, Politologe, Fotograf, Jazzsaxofonist – ist ein eleganter, schmächtiger Mann mit schmalem Gesicht und Segelohren. 1927 in den USA geboren als Abkömmling von Thailands königlicher Mahidol-Familie. Die Eltern brachten ihn für sechs Jahre nach Thailand und dann in die Schweiz, wo er Schule und Universität besuchte.

Sein Bruder wurde als Kind zum König ernannt, doch der starb kurz vor seiner Krönung im Königspalast durch einen Pistolenschuss. Es wurde nie geklärt, wer schoss. Stunden später trat Bhumibol, 18 Jahre jung, als König an die Stelle seines Bruders.

Bei einem Paris-Besuch verliebte er sich in eine entfernte Cousine, in die 15-jährige Sirikit. Die beiden heirateten 1950, bekamen vier Kinder, sind bis heute ein Paar. Bhumibol gilt als erster monogamer König der Chakri-Dynastie, die den Thron seit dem 18. Jahrhundert besetzt. Als Bhumibol in den 50er Jahren als junger König auftrat, war Thailands einst allmächtiges Königshaus am Boden. 1932 war die absolute Monarchie per Revolution nach einem unblutigen Staatsstreich durch eine konstitutionelle ersetzt worden. Das Militär hatte das Sagen, die Krone nur noch zeremonielle Bedeutung. Doch Bhumibol erwies sich als listiger Taktierer, der Entscheidungen beeinflusste und die Krone wieder an Staatsfirmen beteiligte. Durch Inlandsreisen gewann er die Gunst des Volkes. Als erster König Thailands stampfte Bhumibol in Gummistiefeln und mit hochgekrempelten Ärmeln durch schlammige Reisfelder und über Hühnerfarmen. Er fotografierte, machte Notizen, entwarf 400 Bewässerungssysteme, gab Saatgut und Futter. Bhumibol arbeitete hart, wollte, dass es den Menschen besser gehe. Dabei profilierte er sich enorm. Das Volk sah einen Mann, dem offenbar vor allem eines am Herzen lag: das Wohl Thailands.

"Die Leute können mich hinausschmeißen"

Bei Auslandsreisen begeisterten Bhumibol und Sirikit. Er jazzte mit Benny Goodman und Stan Getz, sie glänzte durch ihr Auftreten. „Die am besten angezogene Frau der Welt“, fand das US-Magazin „Vanity Fair“ 1965. Thailand war stolz auf sein Königspaar. Mit dem Volk im Rücken setzte Bhumibol immer neue Verfassungen durch, die dem Königshaus immer mehr Gewicht gaben. Bald kam niemand in Wirtschaft, Politik und Militär mehr an dem Monarchen vorbei.

Die ersten 25 Artikel der Verfassung garantieren bis heute Unantastbarkeit. Niemand darf den König kritisieren, ihm etwas vorwerfen. Er ist Hüter des Buddhismus, „verehrende Anbetung“ ist Pflicht, auf Majestätsbeleidigung steht Gefängnis. Alle Thais müssen jeden Morgen und jeden Abend stillstehen, wenn überall im Land die Hymne des Königreiches erschallt. Täglich sind im Fernsehen kurze Filme oder Fotos zu sehen, die den König zeigen. Jeder Kinostreifen läuft erst nach einem Kurzfilm an, der Bhumibol glorifiziert. Während der Königsfilm läuft, müssen sich die Menschen im Kinosaal erheben. Bhumibols Geburts- und Hochzeitstag sind nationale Feiertage, monatelange Festivitäten begleiten runde Thronjubiläen. Alle Untertanen werfen sich vor Mitgliedern der Königsfamilie auf den Boden, küssen Füße und wagen keinen direkten Blick. Bhumibol soll einmal fast ertrunken sein, weil niemand sich traute, ihn zu retten.

Nie mehr als fünf Jahre ohne Putschversuch

Thailand ist laut Verfassung eine „Demokratie mit dem König als Staatsoberhaupt“. Öffentlich, demonstrativ bescheiden wie immer, sagt Bhumibol: „Sollten die Leute mich nicht wollen, können sie mich hinausschmeißen.“ Und: „Wenn ich etwas tue, möchte ich wissen, ob die Menschen zustimmen oder es ablehnen. Der König ist fehlbar.“ Dabei hat er abgesegnet, dass Kritik an ihm mit Gefängnis bestraft wird. Ausländer, die wegen Majestätsbeleidigung verurteilt wurden, hat Bhumibol öfter begnadigt. Thailändern ergeht es schlechter. Vergangene Woche wurde der Blogger Suwicha Thakhor zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er stellte ein Bild ins Internet, das den König beleidigt haben soll. Vor zwei Monaten flüchtete Professor Giles Ji Ungpakorn aus Thailand, weil er wegen Majestätsbeleidigung angeklagt worden war. „Ich glaube nicht, dass ich ein faires Verfahren bekomme“, sagte Ungpakorn. Er hatte sich mit der Nähe des Königshauses zum Militär auseinandergesetzt.

Bhumibol umgab sich früh mit Generälen, das Militär stürzt regelmäßig demokratisch gewählte Regierungen. Seit Einführung der konstitutionellen Monarchie herrscht in Thailand ein erbitterter Machtkampf, seitdem, seit 1932, gab es 19 Staatsstreiche, 18 Verfassungen und 27 Premiers. Unter Bhumibol vergingen nie mehr als fünf Jahre ohne Putschversuch. Das Militär beansprucht Einfluss auf die Politik und setzt den mit Waffengewalt durch. König Bhumibol scheint das zu akzeptieren. Im Gegenzug schützen Generäle offenbar den unantastbaren Status der Krone. „Wir bleiben in der Mitte, neutral, im friedlichen Nebeneinander mit allen“, sagt Bhumibol. Aber niemand glaubt an seine Neutralität.

Vom Volk geliebter Monarch

Der Autor Paul Handley, ein Amerikaner, der 13 Jahre in Thailand lebte, stellt fest, dass in Thailand im Schatten der mächtigen Monarchie-Militär-Achse keine Demokratie wachsen kann. Handley beschreibt Bhumibol als berechnenden Machtmenschen, der in erster Linie um sich selbst und seine Monarchie besorgt sei. „Der König lächelt nie“ heißt sein Buch, das in Thailand verboten ist. Der Autor darf nicht mehr ins Land.

2006 beseitigte der jüngste Staatsstreich einen demokratisch gewählten Premier: Thaksin Shinawatra. Die Popularität des Milliardärs hatte der Achse Monarchie-Militär Bedeutungskonkurrenz gemacht. Und man warf ihm Korruption vor, es ging um ein Grundstück. Thaksins Wähler fühlten sich betrogen, sie sind die Roten, die nun auf die Straße gingen. „Zeit für Revolution“, hatte Thaksin ihnen zugerufen. Und kurz nach ihrem Rückzug am Dienstag kündigten sie an, bald weiterkämpfen zu wollen.

König Bhumibol Adulyadej von Thailand: ein vom Volk geliebter Monarch. Er ist die einzige Konstante in einem Land, das politisch nicht zur Ruhe kommt. So sehen ihn all jene, die davon überzeugt sind, dass Bhumibol den Menschen Halt gibt und Thailand vor noch schlimmerem Unheil bewahrt.

Der König schweigt

So in den 70er und 90er Jahren, als Soldaten auf Demonstranten schossen, die Demokratie forderten. König Bhumibol, sein Wort ist stärker als jedes Gesetz, mahnte Zurückhaltung an. Und sofort wurde es ruhig. Es war auch Bhumibol, der 1992 den Übergang von militärischen zu zivilen Regierungen unterstützte.

König Bhumibol von Thailand: ein Herrscher, der im Hintergrund die Fäden immer so zieht, dass er über den Dingen und die Monarchie unumstritten bleibt. So sehen ihn all jene, die davon überzeugt sind, dass Bhumibol und seine Generäle Thailands Entwicklung zu einer modernen Demokratie absichtlich verhindern. Jüngst hätte der König vieles stoppen können, was Thailand gerade in den Ruin treibt. Bhumibol musste den Staatsstreich von 2006 nicht akzeptieren, von dem sich das Land bis heute nicht erholt hat. Doch der König empfing die Putschisten. Er hätte Ende 2008 Besonnenheit anmahnen können, als in Bangkok bei Straßenschlachten zwei Menschen starben, 430 verletzt wurden und Hunderttausende festsaßen, weil Demonstranten Flughäfen blockierten. Doch er schwieg.

Bhumibol hätte auch dieser Tage einschreiten können, als bei Straßenschlachten wieder zwei Menschen starben und mehr als 100 verletzt wurden. Aber auch dieses Mal schwieg der König.

Der Kronprinz wird nicht respektiert

81 Jahre ist er jetzt alt, und manche glauben, er sei nicht bei guter Gesundheit. Vergangenes Jahr sagte Bhumibol die Ansprache ab, die er traditionell an seinem Geburtstag hält. Sind längst die Generäle, die den königlichen Rat dominieren, Wortführer im Palast? Bhumibol-Verehrer und Bhumibol-Kritiker haben eines gemein: Sie sehen das Vakuum, das der Monarch einmal hinterlassen wird, als möglichen Wendepunkt in Thailands Geschichte. Ein Thailand ohne Bhumibol wird sowohl Tumultgefahr als auch eine neue Demokratiechance bringen. Wird Bhumibols einziger Sohn, Kronprinz Vajiralongkorn, übernehmen? Oder steht die Monarchie dann infrage?

Der Kronprinz war lange Playboy, fiel durch Eskapaden auf und ließ sich zweimal scheiden. Das Volk, da sind die Gelben und die Roten sich einig, respektiert Vajiralongkorn nicht. 

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