Thailand : Wenn Ideen aufblühen

Isaree Thongprasert hat sich in Thailand selbstständig gemacht – mit Kunstblumen aus Naturmaterialien. Nach dem großen Tsunami von 2004 war ihr Betrieb komplett zerstört. Hilfe kam von der Regierungsinitiative One Tambon One Product.

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Mit Liebe zum Detail. In kleinen Dorfgemeinschaften verarbeiten Kunsthandwerkerinnen gemeinsam mit Isaree Thongprasert (Zweite von rechts) neben den Blättern vom Gummibaum auch Rinden und Zapfen der Casurina-Kiefern. Foto: Floral Craft Ltd
Mit Liebe zum Detail. In kleinen Dorfgemeinschaften verarbeiten Kunsthandwerkerinnen gemeinsam mit Isaree Thongprasert (Zweite von...

Sie ist eine Frau der Taten. Jahrelang arbeitete Isaree Thongprasert als Sekretärin bei Tobacco Monopoly, der Zigarettenfabrik der Regierung in Bangkok. Ein sicherer, angesehener Job. Dennoch kündigte sie. „Ich hatte genug von der Schreibtischarbeit“, sagt die Thailänderin. Ein Messebesuch weckte bei ihr den Wunsch, sich selbstständig zu machen und mit eigenen Händen etwas herzustellen. Die Region Pang Nga, aus der sie kommt, bietet viele natürliche Rohstoffe.

Dass aus der Idee schließlich ein Geschäft wurde, hat viel mit ihrer Schwester zu tun. Die Fischerin aus dem kleinen Dorf Bang Nai Si, 100 Kilometer nördlich von Phuket, fertigte neben ihrer Arbeit künstliche Blumen aus Gummibaumblättern. Inspiriert von den Entwürfen, die in traditioneller Handarbeit gestaltet werden, organisierte Thongprasert eine kleine Gruppe von Hausfrauen im Dorf und stellte Schritt für Schritt ein kleines Sortiment zusammen. Am Anfang verkaufte sie die Produkte nur an den Wochenenden. Mit der Zeit lief das Geschäft immer besser. Alles schien auf einem guten Weg. Bis 2004 der „schwarze Sonntag“ kam.

Diesen Tag werden Isaree Thongprasert und ihre Kunsthandwerkerinnen wohl nie vergessen. Als sich der Meeresgrund im Indischen Ozean um fünf Meter hob, ahnte noch niemand, dass sich hier bald eine der größten Naturkatastrophen aller Zeiten abspielen würde. Zunächst dachten alle, es wäre nur ein Erdbeben. Doch dann schlugen die Monsterwellen auf die Küste Thailands. Die gewaltigen Wassermassen haben auch Bang Nai Si erreicht und den kleinen Betrieb von Isaree Thongprasert binnen Minuten komplett weggeschwemmt. „Kurz zuvor hatten wir die fertigen Produkte zum Versand vorbereitet“, sagt sie. Auf einmal lag alles in den Trümmern. Doch damit war es nicht getan. Der Tsunami kostete vier ihrer Mitarbeiter das Leben. Ein harter Schicksalsschlag.

Und doch hat Isaree Thongprasert nicht den Boden unter den Füßen verloren. Familie und Freunde standen ihr zur Seite. „Jai Yen“, kühles Herz bewahren, heißt die Lebensphilosophie der Thais. Die half ihr über die schwere Zeit hinweg. Und gab ihr Kraft, ihren Mitarbeitern wieder Mut zu machen.

Unterstützung kam auch von der Regierungsinitiative One Tambon One Product (OTOP) – eine Gemeinde, ein Produkt. 2001 hatte sie der ehemalige thailändische Premierminister Thaksin Shinawatra ins Leben gerufen. Das Prinzip ist einfach: Jedes Tambon (Gemeinde) darf sich ein Produkt aussuchen, das dann mithilfe der Regierung in Thailand und international vermarktet wird. Das Förderprogramm soll die Herstellung von landesspezifischen Produkten vor allem in den ländlichen Regionen anspornen. Damit wird nicht nur die lokale Kultur und Tradition belebt, sondern auch das Einkommen vieler Menschen gesichert. Mittlerweile gibt es in Thailand etwa 36 000 OTOP-Gruppen, die jeweils zwischen 30 und 3000 Mitglieder zählen und mit ihrer Produktion die Einzigartigkeit eines jeden Dorfes in die Welt hinaustragen.

Auch Isaree Thongprasert ist es gelungen. Mit einem kleinen Nebenjob hat sie angefangen, nun hat die hartnäckige Geschäftsfrau ein professionelles Unternehmen auf die Beine gestellt. Inzwischen beschäftigt ihre Firma „Floral Craft“ rund 70 Mitarbeiter, darunter auch viele Männer. Neben dem Betrieb in Pang Nga lässt sie in drei weiteren Provinzen produzieren. Die Nachfrage ist groß. Längst verkauft sie in Großbritannien, Indien, Ägypten und Deutschland.

Auch das Sortiment ist größer geworden. Neben Gummibaumblättern werden etwa Blütenstämme der Sesbania-Pflanze oder die Rinden und Zapfen der Casurina-Kiefern in liebevoller Handarbeit zu Blumen, Aufhängern und anderen hochwertigen Handwerksartikeln verarbeitet. „Wir experimentieren mit neuen Farben und Formen“, sagt Thongprasert. An Inspiration und natürlichen Materialien mangelt es in den üppigen Regenwäldern der Region sicherlich nicht.

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