Zeitung Heute : The Diepgen-Walk

HARALD MARTENSTEIN

Rote Seilschaften beim Eröffnungsempfang der BerlinaleVON HARALD MARTENSTEINViele ehrwürdige Vereine oder Institutionen kämpfen mit dem Phänomen der Überalterung - man denke nur an die Briefmarkensammler, oder die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.Die Berlinale hat bei ihrer alljährlichen Eröffnungsparty einen Weg gefunden, das Problem der Überalterung auf biologisch-dynamische Weise zu lösen; sie haben dort so gut wie keine Sitzgelegenheiten.Mutter Natur persönlich gibt Menschen etwa ab dem vierten Lebensjahrzehnt nach einer gewissen Weile in Form schmerzender Füße zu verstehen, daß dieses hier nicht mehr ihr Ding ist.Der Alterdurchschnitt der Party sinkt folglich pro Viertelstunde um etwa ein Jahr. Bloß nicht hinter dem roten Seil! Hinter dem roten Seil gibt es, wie Fernsehmoderator Jörg Wontorra sagen würde, "Sessel satt".Das rote Seil ist quer durch den Saal des Interconti gespannt und ein wesentlicher Bestandteil des komplizierten Kastensystems der Berlinale.Auf der einen Seite des roten Seiles befinden sich die normalen Gäste, also Allerweltsmenschen wie Ulrich Gregor, Reinhard Hauff, Barbara Valentin oder der Grieche aus der "Lindenstraße", auf der anderen Seite des Seiles tummeln sich die Super-Super-VIPS, vom Diepgen aufwärts: Moritz de Hadeln, Helmut Dietl, Veronica Ferres und all so was.Wer auf die gute Seite des Seiles darf, erklärte mir ein Stammgast, sei unmöglich vorauszusagen, ähnlich wie ein Lottogewinn.Mit der Berühmtheit, dem Reichtum, dem Status oder der Schönheit des jeweiligen Gastes habe es nichts zu tun, eher mit der Gunst des adligeren der beiden Festivalleiter. Das rote Seil, erklärte der Stammgast, sei Willkür, Feudalherrschaft, ein Verstoß gegen die Prinzipien von 1789, reinstes Louis Quatorze - andererseits: so viele Filme prangerten bei jeder Berlinale die Ungerechtigkeit an, die Willkür und das Herrschen.Da sei es nur gut, wenn man sich schon bei der Eröffnungsparty auf dieses Thema mental einstimmen könne. Die Laune war allgemein blendend, weil der Eröffnungsfilm - Jim Sheridans "Boxer" - allgemein als eher gelungen empfunden wurde.Die erste Sensation dieses Festivaljahrgangs: ein Eröffnungsfilm, der nicht auf stadtweites Entsetzen stößt! Eine Folterkammer für sensible Cineasten hatte man sich bis zum Jahre 1998 als schwarze Kammer vorzustellen, in die pausenlos Berlinale-Eröffnungsfilme proijziert werden, ohne Betäubung.Nur nach "Steel Magnolias" und "Little Buddha" ist den Delinquenten jeweils ein Schnaps erlaubt. Ben Kingsley, Mario Vargas-Lllosa oder zumindest ein rundum überzeugendes Mario-Vargas-Llosa-Double gehörten zu den Gästen.Barbara Valentin zeigte, daß eine schöne Frau - Kühnheit, Entschlossenheit und Willenskraft vorausgesetzt - in jedem Lebensalter enge schwarze T-Shirts tragen kann.Rosa von Praunheim kam mit einer meterhohen blonden Perücke, Eberhard Diepgen kam persönlich und führte das vor, was in internationalen Schauspielschulen eines gewiß nicht allzu fernen Tages unter den Namen "The Diepgen-Walk" zum Programm gehören wird: eine besonders gravitätische, achtunggebietende Form des zeitlupenhaften Dahinschreitens, die gut für ältere, schon etwas tüttelige Monarchenrollen geeignet ist.Anrührend war die Begegnung mit Rainer Barzel, der sich im Hotel ganz offensichtlich verirrt hatte und einen dementsprechend verwirrten Eindruck machte, als ihn plötzlich mit großem Hallo eine Filmparty umgab.Er flüchtete in einen Aufzug. Wer Barzel sieht, muß sofort an den umbarmherzigen Gang der Geschichte denken.Wie geht es weiter, mit der Berlinale? Einmal wird noch im Interconti gefeiert, dann heißt es Koffer packen und ab an den Potsdamer Platz.Wird das Festival dort einen Neuanfang probieren, sich reformieren? Mit einem gewissen Erstaunen wurde in diesem Jahr registriert, daß trotz des deutschen Filmbooms nur ein einziger, ein eher kleiner deutscher Film im Wettbewerb startet."Das Festival hat sich bemüht", erzählte ein deutscher Produzent, einer der wichtigeren, "aber sie haben nichts gekriegt.Es ist eben keine Ehre, bloß ein Risiko, in Berlin zu starten." Ein deutscher Regisseur, der in Berlin einmal einen Preis bekommen hat, widersprach ihm heftig. Seit im Tagesspiegel beschrieben wurde, wie ein Kollege auf einer Münchner Herrentoilette zufällig Jack Nicholson begegnete, gehe ich viel bewußter aufs Klo als früher.Ich schaue mich dort auch sorgfältiger um und verweile immer ein bißchen, für den Fall, daß Jack Nicholson gerade in einer der verschlossenen Kabinen sitzt.Es war im Interconti-WC aber nur der deutsche Regisseur Michael Verhoeven vorhanden, der sich gerade melancholisch die Hände wusch. Ach, hätte ich gerne gesagt, Barzel ist nicht Kanzler geworden, Sie sind nicht Jack Nicholson, ich bin nicht Bob Woodward, die Berlinale ist nicht Cannes, aber ansonsten ist das Leben O.K., oder? Doch plötzlich rührte sich in einer Kabine etwas, die Tür öffnete sich knarzend, und, ich fasste es nicht - nein, diese Geschichte kriegt die "Washington Post".

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