The Police : "Wir haben uns gerne geprügelt“

Der Schlagzeuger war zu schnell, der Gitarrist ging mit Osama bin Laden zur Schule. Und Sting wollte seine Ruhe. Drei Egomanen – das konnte nicht lange gut gehen.

Sie haben alle verblüfft, weil Sie mit Ihrer Band The Police eine Welttournee angekündigt haben. Was ist passiert?

Sting: Wenn Sie mich am Tag vor der Entscheidung nach einer Police-Reunion gefragt hätten, hätte ich Ihnen gesagt: Das wird nichts mehr. Ich bin eines Morgens mit diesem Gedanken aufgewacht: Was soll ich als Nächstes machen? Wieder eine Sting-CD? Was würde die Leute überraschen? Was würde mich selbst überraschen? Wie wäre es, The Police wieder lebendig werden zu lassen? Ich rief Andy und Stewart an, und sie waren begeistert. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich das noch mal mache.

Dabei haben Sie mal gesagt, The Police sei in den letzten Jahren wie eine Ehe ohne Sex gewesen.

Sting: Es schien mir trotzdem richtig, die Band wieder zusammenzubringen. Ich habe sie damals verlassen, weil ich nicht in das Korsett einer Gruppe eingeschnürt sein wollte. The Police waren 1983 die größte Band der Welt. Ich dachte: „Von jetzt an wird sich alles nur noch wiederholen.“ Ich wollte neue Herausforderungen. Richtig erklären kann ich die jetzige Reunion nicht, die Entscheidung kommt von Herzen.

Andy Summers: Ich war davon völlig überrascht. Stewart und ich hatten all die Jahre gesagt, wie gerne wir noch einmal als Police auf Tour gehen würden. Aber geglaubt habe ich daran nicht mehr.

Haben Sie es je bereut, Police auf dem Höhepunkt des Erfolgs aufgelöst zu haben?

Sting: Dass wir aufgehört haben, als wir unangreifbar schienen, hat alle überrascht. Alle außer mir. Ich wollte nicht meine Ansprüche als Songwriter verleugnen um einer Gleichberechtigung willen, die im Grunde immer Fassade war.

Stewart Copeland: Die Trennung hatte sich abgezeichnet. Die Chronik eines angekündigten Todes. Immerhin gibt es die fünf Police-Alben noch. Sie sind ja nicht im Orkus verschwunden. Obwohl, wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist genau das zumindest in unserer Plattenfirma eine Zeit lang passiert. Da wurde das Monster Police auf einmal vom Ungeheuer Sting verdrängt. Jahrelang war es auf den Fluren unserer Plattenfirma nicht angesagt, Police zu erwähnen, nur um den großen Meister nicht zu verärgern.

Das klingt jetzt aber doch ein bisschen beleidigt.

Copeland: Ich muss ab und zu ein bisschen sticheln. Und als ich der Plattenfirma meinen Police-Film vorschlagen wollte, musste ich mich vom Pförtner zu irgendeinem Assistenten durchtelefonieren. Ich war auf der untersten Ebene des Klinkenputzens angelangt. „So so, einen Film über Police haben Sie gemacht. Weiß nicht, ob das noch was für uns ist“, meinte so ein junger Typ, der noch nie von uns gehört hatte.

Die Musik- und Konzertindustrie erhofft sich ein Jubiläumsgeschäft mit Veröffentlichungen aus dem Police-Fundus und ausverkauften Stadien.

Summers: Weil unsere Musik immer noch zeitgemäß und frisch klingt. Davon mal abgesehen, erinnern wir viele natürlich auch an die goldenen 80er. Aber das ist pathetisch, es gab viel Scheiß damals.

Kurz bevor Sting Police verließ, hat er mal gesagt: „Ehrgeiz ist stärker als Freundschaft.“

Summers: Ich habe die Zeitung aufgehoben, die das damals gedruckt hat. Sting hat nie bestritten, das gesagt zu haben. Und er war nicht aufgebracht, als ich ihn so in meinem Buch zitiert habe.

Haben Sie eigentlich Ihre Ex-Kollegen in den vergangenen Jahren vermisst?

Summers: Nein, wir haben uns eigentlich immer regelmäßig getroffen. Ich bin öfter mit Sting essen gegangen, und Stewart wohnt ganz in meiner Nähe in Los Angeles, wir reden jede Woche.

Copeland: Mir fehlte diese Energie, die wir hatten, wenn wir als Trio auf die Bühne gingen. Wir waren wie ein Sturm.

Mr. Copeland, in Ihrem Dokumentarfilm über The Police sehen wir, wie Sie mit Ihrer alten Band auf die Bühne stürmen, Sie fangen an zu spielen, und schon nach drei Sekunden ruft Ihnen Gitarrist Andy Summers zu: „Zu schnell!“ Was dachten Sie, als Sie diese Szene im Schneideraum sahen?

Copeland: Ich musste lachen. Denn das war charakteristisch für uns. Ich war ja immer zu schnell. Ich war der Vulkan, Andy der freischwebende Schöngeist an der Gitarre und Sting der Fels in der Brandung, der Mann am Bass, mein Orientierungspunkt. Aber er hat sich immer bitter darüber beklagt, wie sehr ich ihm im Nacken säße und ihn mit meinem temporeichen Spiel vor mir hertreibe.

Summers: Wir rauschten immer wie ein Schnellzug auf die Bühne. Stewart war uns immer voraus. Er war aufgeregt und überdreht, sobald er hinter dem Schlagzeug saß.

Haben Sie nie versucht, Ihren hyperaktiven Schlagzeuger zu entschleunigen?

Summers: Darum ging es nicht. Wir wollten diese Energie einfangen und gleichzeitig aus dem Käfig ausbrechen – das war die Spannung, die Police ausmachte.

Copeland: Versucht haben sie es schon: Im Studio ließen sie mich oft fünf- oder sechsmal einen Song spielen, in der Hoffnung, mich auf diese Weise zu ermüden. Hat aber nie geklappt. Die Band lebte von den Spannungen zwischen uns. Sting spielte uns eine Idee für einen neuen Song vor und war jedes Mal genervt, wenn wir ihm dann sagten: „Nicht schlecht, aber lass es uns noch mal anders probieren.“ Da ging er immer an die Decke: „Was soll das heißen – anders? Der Song ist doch schon fertig.“ Andy und ich haben sein Lied dann police-ifiziert, wie wir das genannt haben. Wir haben es zerlegt, manchmal auch zerstört und dann wieder neu zusammengesetzt.

Sting, haben Sie sich Copelands Dokumentarfilm über Ihre alte Band angesehen?

Sting: Nein, ich sehe mir grundsätzlich keine Filme oder Videos an, in denen ich mitgewirkt habe.

Copeland: Ich nehme es ihm nicht ab, dass er den Film nicht gesehen hat. Aber weil er mein Freund ist, will er mich nicht kränken. Und deshalb sagt er nicht viel dazu.

Warum wollen Sie sich den Film nicht ansehen, Sting?

Sting: Ich will mir nicht anschauen, wer ich war.

Es gibt eine Szene, in der Sie Andy Summers mit dem Stiefel ins Gesicht treten.

Sting: (lacht) Sehen Sie, das ist der Grund, warum ich mir den Film nicht angesehen habe.

Der Blick hinter die Band-Kulissen offenbart Umgangsformen, die an den Humor der urbritischen Komikertruppe Monty Python erinnern.

Summers: Diese Raufereien waren nur Spaß. Wir wollten nur spielen. Wenn wir auf Tournee waren, benahmen wir uns immer ein bisschen wie Schüler, die zum ersten Mal auf Klassenfahrt nach Paris unterwegs sind.

Mr. Copeland, statt die Prügelei zu filmen, hätten Sie Ihrem Gitarristen aber auch helfen können.

Copeland: Das wäre nicht so lustig gewesen, und dann würden wir jetzt nicht darüber reden können, weil ich es nicht gefilmt hätte. Wir haben uns gerne geprügelt. Andy hat oft was abgekriegt.

Haben Sie Andy Summers Autobiografie „One Train Later“ gelesen?

Sting: Das Buch ist sehr gut, das hat Andy prima hinbekommen.

Summers: Sting schrieb mir einen sehr netten Brief, nachdem er mein Buch gelesen hatte. Das hat mich gefreut. Er hatte seine Autobiografie Broken Music ja schon zwei, drei Jahre vor meiner veröffentlicht.

Copeland: Ich möchte an dieser Stelle nur sagen, wie froh ich darüber bin, dass Andy all die Sex- und Drogengeschichten aufgeschrieben hat.

Summers: Mein Buch erzählt die wahre Geschichte, schürft tiefer, wenn Sie mir diese Einschätzung erlauben. Ich habe kürzlich übrigens auch Stings Buch endlich gelesen, nachdem ich mit meinem eigenen fertig war. Ich kann jetzt viel besser verstehen, warum Police als Band so gut funktioniert hat. Sting und ich – wir sind eben beide sehr englisch.

Mr. Copeland, Sie sind der einzige Amerikaner bei Police, Ihr Vater war CIA-Funktionär im Nahen Osten, Sie wuchsen in Beirut auf.

Copeland: Ich ging auf die gleiche Schule wie Osama bin Laden. Wir sind uns allerdings nie begegnet, er ist jünger als ich, war ein paar Klassen unter mir.

1980 haben Sie in Argentinien gespielt, das damals von der Junta regiert wurde. Andy Summers trat einen Polizisten, der ein Mädchen im Zuschauerraum ruppig angegangen war …

Summers: Mein Tritt gegen den Polizisten war ein Tritt gegen die Unterdrücker. Wann immer ich seitdem in Argentinien aufgetreten bin, werde ich auf diesen Vorfall angesprochen. Aber damals war es gefährlich für mich. In einer Militärdiktatur tritt man keine Polizisten. Aber ich konnte nicht anders. Da steht dieser fette hässliche Polizist mit seinem Schlagstock und bedroht dieses Mädchen, nur weil es von seinem Sitz aufspringt. Ich fühle die Wut in mir aufsteigen und gebe dem Polizisten einen Tritt auf die Schulter. Die Zuschauer jubeln. Wir spielen weiter. Dann sehe ich, wie sich eine Gruppe von Polizisten zusammenrottet. Wir spielen gerade „Roxanne“, Sting ruft mir zu: „Sie werden dich festnehmen.“ Nachdem wir den letzten Akkord gespielt haben, geht es ab in die Garderobe, ich sehe mich schon in einem argentinischen Gefängnis sitzen.

Und Ihre beiden Kollegen hatten sich auch in dieser Situation erst mal über Sie lustig gemacht?

Summers: Ja, die zogen mich mit Ihren Sprüchen auf. Ich dachte nur: Ihr Blödmänner, das ist alles andere als komisch.

Copeland: Wir haben doch nur ein bisschen gefrotzelt. Als wir in der Garderobe den Polizisten gegenüberstanden, war es mit dem Spaß vorbei.

Summers: Bevor die Polizisten etwas sagen konnten, fing ich an, mich ausführlich zu entschuldigen. Es wurde hitzig debattiert und übersetzt, letztlich akzeptierten sie meine Entschuldigung.

Nach Argentinien sind Police 1982 auch in Chile aufgetreten, das ebenfalls von einem Militärregime regiert wurde. Hatten Sie keine Bedenken, in Diktaturen aufzutreten?

Sting: Wenn du aus Angst vor Terror Konzerte absagst, gewinnt am Ende der Terror. Aber ich war mir der Situation in Chile Anfang der 80er sehr bewusst. Doch allein dadurch, dass wir kamen, ergab sich die Möglichkeit einer kleinen Öffnung. In unserem Konzert waren keine Soldaten, nur junge Menschen, die mitsangen. Aber auf den Straßen patrouillierten die Panzer. Später, als Solokünstler, habe ich das Lied „They Dance Alone“ geschrieben. Ich habe es den chilenischen Frauen gewidmet, die mit sich selbst tanzten und so um ihre ermordeten Männer und Söhne trauern. In Chile wurden daraufhin meine gesamten Platten verboten.

War es für Sie ein Erfolg, dass Ihre Songs in Chile verboten wurden?

Sting: Nein, aber ich bin sehr stolz darauf, Ende der 80er wieder dort gespielt zu haben – und zwar in jenem Stadion in Santiago, wo Pinochet Hunderte von Menschen ermorden ließ. Dort habe ich „They Dance Alone“ mit den Müttern der Verschwundenen gesungen. Das war ein bewegender Moment in meinem Leben, den ich nie vergessen werde.

Copeland: Man darf nicht den Fehler machen, das Regime mit den Menschen eines Landes zu verwechseln. Dass Andy allerdings kurz nach unserer Ankunft in Chile ein paar Flaggen, die man zu unserer Begrüßung auf einem Tisch ausgebreitet hatte, in einer furiosen Rock-’n’-Roll-Geste zu Boden warf, kam nicht so gut an. Es gab einen Rieseneklat.

Was wollten Sie damit bezwecken, Mr. Summers?

Summers: Ich weiß nur, dass ich schon kurz nach unserer Ankunft in Chile diese aggressive Atmosphäre spürte. Dann gingen wir zur Pressekonferenz, und in dem Raum lagen auf einem Tisch mehrere internationale Flaggen. Ich wischte sie einfach mit einer Bewegung meines Arms weg. Die Journalisten bombardierten mich mit Fragen: „Warum haben Sie das gemacht?“ Das war wie eine Eruption. Als Sting sich später beim Konzert weigerte, das Mikrofon der Vorgruppe zu benutzen, weil der Sänger ins Mikro gehustet hatte, wurde das abermals als Beleidigung empfunden.

1986 war es eine andere politische Mission, die Police noch einmal zusammenbrachte: auf einer US-Tournee warben Sie mit U2, Peter Gabriel und anderen für Amnesty International. Beim letzten Konzert sollten Sie die Instrumente an U2 übergeben. Der Legende nach soll Sting gesagt haben: „Seht zu, dass Ihr eure Instrumente verstimmt.“

Summers: Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, aber so was ist die ganze Zeit passiert. Wir hatten diese Art von Humor.

Copeland: Das war doch nur Spaß. Ich weiß aber noch, dass es bei diesem Konzert kurzzeitig richtig Krach hinter den Kulissen gab. Nicht zwischen uns Musikern, sondern unter unseren Managern, die noch mal klären mussten, welche Band die größte war: Police oder U2? Wer bekommt die beste Light-Show, wer ist der eigentliche Headliner? Egal, zum Finale sangen wir dann alle einträchtig „I Shall Be Released“. Da stand ich neben Sting und tat so, als würde ich mitsingen, bis mir Mick Jagger von hinten an den Kopf stieß, ich sollte ein bisschen zur Seite rücken. Dann kamen noch Elton John von links und von rechts Eric Clapton. Ich hatte schnell begriffen: Als Schlagzeuger hast du hier vorne am Bühnenrand nichts zu suchen. Nur: Das Schlagzeug war auch schon von fünf Drummern besetzt.

Mr. Summers, Sting hat eine Kassette mit Ihrem Song „Behind My Camel“ im Garten hinter dem Studio verbuddelt, weil er das Lied nicht mochte.

Summers: Entscheidend war, dass ich die Kassette ausgegraben habe, den Song mit Stewart einspielte und dafür später einen Grammy bekam.

Was kann man fürs Leben lernen, wenn man mal in einer Band wie The Police gespielt hat?

Copeland: Man lernt, dass einem zu viel Bewunderung und Anerkennung nicht guttut. Maßlosigkeit zerstört dich.


Das Gespräch ist Martin Scholz’ Buch „The Police“ entnommen und gekürzt. Es erscheint jetzt bei Eichborn (16,95 Euro).

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