Zeitung Heute : Theater machen

Dario Fo ist Dramatiker und Nobelpreisträger. Jetzt will er Bürgermeister von Mailand werden

Gerhard Mumelter[Mailand]

Ken Livingstone, „Ken il rosso“, ist zum ersten Mal in der Stadt, 7000 Menschen applaudieren ihm, er hechtet auf die Bühne. Da steht er, er will seinen „dear friend Dario“ dabei unterstützen, das zu werden, was er selbst seit Jahren ist: ein roter Bürgermeister. „Wenn ihr wollt, dass man in der ganzen Welt über Mailand spricht, dann wählt Dario“, sagt er. „Ein Nobelpreisträger als Bürgermeister, das ist weltweit neu.“ Und Mailand verdiene eine solche Persönlichkeit. Dario ist Dario Fo.

Und dann sagt Livingstone, der Mann aus London, noch etwas. Es geht um Silvio Berlusconi. „Wir hoffen, dass er bald in jenem Papierkorb verschwindet, aus dem er nie hätte auftauchen dürfen.“ Wieder Beifall und Jubel. Es ist die Schlusskundgebung eines Wahlkampfes, sie findet statt im Mazda-Palace, einer Mailänder Großarena.

Dario Fo, geboren 1926 am Lago Maggiore, satirischer Theaterautor, Regisseur, Bühnenbildner, Komponist, Schauspieler, Literatur-Nobelpreisträger, will Bürgermeister werden. Sein Vater war Bahnhofsvorsteher, Amateurschauspieler und Sozialist, die Familie zog oft um. 1940 landete Dario Fo in Mailand.

Die Chance, dass Fo tatsächlich gewählt wird, ist klein. Aber sie ist da. Denn der politische Gegner, die Bürgerlichen, hat die italienische Erziehungsministerin als Kandidatin aufgestellt, und die ist unbeliebt. So sehr, dass die Linken, das Ölbaum-Bündnis, zum ersten Mal seit langem wieder eine Wahl in Mailand gewinnen könnten. Am Sonntag sollen die Wähler des Bündnisses ihren Kandidaten küren – es ist eine Premiere für Mailand. Dario Fo kandidiert für die Kommunisten.

Blechbläser spielen auf, der Mailänder Sänger Enzo Jannacci sorgt für Stimmung, das Fo-Theaterstück „Von der Schwierigkeit, sich in Mailand zu lieben“ kommt zur Aufführung. Hier braucht Fo sein Publikum nicht erst zu erobern, es steht geschlossen hinter ihm. Eine Frau sagt: „Ich möchte für einen Tag Mailänderin sein und meine Stimme für Fo abgeben.“ Sie ist Lehrerin, kommt aus Reggio, der „Emilia rossa“, jener Region, „wo der rote Filz längst Schimmel angesetzt hat“, wie sie sagt. Sie will an das Wunder von Mailand glauben, und sie befindet sich damit in ehrenwerter Gesellschaft. Etwa in jener des Autors Erri De Luca oder des Architekten Massimiliano Fuksas. Und in jener des populären Kabarettisten Beppe Grillo, der die Sporthallen der italienischen Städte füllt und dessen Internet-Blog mit 130 000 Besuchern täglich zu den meistgelesenen der Welt gehört. Grillos Kabarett ist stets ausverkauft, das Auftrittsverbot im Staatssender Rai fördert seine Popularität. „Dario Fo als Bürgermeister wäre ein Wunder. Eines jener Wunder, die im Leben so passieren“, sagt er.

Mailand, Finanz- und Industriestadt, 1,3 Millionen Einwohner. Das Bürgertum der seit vielen Jahren vom Rechtsbündnis regierten Stadt empfand schon den Nobelpreis als Zumutung. „Benpensanti“ nennt Fo sie verächtlich, Spießer. Und er sagt: „Die haben schon damals die Nase gerümpft. Sie wollen keinen Politclown als Bürgermeister.“ Fo sagt, ein Clown sei für ihn eine positive Figur. „Es ist an der Zeit, dass ein Gaukler an die Macht kommt, ein Barde, der die Sprache des Volkes spricht.“

Über seine Absichten lässt der Theatermacher keine Zweifel aufkommen. „Hab keine Angst, Mailand!“, warnt sein vom bekannten Fotografen Oliviero Toscani gestaltetes Wahlplakat. „Non sono un moderato – Ich bin kein Gemäßigter“. „Oder wollt ihr einen Gemäßigten?“, fragt Fo jetzt auch das Publikum in der Arena. „Einen Lauen, der schwach ist gegen Starke und stark gegen Schwache?“ – „Neeeeiiin“, schallt es zurück.

Unter den 7000 sitzt im dunklen Regenmantel einer, der im Rennen um die Nachfolge des Bürgermeisters Gabriele Albertini über bessere Karten verfügt als Dario Fo. Bis vor wenigen Monaten war er Präfekt der lombardischen Hauptstadt. Bruno Ferrante verkörpert genau jene Mäßigung, die Fo verabscheut. „Questurino“, nennt ihn der Nobelpreisträger verächtlich. „Einer von der Polizei“.

Dass Ferrante, der für die Linksdemokraten bei den Vorwahlen antritt, an Dario Fos Schlusskundgebung teilnimmt, ist eine freundliche Geste, mehr nicht. Die Gegensätze zwischen den beiden sind groß, überhaupt unterscheiden sich alle Ölbaum-Kandidaten – vier sind es – deutlich voneinander, schon äußerlich. Auf der Vorwahl-Internetseite präsentiert sich Bruno Ferrante im schwarzen Anzug mit Krawatte und randloser Brille vor der Silhouette des Doms, Dario Fo grinst im grauen Baumwollhemd von der Bühne eines Theaters, die grüne Kandidatin Lilly Moratti sitzt nachdenklich auf einer Parkbank und der smarte Ökonom Davide Corritore wirbt im Samtanzug und offenen Hemd.

„Wir sind durchaus heterogen“, sagt der 47-jährige Corritore im Studio des Fernsehsenders Telelombardia und weist vielsagend auf den leeren Stuhl neben sich. Dario Fo hat seine Teilnahme an der Diskussion abgesagt, weil auch Journalisten von zwei rechten Zeitungen daran teilnehmen sollten. „Mit solchen Typen“ , ließ er ausrichten, rede er grundsätzlich nicht. Der Stil des Nobelpreisträgers und dessen Attacken auf Ferrante haben unter den Linksdemokraten Verärgerung ausgelöst. Aber sie haben auch eine längst fällige Diskussion über die politische Zukunft der Stadt in Gang gesetzt. „Mailand war früher eine gesellschaftlich, kulturell und politisch fortschrittliche Stadt. Heute ist sie traurig und grau“, sagt Fo. Als einen „Lichtstrahl mitten im Smog“ sieht der Kabarettist Beppe Grillo die Kandidatur des Theatermachers. Dass Dario Fo selbst fest an seinen Sieg glaubt, gehört zu jenen Träumen, von denen Grillo sagt, „dass sie das Leben erst lebenswert machen“.

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