Zeitung Heute : Therapeuten in Not

Ihr Beruf ist es, Menschen mit psychischen Problemen zu helfen. Deshalb glaubt jeder, Therapeuten hätten ihr Leben und ihre Schwierigkeiten sicher im Griff. Ein Irrtum. Gerade sie sind für Krisen anfällig. Was tun sie dann?

Steffen Seibel
Gefängnispsychologin Susanne Preusker musste sich nach der Vergewaltigung wegen Panikattacken in Behandlung begeben.
Gefängnispsychologin Susanne Preusker musste sich nach der Vergewaltigung wegen Panikattacken in Behandlung begeben.Foto: Steffen Seibel

Es ist ihr Blick, der Johannes Stieber krank machte. Als seine Freundin ihn mit einer anderen Frau erwischt, weint sie nicht. Sie schreit ihn auch nicht an. Aber an der Kälte in ihren Augen sieht Stieber, wie sehr er sie verletzt hat. Er fühlt sich schuldig. Und beginnt, sich zu hassen; dafür, was er ihr angetan hat.

Wochen und Monate folgen, in denen Stieber jeden Morgen einfach liegen bleiben will. Wenn das Telefon klingelt, hebt er nicht ab. Er spürt nichts außer Schmerz. Johannes Stieber ist krank, er zeigt Symptome einer Depression.

So weit klingt seine Geschichte nicht ungewöhnlich. Jeder fünfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens einmal an einer Depression. Das Besondere ist: Johannes Stieber ist der Mensch, bei dem andere Menschen Hilfe suchen. Er ist der Therapeut.

Laut der Deutschen Rentenversicherung sind Depressionen und Angststörungen heute der häufigste Grund, warum Menschen vorzeitig ihr Berufsleben beenden. Aber wer hilft denjenigen, deren Job es ist, psychische Krankheiten zu heilen?

Die Psychologin Eva Jaeggi hat sich diese Frage auch schon gestellt. Sie sitzt in einem Sessel im Arbeitszimmer in einer Villa in Zehlendorf. Die Bilder an der Wand zeigen den Reichstag, von Christo verhüllt, wie eine Metapher für das Unbewusste. Neben Jaeggi liegt ein Buch: „Und wer therapiert die Therapeuten?“ Sie hat es geschrieben und viele erleichterte Reaktionen von Kollegen dafür bekommen. Denn offen zugeben möchten nur wenige, dass ausgerechnet sie psychische Probleme haben und professionelle Hilfe brauchen.

Eva Jaeggi hat für ihr Buch viele Gespräche analysiert und sagt: „Unter den Kollegen wird geheuchelt. Sie beschönigen ihr Privatleben. Therapeuten stellen sich häufig so dar, als würden sie immer konstruktiv mit ihrem Partner reden.“ Suchen sie sich Hilfe, dann am besten weit weg. „Man möchte nicht gesehen werden, wie man bei einem anderen Therapeuten ein- und ausgeht“, sagt Eva Jaeggi.

In ihrem Buch zitiert sie einen Kollegen, der behauptet, alle, die er als Analytiker schätze, seien auch privat gut beziehungsfähig. Dann kommt heraus: Sein bester Analytikerfreund hat eine Affäre mit einer Patientin, die Ehefrau lästert im Institut über die Beziehungsqualitäten ihres Mannes.

Vielleicht ist da die Furcht, zum Klischee zu werden. Fernsehen und Kino bedienen fröhlich das Vorurteil, dass Psychologen alle selbst einen an der Klatsche haben. In der US-Serie „Die Sopranos“ spricht Psychiaterin Dr. Jennifer Melfi mit ihrem Therapeuten über die erotische Spannung zwischen ihr und Mafiaboss Tony Soprano – ihrem Patienten. Und bei „Couchgeflüster“ (laut Verleih 2005 „die erste psychologische Liebeskomödie“) weint sich Meryl Streep als Psychotherapeutin bei ihrer Therapeutin aus.

Wie viele in diesem Beruf tatsächlich unter psychischen Problemen leiden, haben Wissenschaftler der Uniklinik Ulm untersucht. Für eine Studie ließen sie über 1000 Psychotherapeuten einen Fragebogen ausfüllen. Ergebnis: 20 Prozent zeigten zum Zeitpunkt der Untersuchung Symptome einer Depression – viermal so häufig wie im Rest der Bevölkerung. Unklar ist den Autoren, ob es der Job ist, der krank macht – oder ob Psychologen einfach eher in sich hineinhorchen.

Trotz dieser Zahlen denken viele Behandelnde, man könne sich keine Probleme erlauben. Müssten sie nicht am besten wissen, dass es keine Schande ist, wenn die kranke Seele Hilfe braucht? Ist es die Angst, auf einem Gebiet zu versagen, auf dem man sich bestens auskennen müsste? Wie ein Zahnarzt mit schlechten Zähnen, ein Ernährungsberater mit Übergewicht, ein Automechaniker mit Motorschaden? Eva Jaeggi sagt, diese Angst sei unbegründet: „Ein guter Mensch und ein guter Therapeut, das ist nicht dasselbe.“

Johannes Stieber aber, der seine Freundin betrogen hat, schämte sich für seine Depression. Er dachte: Ich habe doch den Beruf, der verhindern soll, dass es so weit kommt. Ausgerechnet an sich zu scheitern, bedeutete für ihn eine Niederlage. Bis heute will er nicht, dass sein echter Name in der Zeitung steht. Stark und kontrolliert zu wirken, war für ihn das Wichtigste. Wenn es ihm schlecht ging, machte er jeden Tag zwei Stunden Sport und stürzte sich in das Studium. Er sagt: „Ich hatte gute Ressourcen.“ Dieses Mal aber waren sie aufgebraucht.

Direkt nach der Trennung spürte er etwas, was er „Tunnelphänomen“ nennt: „Alles fühlt sich nach Ende und Vernichtung an, man denkt, es gäbe nur einen Ausweg.“ Stieber war akut selbstmordgefährdet, die Tunnel-Symptome kannte er aus der Theorie. Deshalb wusste er auch, was zu tun ist. Sofort bei einem Freund Hilfe suchen, nicht allein sein. Sein Wissen rettete ihm das Leben. Dass er therapierbar sei, glaubte er trotzdem nicht.

Er befürchtete, im Kopf die Dramaturgie der Behandlung mitzuspielen, jede Maßnahme zu benennen, den Sinn hinter den Fragen zu suchen, den Therapeuten fachlich zu bewerten. Kurz, dass er sich nicht auf die Therapie einlassen könne, weil ihm seine Ausbildung im Wege stand.

Dass es Therapeuten Probleme bereitet, abzuschalten, weiß Psychologin und Autorin Ursula Nuber: „Viele denken, dass sie das Handwerkszeug doch kennen und nur auf sich anwenden müssten. Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, das ist oft kränkend.“ In ihrer Praxis bei Weinheim behandelt sie auch Kollegen. Sie respektiert deren Wissen. Nuber sagt dann zum Beispiel: „Auch wenn Ihnen nicht neu ist, was jetzt kommt, vielleicht hilft Ihnen meine Interpretation.“

Nur, wenn man als Therapeut die Werkzeuge zur Hand hat, warum kann man sich dann nicht selbst heilen? „Jeder Mensch hat Selbstschutzmechanismen“, sagt Ursula Nuber, „und die können wir nicht austricksen. Wir brauchen den fremden Blick, jemanden, der schonungslos hinschaut.“ Wichtig sei, dass sich der Patient aufgehoben und verstanden fühle. Auch Eva Jaeggi ist dieser Meinung: „Das Wesen einer Therapie ist nicht das Wissen, sondern die Beziehung zwischen Patienten und Therapeuten. Gerade bei schweren Störungen, traumatischen Erfahrungen und Angstzuständen bringt es nichts, zu wissen, woher das kommt.“

Woher ihre Angst kommt, weiß Susanne Preusker ganz genau. Bis zum 7. April 2009 ist sie Leiterin der Abteilung für die sozialtherapeutische Behandlung von Sexualstraftätern der Justizvollzugsanstalt Straubing. An diesem Nachmittag kommt ein Insasse in ihr Büro im Gefängnis. Er will mit ihr sprechen, sagt er. Sie bittet ihn, einen Termin auszumachen. Der Mann verlässt den Raum nicht, lehnt an der halboffenen Tür, Susanne Preusker steht auf, um ihn hinauszubegleiten. Er greift sie an, hält ihr ein Messer an den Hals, dann nimmt er ihr die Schlüssel ab und schiebt Schränke vor die Tür.

Viele Male hat Susanne Preusker erzählt, was an diesem Tag passiert ist: im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung. Und sie hat ein Buch darüber geschrieben: „Sieben Stunden im April“ (erschienen im Patmos-Verlag). Wer sie in Magdeburg besucht, wird gewarnt, dass sie einen Kampfhund hat. Susanne Preusker spricht leise. Wenn sie nachdenkt, wandern ihre Pupillen nach schräg oben, sie lächelt häufig, aber kurz. Manchmal versteckt sie sich hinter ihren blonden Haarsträhnen.

Sieben Stunden dauerte es, bis der Mann nach Verhandlungen am Telefon die Tür wieder aufsperrte. Sieben Stunden, in denen er Susanne Preusker immer wieder vergewaltigte und bedrohte: „Wenn Sie schreien, klebe ich Ihnen den Mund mit Sekundenkleber zu.“

An diesem Tag endet ihr altes Leben, sie ist danach nicht mehr dieselbe. Als ihr Mann zum Gemüseschneiden ein Messer in die Hand nimmt, wird sie hysterisch und schreit: „Leg’ das Messer weg!“ Alles wird zum Problem: einkaufen, Geld abheben, den Sohn vom Bahnhof abholen. In geschlossenen Räumen überfällt sie Angst. Dann kommen die Panikattacken. Dieses Gefühl, wenn der Körper in die höchste Alarmstufe versetzt wird, das Herz rast, man keine Luft mehr bekommt und neben sich steht. Sie habe sich das nicht so widerwärtig vorgestellt, sagt Preusker: „Das klingt vielleicht theatralisch, aber Sie denken, Sie sterben.“

Ein Jahr nach der Geiselnahme muss Susanne Preusker zu einer Begutachtung in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses. Ihre Dienstfähigkeit soll festgestellt werden. Sie hat ihre Brille vergessen, die junge Psychologin fragt, ob Preusker die Fragebögen ohne Brille lesen kann. Sie lacht kurz auf und sagt: „Ich kann sie auswendig.“

Dieser Moment ist für sie wie ein Abschied. Sie hat die Seiten gewechselt und wurde von der Therapeutin zur Patientin. Zu Beginn ihrer Karriere saß sie an der Stelle der jungen Frau und hat diese Fragebögen ausfüllen lassen. Susanne Preusker hat in der Psychiatrie gearbeitet und unter anderem Patienten behandelt, die von Panikattacken heimgesucht wurden. Wenn sie ihnen immer wieder den „Kreislauf der Angst“ erklären musste, verließ sie manchmal die Geduld. „Mensch, der hat es immer noch nicht kapiert“, sagte sie zu der Kollegin in der Kaffeepause. Heute weiß sie, dass zwischen rationalem Begreifen und dem tatsächlichen Gefühl eine unüberbrückbare Schlucht klafft. Sie wird ernst. „Das hat mich Demut und Respekt gelehrt. Die Arroganz der Gesunden bin ich los.“

Dass sie es ohne die Hilfe eines Arztes nicht schaffen kann, war ihr nach der Vergewaltigung klar. In der neuen Stadt vermittelt ein Bekannter sie an einen Therapeuten. Susanne Preuskers Ehemann wundert sich, dass sie nach jeder Sitzung verstörter zurückkommt, als sie hingegangen ist. Der Therapeut prüft weder, ob sie suizidgefährdet ist oder depressiv. Ihr psychologischer Sachverstand hätte sie warnen müssen, dass diese Behandlung nicht die richtige für sie ist. „Sie können einer Frau, die gerade vergewaltigt wurde, nicht sagen: Jetzt legen Sie sich mal hin“, sagt sie heute. Damals war Preusker zu krank, um zu sehen, dass der Arzt keinen Fehler auslässt. Sie sagt: „Er hätte mich beinahe in den Selbstmord getrieben.“

Durch Zufall, ausgerechnet über eine normale Internetsuche, gerät sie schließlich an eine Therapeutin, die ihr helfen kann. Preusker findet bei ihr Geborgenheit, darf weinen. Die Sitzungen dauern bis zu vier Stunden. Danach fühlt sie sich immer ein wenig sicherer in der Welt. In ihren Beruf zurückkehren, das geht nicht.

Johannes Stieber findet keinen Therapeuten, dem er vertraut. In die Klinik will er nicht, weil er sie aus seinem Beruf kennt: „Ich hatte Angst, mit Medikamenten zugedröhnt zu werden und eine halbe Stunde am Tag mit einem Arzt zu sprechen, der schlechter ausgebildet ist als ich.“ Er will nicht zu den anderen, zu den Patienten gehören.

Heute geht es ihm wieder gut. Seine Erfahrungen helfen ihm in der Arbeit: „Ich gebe keine leichtfertigen Ratschläge, denn ich weiß, der Patient befindet sich gerade in der Hölle.“ Er selbst kämpfte sich ohne Therapie aus dieser Hölle, ertrug den Schmerz und ging weiterhin arbeiten. Gerettet wurde er von den zwei kleinen Töchtern eines Freundes. Jedes Mal, wenn sie ihn sahen, freuten sie sich. Er dachte dann: Wenn die beiden Kinder mich mögen, muss es etwas Gutes in mir geben. Dieser Gedanke wirkte wie ein Funke in ihm. Zum ersten Mal war da nicht mehr nur Dunkelheit.

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