Therapie : Zwanghaft

Anfangs glaubte sie an einen Tick, dann an blöde Angewohnheiten, schließlich an Wahnsinn. Katharina musste sich ständig waschen. Die Geschichte einer Therapie.

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Irgendwann reichte ihr einfaches Wasser nicht mehr. Da sprühte sie Desinfektionsmittel auf Armaturen, Türklinken, Möbel, auf ihre Hände, schrubbte, rieb, spülte, wusch, bis ihre Haut rissig und rot wurde. An den Armen, im Gesicht, das schmal und eingefallen war, weil sie aufgehört hatte zu essen. Es blieb dafür keine Zeit; wie überhaupt keine Zeit für irgend etwas mehr blieb, das nicht mit der täglichen, der stündlichen, minütlichen Reinigung ihrer selbst zu tun hatte. Die Wasser- und Gasrechnung näherten sich dem Unbezahlbaren.

„Du bist ja total verkeimt!“, sagte sie sich – und wusste, dass sie fantasiert. Sie duschte fünf Stunden lang, wusch sich dreimal die Haare, viermal den Körper, anschließend manchmal sogar den Duschvorhang, sah sich all dies wie ferngesteuert tun – und dachte: „Das ist Schwachsinn.“ Doch der Zwang, sich zu reinigen, blieb.

Der Waschzwang, ausgelöst durch den penetranten Gedanken, dass sie Keime, Bakterien, Bazillen verbreiten könne, quälte Katharina mehr als zwei Jahre lang. Beeinträchtigt sie manchmal noch immer, seltener jetzt, seitdem sie in Therapie ist.

Katharina, 35, hat dunkelbraune Augen und einen Pferdeschwanz. Patent wirkt sie, verlässlich. Wie eine, auf deren Freundschaft man zählen kann, die nachts telefonisch Liebeskummer wegtröstet, für jedes Problem der anderen eine Lösung weiß und ihre eigenen doch lieber mit sich allein ausmacht. Die gern Verantwortung übernimmt, sich kümmert. Weswegen sie nach dem Abitur entschied, sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen.

Acht Jahre lang arbeitete sie in dem Beruf, bis zum Jahr 2003 und dem ersten zweier traumatisierender Vorfälle, die ein großes Hygienebedürfnis bei ihr auslösten, das sich schließlich zum Waschzwang steigerte. Was genau geschah, 2003 und – so ähnlich noch einmal – 2006, will sie nicht erzählen an diesem Mittag im Oktober, in einem Café in Kreuzberg.

Ein „schlimmer Vertrauensmissbrauch“ sei es gewesen, so viel verrät sie. Dass sie Erste Hilfe leistete und der Patient nicht ganz ehrlich mit ihr war, die Gefahr einer Ansteckung bestand. Katharina wechselte den Job, verließ das Krankenhaus, begann, an einem Theater zu arbeiten.

„Ich wertete das Erlebnis damals nicht als traumatisch“, sagt sie heute. Erst als sie auch am neuen Arbeitsplatz stetig Fragen zu den verschiedensten medizinischen Problemen beantworten musste, kranken Kollegen Rat geben sollte, kam die Unsicherheit wieder hoch, die sie nach dem Vorfall 2003 gespürt hatte. Der ständige Umgang mit Krankheit! War sie womöglich schon infiziert? Trug sie die Keime gar weiter, steckte vielleicht sogar Freunde und Familie an?

„Das erste Anzeichen war, dass ich das Bedürfnis hatte, mich nach der Arbeit immer sofort zu duschen“, sagt sie. Sie begann, sich zu wundern, als ihr Gedanken kamen, die sie zuvor nie hatte. Etwa beim Händewaschen. Waren die Hände gesäubert, ergab sich ein Problem: Wie das Wasser abstellen, wenn die Armatur nicht angefasst werden kann, weil sie doch dreckig ist? Immerhin hatte sie den Wasserhahn zuvor mit vermeintlich kontaminierten Händen bedient. Würde er nun, mit sauberen Händen, wieder berührt, wäre die ganze Reinigung umsonst, ergo, müsste wiederholt werden.

Stück für Stück gab Katharina ihren Zwangsgedanken nach, die ihr sagten „Wasch dich, dann wird es dir besser gehen“. Sie war nervös, fahrig, ängstlich, bis das Reinigungsritual vollzogen war – und opferte immer mehr ihrer täglichen Zeit dafür. Lud niemanden mehr zu sich ein (er könnte sich ja anstecken) fuhr weder S-Bahn noch Bus (zu viele Menschen, zu dicht beieinander).

Ihre Zweizimmerwohnung in Prenzlauer Berg teilte sie auf in Bereiche, die sauber und solche, die verunreinigt waren. Die Räume durchschritt sie vorsichtig, mit vor der Brust angewinkelten Armen, auf einem schmalen Trampelpfad, der nur für sie sichtbar war. Was immer sie berührte, war fortan tabu. Nur im Bett fand sie Ruhe.

„Wie eine Schlinge, die sich langsam zuzieht“, so beschreibt sie das Gefühl. Anfangs glaubte sie noch an einen lästigen Tick, schließlich an blöde Angewohnheiten, endlich an Wahnsinn. Weswegen sie niemandem von ihren Problemen erzählte, auch den besten Freunden nicht.

„Bin ich verrückt?“ Eine Frage, die sich viele Patienten mit Zwangsstörung stellen, bestätigen Rüdiger Spielberg und Eva Kischkel aus der Hochschulambulanz für Psychotherapie und Psychodiagnostik der Humboldt-Universität. Die Antwort ist deutlich: Nein. Denn die Überlegungen und Handlungen eines Zwangsgestörten folgten durchaus einer inneren Logik. Die Unruhe, die ein Zwangsgedanke auslöse, werde tatsächlich, ganz kurzfristig, dadurch weniger, dass dem Zwang nachgegeben werde – der anschließend aber umso stärker wieder auftrete. Die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, die ganze Handlung ein Trugschluss. Den Erkrankten sei dies meist bewusst, sagt Kischkel. Dennoch: Abstellen können sie die Zwangshandlungen nicht.

Und weil den Betroffenen ihr Verhalten oft sehr peinlich ist, wenden sie sich nur ungern an einen Arzt. Ein bis zwei Prozent der Deutschen leiden irgendwann in ihrem Leben an einer Zwangsstörung, das haben Studien herausgefunden.

Entscheidend dafür, ob man sich in Behandlung begeben sollte oder nicht, sei die Frage, wie hoch der Leidensdruck ist, sagen Kischkel und Spielberg. Und, ergänzen sie, der Zeitraum, über den die Zwangsgedanken schon bestehen. Das ständige Waschen ist nur einer von vielen Zwängen, sie alle sind verzeichnet in einem dicken Buch der Weltgesundheitsorganisation. Es gibt Kontrollzwänge, bei denen die Betroffenen ständig überlegen, ob Herdplatte oder Kaffeemaschine auch wirklich abgeschaltet sind; Zählzwänge, bei denen der zwanghafte Gedanke besteht, alles durchzunummerieren; oder Zwangsgedanken, die von Verletzungsfantasien bis zum Mord reichen. Das tückische daran: Die Gedanken erscheinen den Betroffenen genau so wie eine wirkliche Tat. Im Fachjargon heißt das „Thought-Action-Fusion“. Es führt dazu, dass Zwangsneurotiker besonders vorsichtig sind – weil sie ständig Angst haben, jemanden zu verletzen.

Oft, sagen die beiden Psychologen, beginne eine Zwangsstörung noch vor der Pubertät, häufig ausgelöst durch „einschneidende Lebenserfahrungen“, der Todesfall eines geliebten Menschen, die Scheidung der Eltern oder ähnliches. Auch nach einer langen Therapie können die Zwangsgedanken in stressigen Situationen wieder auftauchen. Ganz heilbar ist eine solche Störung nicht.

Katharina weiß das. Aber damit abfinden will sie sich nicht. Sie kämpft dagegen an, zwingt sich selbst, das ständige Waschen zu unterdrücken – und ist damit inzwischen schon weit gekommen. Als Jugendliche war sie Leistungsschwimmerin, 50 und 100 Meter Rücken. Kurz vor dem Ziel aufgeben, nur weil die Arme schwer werden? Das wäre doch gelacht!

„Natürlich“, sagt sie entrüstet, schüttele sie die Hand zur Begrüßung. „Natürlich“ fährt sie inzwischen wieder S- und U-Bahn. Noch vor einem Jahr ging sie vom Potsdamer Platz zum Alexanderplatz zu Fuß.

Sie ist erleichtert. Ihre Mutter ist erleichtert.

Zu ihr nach Westdeutschland fuhr Katharina im Sommer 2008, als nichts mehr ging, als sie im Supermarkt nichts mehr berühren konnte, das andere vor ihr angefasst hatten; als sie Gekauftes reihenweise auf den Stufen einer nahen Kirche abstellte, weil sie glaubte, es nicht mehr essen zu können.

Dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte, merkte Frau K. bereits am Telefon. „Aber ich wusste nicht“, sagt sie heute, „dass sie nicht mehr in der Lage war, aus dem Haus zu gehen.“

„Eine Stunde lang saß Katharina damals vor der Haustür und konnte die Wohnung nicht betreten“, erzählt ihre Mutter heute, 68 Jahre ist sie alt. „Sie hatte solche Angst, mich zu infizieren, dass sie mich bat, einen Sicherheitsabstand von fünf Metern zu halten“, sagt sie.

Katharinas Mutter tat, worum ihre Tochter sie bat, steckte den „verseuchten“ Koffer in den Keller, kaufte literweise Desinfektionsmittel, sagte nichts dazu, dass ihr Kind seitwärts und mit Trippelschritten durch Türen lief, aus Angst, das Holz des Rahmens zu berühren. In der ersten Nacht schlief Frau K. bei einer Freundin, weil Katharina sie darum bat. Die Tochter schrubbte die Wohnung der Mutter bis morgens um sechs. „Alles klebte, wegen des Desinfektionsmittels“, erinnert sich Frau K., die von den Putzplänen ihrer Tochter nichts gewusst hatte.

Geschockt vom Anblick der Tochter, die abgemagert und nervös war, nahm sie ihren Mut zusammen: „Ich kann dir nicht helfen.“ Die Wünsche der verängstigten Tochter abzuschlagen, hätte diese in Panik versetzt. Doch zuzusehen, wie sie immer mehr verzweifelte? Unmöglich.

Katharina probierte Ärzte und Medikamente aus, blieb stationär in einer Klinik. Alles wollte sie versuchen, um die Störung loszuwerden.

Erst Wochen später zog sie zurück nach Berlin, in ihre Wohnung. Nun nimmt sie ein Medikament und trifft einmal in der Woche ihre Therapeutin von der Spezialambulanz in Adlershof. In solch einer Therapie werden Aufgaben gestellt: in der U-Bahn den Knopf drücken, der die Tür öffnen soll.

Noch immer kann Katharina bestimmte Straßen nicht betreten, weil sie meint, ihre „Patienten“ von damals plötzlich wiederzutreffen. Aber auch der Angst wird sie sich bald stellen.

Nur: Als Krankenschwester will sie nicht mehr arbeiten. Lieber das Studium beenden, das sie vor ein paar Jahren begann, Kultur- und Musikwissenschaften, Schwerpunkt Geige.

Ihren Freunden hat sie inzwischen von ihren Problemen erzählt, „weil es zu meinem Leben gehört“. Sie haben ihr versprochen, es niemandem sonst zu sagen. Auch das Café in Kreuzberg hat sie für ein Treffen ausgesucht, weil es ihr dort neulich Abend so gut gefiel, als sie mit ihren Freundinnen unterwegs war. Endlich mal wieder. Sie hat viel nachzuholen.

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