Thomas Godoj : Die lieben Herrn Gesangverein

„Man hat mir eine Chance gegeben, die wollte ich auf Teufel komm raus nutzen.“ Und der Teufel ist rausgekommen. Thomas Godoj – der Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“ – könnte der Erste sein, bei dem beide von diesem Pakt profitieren.

Ariane Bemmer

Er hat jetzt für die meisten Fragen Antworten, nur bei einer fällt ihm noch immer nichts Treffendes ein. Dabei kommt die dauernd.

Ein Vormittag Ende Juni, zehnte Etage, Neubau, Kurfürstendamm. Thomas Godoj sitzt im schallgedämpften Studio A von Radio 104.6 RTL auf einem Barhocker. Er hat sich Orangensaft eingeschenkt und noch nicht davon getrunken, ihm gegenüber hinter einem Tresen voller Technik der Moderator, Zettel ordnend, raschelnd – und da ist sie schon wieder, die Frage.

Wieso einer wie er, Godoj, ein ehrlicher, altgedienter, ein unbestechlicher Rockmusiker, der doch im echten Leben schon auf echten Bühnen stand, wieso also er bei „Deutschland sucht den Superstar“ mitgemacht habe. Diesem von seinesgleichen doch eigentlich verlachten TV-Event, das irgendwelche Knalltüten – so schrieb zum Beispiel die „Welt“ – vorübergehend der öffentlichen Wahrnehmung aussetzt und umgekehrt?

Godoj seufzt. Draußen vor den Fenstern funkelt Berlin in der Sonne.

„Du isst doch auch nicht nur Brot mit Käse, oder?“, fragt er dann den Moderator. Der schüttelt den Kopf. „Nein.“ Na also. Man tut mal Wurst aufs Brot oder Honig. Schmeckt auch, nur anders. Der Moderator nickt, als wäre das eine gute Antwort. Vielleicht ist sie es.

Seit Godoj vor sieben Wochen den mittlerweile fünften „DSDS“-Wettbewerb gewann – ein Wettbewerb, auf dessen Versprechen vom schnellen Weg zur großen Musikerkarriere er gesetzt hatte wider besseres Wissen – muss er sich erklären. Was vorher spaßig war, eine fanatisch oder mit der Lust am Verachten angeschaute Fernsehshow, wird plötzlich mit vollem Ernst infrage gestellt. Und Godoj gleich mit. Und das ist der Unterschied zu seinen vier Vorgängern.

In diesen sieben Wochen hat Godoj neben all dem Erklärungenabgeben auch noch ein Album aufgenommen – seit diesem Wochenende kann man es kaufen –, er hat ein Video gedreht, Fotos gemacht für Cover und Autogrammkarten. Er hat über eine Tournee gesprochen, musste eine Agentur suchen, die so etwas organisiert, er hat nun ein Management, das er bezahlt, das ihn berät, das ihm Vorschläge macht, zum Beispiel dazu, wie welche Geschäftsbereiche – etwa der T-Shirt-Verkauf – zu bewerkstelligen sind. Wochen waren das, in denen gewichtige Entscheidungen getroffen, Verträge unterzeichnet, unentwegt Orte gewechselt, Menschen kennengelernt werden mussten. Und nun also ist Radio-Werbetour. Godoj macht sich gerade auf dem Barhocker.

Hinter der Studioglasscheibe warten Senderangestellte mit Handykameras und Autogrammwünschen, doch bevor er die erfüllt, macht Godoj, was alle Stars machen, die ins Radio kommen. Er spricht kurze Werbetexte ins Mikrofon:

„Hallo, hier ist Thomas Godoj, und ihr hört 104 Punkt 6 RTL.“

„Hallo, hier ist Thomas Godoj, und Sie hören Radio Brocken.“

„Hallo, hier ist Thomas Godoj, und ich wünsche allen Hörern fröhliche Weihnachten.“

Dann weiter. Fahrstuhl abwärts, durch ein Einkaufszentrum zum Parkplatz, der in der gleißenden Sonne liegt, rein ins schwarze Auto. Vorn ein Manager und eine junge Frau – eine Angestellte von Sony BMG, Godojs Plattenfirma, der zweitgrößten der Welt –, die zuständig ist für seine Radio- und Fernsehauftritte. Godoj hinten, den linken Fuß aufs rechte Knie gelegt. Schwarze Turnschuhstiefel. Er klappt seine beiden Mobiltelefone auf und zu, rutscht tief in den Sitz. Schaut aus dem Fenster, lässt Berlin vorbeiziehen.

Es ist eine Blase, die ihn seit dem 17. Mai umgibt, als kurz vor Mitternacht feststand, dass er die fünfte Staffel von „DSDS“ gewonnen hat. Eine Blase aus Ruhm, die eine Zeitlang bunt schillert, aber platzen wird. In dieser Blase hat man Gold- und Platinsingles, man ist im Radio, im Fernsehen, und Schulklassen kommen angelaufen, wenn sie einen sehen. Man ist „DSDS“-Darsteller, „Superstar“-Darsteller. Man hat ein Etikett angeheftet bekommen. Wer das nicht ersetzen kann durch etwas Eigenes, für den ist das Leben als Großpopstar spätestens dann vorbei, wenn der Nachfolger in die Blase steigt.

Sogar bei Mark Medlock, dem Vorjahressieger, der eng an der Hand von „DSDS“-Chefjuror Dieter Bohlen geht und schon das zweite Album veröffentlicht hat, zeichnet sich das ab. Die Platten verkaufen sich gut, doch die Zeitungen schreiben nur noch über ihn, wenn er sich prügelt, an diesem Wochenende tritt er in Berlin-Spandau bei der Eröffnung eines Autohauses auf.

Vielleicht wird Godoj der Erste sein, dem es gelingt, aus „DSDS“ tatsächlich ein Sprungbrett zu machen. Der junge Mann aus Recklinghausen hat jedenfalls etwas, das er durchsetzen will, etwas, das er „meine Sachen“ nennt. Es gibt auf dem Album drei Songs, die anfangs, von den Entscheidern der Musikindustrie, so nicht geplant waren. Man findet sie leicht, sie haben deutsche Texte. Zwei dieser Lieder rühren aus Godojs alten Bandzeiten her, eins entstand erst während der Aufnahmen zum Album. „Plan A!“, der Titelsong. Darin heißt es:

„Die Gelegenheit ergibt sich,

spuckt mich vor sich aus.

Noch fehlt hier so was

wie ein Gleichgewicht,

doch ich weiß, es wird schon

irgendwann vorbeischauen.“

An Godojs Blick sind kleine Seitenstraßen vorbeigezogen, dann wird die Sicht weiter, der Funkturm, das Kongresszentrum gleiten links am schwarzen Auto vorbei. Zwei Tage fährt seine Promoterin ihn durch Berlin. Erst zu Radiosendern, denen der Kategorie „Adult & Contemporary“, Sendern also, die für ein Publikum ab 20 Jahren Songs aus den aktuellen Charts spielen. Die meisten anderen reden prinzipiell nicht mit ihm, wegen „DSDS“. Das Etikett. Am nächsten Tag wird es zum Musikfernsehen Viva gehen.

Da wird Godoj nach langer Zeit seinen Konkurrenten aus dem Finale wiedersehen. Fady Maalouf. Beide stark geschminkt, damit sie in der Sendung nicht glänzen, werden sie sich in einer riesigen Halle umarmen, bevor die Regie sie nacheinander in die bunte Viva-Kulisse schickt. Nach dem Applaus von 30 Teenagern wird man sie fragen, wie es so ist als Superstar. Maalouf wird strahlend etwas Nettes sagen. Aber Godoj findet quasi alle Fragen, in denen das Wort Superstar nur vorkommt, zum Verrücktwerden blöd. Und wird wieder etwas fast Patziges antworten. „Was ist das überhaupt, ein Superstar? Das muss mir mal jemand erklären.“

Doch noch ist Radiotag, noch sitzen sie im Auto, die Promoterin fährt, der Manager telefoniert mit seinem Büro. Es geht um ein Konzert der Band Linkin Park in Nürnberg, Rockriesen aus den USA, seit einem Jahr ist deren letztes Album in den Top 50, Godoj hat Karten für den Auftritt. Der Manager will ihm bessere, VIP-Pässe nämlich, besorgen, aber es wird kompliziert.

„Linkin, ohne G“, ruft er ins Telefon.

„Egal“, ruft Godoj von hinten, „egal, ich will ja die Band sehen und mich nicht vollfressen.“ Es macht den Eindruck, als wolle er seine derzeitige Rolle, das ganze „DSDS“-Tamtam, heraushalten aus der Beziehung zu der von ihm verehrten Band.

Es hat in den vergangenen sieben Wochen schon Momente gegeben, in denen Godoj das Gefühl hatte, das Etikett los zu sein. Anfang Juni durfte er in Oschersleben auftreten, beim „Rock the Race“-Festival, drei Tage und 30 000 Zuschauer. Mit im Programm: Herbert Grönemeyer. Aufrechter Arbeiter, einigermaßen authentisch, kein Fernsehshowprodukt. Jetzt standen sie nacheinander auf einer Bühne. Und Thomas Godoj hat das Mikrofon geschwungen, ins Publikum gehalten. Hat zum Mitklatschen aufgefordert, und Leute, die für Grönemeyer Eintritt gezahlt haben, klatschten auch für ihn. Was für ein Triumph!

Ende Juni war er dann in Leipzig auf einer großen Gala der „Bild“-Zeitung und hat Udo Lindenberg kennengelernt, der so nett zu ihm war. Mit der Berliner Band Silbermond hat er Bier getrunken. Die den ganzen langen Weg durch die Hölle der Erfolglosigkeit gegangen sind. Die so arm waren, dass sie zu viert in einer 35-Quadratmeter-Wohnung in Friedrichshain hausten, bis endlich jemand bereit war, in sie zu investieren. Und auch Godoj umgibt sich mit dem Image desjenigen, der von unten kommt, für seinen Traum alles gibt. Der Junge aus dem Pott, Wurzeln in Polen. Studium abgebrochen und Hartz IV, weil mit Musik kein Geld zu machen war, er aber nur das wollte.

Was am Musikmachen überhaupt so toll ist? „Dass es immer gut ankam.“

Denn sie hatten Erfolg, seine Bands, haben Nachwuchswettbewerbe gewonnen, und er hat dann jedes Mal gedacht: Jetzt geht’s los. Doch nichts ging los. Stattdessen sind die Bands zerbrochen. Vor allem am Geldmangel. Der eine Musiker bekam Angst vor Schulden, der andere wollte Familie. „Muss ja jeder selber wissen“, sagt Thomas Godoj.

Eine seiner Standardantworten lautet: „Man hat mir eine Chance gegeben, die wollte ich auf Teufel komm raus nutzen.“ Und der Teufel ist ja rausgekommen. Hat ihn willkommen geheißen in einer Welt, in der so unerhört viel möglich ist. Schon Anfang März, als noch zehn Kandidaten im Rennen waren, gingen bei Sony BMG die Vorbereitungen für die möglichen Alben der möglichen Gewinner los. Da verschickte von München aus Björn Teske „DSDS 5 Songwriter Briefings“ an mehr als 200 Komponisten und Texter in der ganzen Welt. Teske ist A&R-Manager, Artist and Repertoire, der Künstler und seine Lieder. Den Kandidaten Godoj beschrieb er so:

Alter: 30

Stil: Pop-Rock, Singer-Songwriter.

Zielgruppe: 19 bis 39.

Profil: Stimme mit hohem Wiedererkennungswert, starke Persönlichkeit.

Dazu stellte er eine Liste mit zehn Liedern, die so ähnlich klingen wie das, was gewünscht ist. Da kam Rio Reisers „Junimond“ drin vor und „Chasing Cars“ von Snow Patrol. Ungefähr 2000 Lieder bekam Teske zurück. Er hat sie angehört, durchgehört, mitgesummt. Hat 30 ausgewählt. Und Godoj gleich bei einem ersten Treffen nach dessen Sieg präsentiert. Das war am 18. Mai. Auf sechs konnten sie sich sofort einigen. „Das ist alles sehr, sehr partnerschaftlich abgelaufen“, sagt Teske. Aber im Zweifel hat Sony BMG das letzte Wort, die Firma. Sie weiß, was sich verkauft. Davon lebt sie.

Sony BMG-Künstler haben in den ersten 25 Wochen dieses Jahres 17 Wochen lang in den Singlecharts geführt:

Leona Lewis („Bleeding Love“).

Mark Medlock („Summer Love“).

Schnuffel („Kuschel Song“).

Thomas Godoj („Love is you“, seine erste Single).

Das Auto stoppt. Zweiter Halt an diesem Tag: Radio 88,8, ein öffentlich-rechtlicher Sender. Untergebracht in einem der ältesten Funkhäuser der Welt, Masurenallee, Charlottenburg. Lange Flure, ein dunkles Studio. Das Gespräch wird aufgezeichnet, man will zwei Sendungen mit den Zitaten bestücken.

– War es für dich als Rockmusiker eine schwierige Entscheidung, bei „DSDS“ mitzumachen?

– Wie hat sich dein Leben geändert, seit du Superstar bist?

Er sei immer noch derselbe alte Thomas, sagt Godoj. Er wolle im Dezember auf eine Tournee gehen und dafür seine alte Band zusammenrufen. Wie einer, der aus der langen Schlange vor der Kinokasse durch ein Zufallslos auf Warteplatz 1 vorgerückt ist und nun seine Freunde nach vorn holt.

Es sind also Schranken gefallen durch den Sieg, aber Godoj hat auch neue Beschränkungen erfahren. Einmal war es sehr ernst. Da hat er mitbekommen, dass eines der Lieder auf seinem Album seit anderthalb Jahren schon von einer anderen deutschen Band gesungen wird. Da war die CD schon fertig. Jetzt ein Lied runterschmeißen, hieß Geld und Arbeit vernichten, und vor allem hieß es, den Erscheinungstag des Albums nach hinten verschieben zu müssen und damit das Risiko zu erhöhen, dass Godojs Startvorteil, seine Berühmtheit, bis dahin verloren ist. „Aber da habe ich mich durchgesetzt“, sagt er. Das Lied wurde runtergeworfen.

Godoj hat damals wochenlang in einem Berliner Hotel gewohnt. Zwei Studios waren für ihn reserviert, acht Berufsmusiker gemietet. Die spielten die Instrumente ein, jeder für sich, da wird ja selten zusammen musiziert. Erst die Technik setzt später einen kompletten Song daraus zusammen. Dazu dann hat Godoj gesungen, auch nicht in einem Stück. Jede Strophe ein paar Mal, und immer die besten wurden dann genommen.

Godojs Musikproduzenten haben Erfahrung mit „Superstar“-Alben. Sie waren an etlichen davon beteiligt.

Im Innenhof des Hauses in Berlin-Mitte, in dem eines der beiden Studios untergebracht ist, gibt es ein Stück Rasen, zwei Bänke, einen Tisch. Hier hat Godoj zwischendurch Pause gemacht. Sich ausgestreckt. Seine Ohren erholt. Auf diesem Hof und in den Souterrainräumen daneben, zwischen Mischpulten, Klimaanlagen und Mikrofonen, hier war er das, was er sein will. Ein Musikarbeiter, der ernst genommen wird. Hier war er selig. Und dann, wie um ihn genau darauf aufmerksam zu machen, stand plötzlich Katarina Witt vor ihm. Katarina Witt, früher mit einem der Studiobosse liiert und bis heute befreundet. Die Haare glatt, ein dunkelblaues enges Blusenkleid, Sonnenbrille. Kam bis zum Tisch, an dem Godoj saß. „Und, läuft’s?“, hat sie in seine Richtung gefragt, ein bisschen gelacht und aufmunternd genickt. Als einer seiner Manager ihn gerade in diesem Moment von der Seite her ansprach, hat Godoj darauf nicht geantwortet. Er hat nur andächtig gesagt „nicht jetzt“.

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