Zeitung Heute : Thomas Krüger im Gespräch: "Einen Volkspalast fürs 21. Jahrhundert!"

Die ersten Sitzungen der Kommission historische Mi

Thomas Krüger, war zwischen 1991 und 1994 Senator für Jugend und Familie in Berlin und bis 1998 Bundestagsmitglied. Heute ist er Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Theologe sitzt auch in der Kommission historische Mitte Berlin. Das Gremium unter Vorsitz des Europa-Abgeordneten Hannes Swoboda soll eine Bebauung des Schlossgrundstückes prüfen. Zuvor waren bereits mehrere Wettbewerbe ausgelobt worden, doch statt einer Realisierung obsiegender Entwürfe mehrten sich die Stimmen für eine Rekonstruktion des Hohenzollernhauses nach altem Vorbild.

Die ersten Sitzungen der Kommission historische Mitte Berlin liegen hinter Ihnen. Der Öffentlichkeit wurden eher dünne Ergebnisse vorgestellt. Geht es im Gremium nur um eine politisch korrekte Formulierung von Argumenten für eine Schloss-Rekonstruktion?

Zunächst einmal geht es um seriöse Arbeit. Ein Breittreten von halbgaren Entscheidungslagen nutzt weder der Arbeit der Kommission, noch dient es der Aufklärung der interessierten Öffentlichkeit.

Das heißt, eines fernen Tages treten Sie mit einer einstimmig gefassten Beschlussempfehlung an die Öffentlichkeit?

Immerhin liegt der ferne Tag definitiv noch in diesem Jahr. Was die Differenzen angeht, so entscheidet sich das Rennen bekanntlich immer erst auf der Zielgrade.

Derzeit scheint die Stimmung eindeutig zugunsten einer Rekonstruktion des Schlosses umgeschlagen zu sein...

Der Schein trügt. Es geht innerhalb der Kommission zunächst nicht um Stimmungen, sondern um die Abwicklung eines Arbeitsprogramms. Schlossbefürworter und -kritiker werden sich mit allen Argumenten reflektiert auseinandersetzten. In dieser Arbeitsphase befinden wir uns gerade. Deshalb wird zur Zeit auch viel über das Schloss geredet. Noch zeigen sich aber auch etliche Untiefen, so dass der Ausgang unserer Reflexion nicht vorauszusagen ist.

Architekt Peter Eisenman antwortete an dieser Stelle auf die Frage nach dem für und wider einer Rekonstruktion mit folgendem Gleichnis: Als die Oper in Dresden im 19. Jahrhundert abgebrannt war und man Semper um eine Rekonstruktion nach altem Vorbild bat, lehnte er ab und sagte: Ich kann nicht anderes tun, als eine Semper-Oper zu bauen. Man kennt und schätzt das Ergebnis. Kann man zeitgenössischen Architekten ähnlich große Würfe nicht mehr zutrauen?

Als Theologe habe ich natürlich etwas für Gleichnisse übrig. Sie lassen aber dem Frommen und dem Aufgeklärten immer einen gewissen Interpretations-Spielraum offen. Ich persönlich bin sehr entschieden dafür, dass die Architektur überzeugenden Nutzungen folgt. Und hier muss der Nachweis erst angetreten werden, dass ein rekonstruiertes Stadtschloss die angestrebten Nutzungen sachgerecht aufnehmen kann. Bis der Beweis angetreten ist, dass dies gelingt, bleibe ich skeptisch.

Nun gibt es ein Beispiel, das sich zur Beweisführung anbietet: die Kommandantur. Bertelsmann hat eine moderne Nutzung hinter einer historisierenden Fassade untergebracht, und die Kritik lobt das Haus.

Ich verschließe mich keinesfalls überzeugenden Lösungen. Aber die Nutzungen, von denen derzeit beim Stadtschloss die Rede ist, lassen sich nicht mit jenen in der Kommandantur vergleichen.

Wie würden Sie die Vorlieben innerhalb und außerhalb der Kommission für diesen prominenten Stadtraum einordnen?

Neben den Befürwortern der Schloss- oder der Palast-Rekonstruktion gibt es zwei Positionen für moderne Lösungen. Zunächst die traditionellen Berliner Planer, die - salopp gesprochen - die Postmoderne nicht rezipiert haben. Sie denken an die Platzierung einzelner Baugruppen am Schlossplatz und stellen sich wohl einen langen Planungsprozess mit Bürgerbeteiligung vor. Die zweite Position befürwortet eine moderne Lösung. Einige von ihnen schließen dabei sogar die Integration von Teilen des Schlosses in einen zeitgenössischen Entwurf nicht aus. Das Problem beider Ansätze liegt darin, dass sie ihre Positionen nicht durch ein Bild stark machen können. Das ist bei den Befürwortern einer Schloss-Rekonstruktion anders. Sie können mit einem starken Bild wuchern, es ist allerdings reichlich überkommen.

Könnte es sein, dass die zeitgenössische Architektur keine starken Bilder mehr liefert?

Das ist nicht ausgemacht. Doch für den Schlossplatz kommt nur das Beste in Frage, was die Architektur zu bieten hat. Wir werden uns einige international herausragende Bauten ansehen. Dazu zählt etwa das Guggenheim-Museum in Bilbao und vielleicht auch Eurolille in Frankreich von Rem Kolhaas. Zumindest für Frank Gehrys Museumsbau gilt dasselbe wie für ein Schloss. Die Menschen reisen wegen des Gebäudes und seiner Nutzung an. In Berlin stecken wir allerdings in der Falle. Die Architekturdebatte hat einen rückwärtsgewandten Nostalgie-Trend befördert. Das macht eine vernünftige Auseinandersetzung schwierig.

Gibt es eigentlich noch Stimmen für die Erhaltung des Palastes der Republik?

Ja, und wir nehmen sie ernst. Einige wollen den Palast in den Neubau integrieren. Auszuschließen ist eine völlige Rekonstruktion. Dasselbe gilt auch für das Schloss. Dafür bräuchte man Schichtfotografien von den Skulpturen. Doch die fehlen. Im Übrigen war das Schloss ein sehr disparates, vielschichtig gewachsenes Gebäude. Damit stellt sich die Frage, welchen baulichen Stand man rekonstruieren will, den wilhelminischen oder vielleicht den barocken Zustand nach Schlüter? Baugeschichtlich am bedeutendsten ist wohl Schlüters Arbeit, der Hof und die Ostfassade. Sogar die Italiener haben später nach Schlüters Vorbild gebaut. Wichtig sind außerdem die Eosander-Teile. Darüberhinaus gibt es viel baugeschichtlich Unbedeutendes, insbesondere die Wilhelminischen Kommentare an der Schlossfreiheit.

Dies ist eine rein ästhetische Betrachtung, was ist mit den Nutzungen des Baukörpers?

Das ist in der Tat die herausragende Frage. Wir sollten das Haus einer breiten Öffentlichkeit öffnen. Damit stünde es in der langen Tradition der Volkspaläste. Dabei sollte man nicht an ein Congress-Zentrum mit Festbanketten für Industrielle oder Mitglieder der Bundesregierung denken, sondern an einen Raum für die Verbreitung von Kultur und Wissenschaft. Mit einer solchen Einrichtung würde man zugleich die Frage des Wissenszugangs reflektieren. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Gesellschaft in Informations-Wohlhabende und -Bedürftige aufgespalten wird. Dem würde mit einem solchen öffentlichen Informations-Raum gegengesteuert. Außerdem ist damit die Frage nach der Tradition verbunden, an die man anknüpft. Vom Schloss wurde die Republik ausgerufen, und dies war eine Befreiung von monarchischen Strukturen. An diesen Topos von Freiheit und Demokratie schließt man mit dem Konzept eines öffentlichen Gebäudes an, das zugleich Raum für Kommunikation und Reflexion wäre. Ein solches Kulturhaus würde eine weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus reichende Ausstrahlungskraft haben.

Ein Berliner Centre Pompidou?

Warum nicht, auch das Gebäude in Berlin könnte eine Bibliothek beherbergen. Bei unserer Anhörung gab es aber auch starke Sympathien für die Unterbringung der außereuropäische Sammlung aus Dahlem, der wissenschaftlichen Sammlung der Humboldt-Universität sowie der Zentralbibliothek Berlin. Diese Nutzungen sind gut miteinander vereinbar. Ergänzend dazu könnten öffentliche Räume für Vorlesungen und Ausstellungen eingerichtet werden. So könnte ein Ort der Kommunikation und Reflexion entstehen, der den Lebensbedingungen der Menschen im 21. Jahrhundert entspricht. Bei einem solchen Modell könnte man unter anderem auch den Umzug des Hauses der Weltkulturen erwägen. Dadurch würde das Haus zusätzlich aufgewertet. Museen gehören seit jeher zu den erfolgreichsten Erlebnis- und Reflexions-Räumen. Und mit einer zeitgenössischen, populär ausgerichteten medialen Vermittlung erreicht man breite Teile der Bevölkerung.

Befürchten Sie nicht, dass dadurch der prominente Platz mit Verwaltungsräumen von Instituten und Universitäten gefüllt wird?

Darin besteht tatsächlich eine Gefahr. Die Nutzungsinteressen sollten sich an den Menschen und nicht an den Mitarbeitern und Direktoren von Instituten orientieren. Wir müssten also über die Gründung von Betreibergesellschaften reden, über die die Institutionen zu einem vernetzten und benutzerfreundlichen Ansatz gebracht würden. Eine Inbesitznahme des Schlossplatzes durch Institutionen wäre ein falscher, ja geradezu ein monarchischer Ansatz. Gefragt sind Inzenierungen und Diskurse. Darauf müssten sich die Institutionen einlassen. Das Bild für das Vorhaben ist die Zusammenkunft von Alexander und Wilhelm Humboldt auf dem Schlossplatz, also das Verständnis von Bildung und Erkundung, aber ins 21. Jahrhundert übertragen. Wir knüpfen also nicht an die monarchischen Traditionen Preußens an, sondern an die Aufklärerischen.

Am Ende dürfte aber manches Ideal an der Finanzierbarkeit scheitern...

Auch hierin wird man Lösungen finden müssen. Berlin könnte zum Beispiel seinen Beitrag mit dem Erlös aus dem Verkauf der Immobilien der heutigen Zentralbibliothek leisten. In unserer Kommission herrscht eine gewisse Skepsis gegen rein private Finanzierungsmodelle. Davor steht die Exklusivität des Platzes im Zentrum der Stadt. Wir brauchen eine exklusive Antwort auf diesen exklusiven Platz. Sonst wird man den Politikern bescheinigen, dass sie nicht über die Latte gesprungen, sondern unter ihr hindurchgelaufen sind. Daher ist ein Engagement der öffentlichen Hand wohl unerlässlich. Immerhin könnte man über einen Teilverkauf von Flächen nachdenken. So gibt es im Anschluss an die Schlossfreiheit eine schmale Grundfläche, für die eine private Nutzung in Frage käme. Ich rate ferner dazu, die Überlegungen nicht nur auf den Schlossplatz zu konzentrieren, sondern auch zum Beispiel den Komplex des Staatsratsgebäudes zu berücksichtigen. Doch bei allen Überlegungen ist es wichtig, keinen dogmatischen Engführungen zu erliegen.

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